FOCUS ON GERMAN STUDIES 17 209 RÜCKBLICK NACH ZEHN JAHREN: HANS-MICHAEL SPEIER IM GESPRÄCH iteraturwissenschaftler, Herausgeber, Übersetzer, Dichter – all diese Tätigkeiten finden sich in der Person von Professor Hans- Michael Speier vereint. Nach Studium und Promotion war Professor Speier unter anderem als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Freien Universität Berlin tätig. Seit 1997 Visiting Faculty Member an der University of Cincinnati, hat er zudem unter anderem am Dartmouth College in New Hampshire und an der Universität von Leipzig unterrichtet. Darüber hinaus ist er im Sommer am renommierten Deutschprogramm des Middlebury Colleges in Vermont beteiligt. Als Herausgeber ist er für Park. Zeitschrift für neue Literatur und das Paul-Celan- Jahrbuch sowie mehrerer Lyrikanthologien verantwortlich. Übersetzungen zeitgenössischer Poesie aus dem Französischen, Italienischen und Englischen zählen zu seinen Leistungen. Als Dichter kann der Schillerpreisträger auf acht eigene Gedichtbände sowie Veröffentlichungen in über 40 Anthologien zurückblicken. Seine Gedichte sind in zwölf Sprachen übersetzt. Im Frühjahr 2010, zehn Jahre nach seinem ersten Interview für Focus, besuchte Hans-Michael Speier die University of Cincinnati für eine Dichterlesung. Diese war Anlass für einen Rückblick und einen Blick in die Zukunft. FOCUS Unsere erste Frage ist gleich eine “recycelte:“ Vor zehn Jahren, als Sie unserem Jahrbuch das erste Interview gaben, hieß diese Zeitschrift noch Focus on Literatur. Beginnend in den 90er Jahren, aber besonders in den letzten zehn Jahren hat die ganze Disziplin in ihrem Fokus und ihrer Zielsetzung bekanntlich eine Neuausrichtung erfahren. Unser Institut heißt inzwischen Department of German Studies und unsere Zeitschrift entsprechend Focus on German Studies. Unsere Frage ist daher: Welche Felder interessieren Sie, was finden Sie spannend am Konzept German Studies, gerade auch als jemand, der sich oft in den USA aufhält und hier an den Universitäten lehrt? HANS MICHAEL SPEIER Was German Studies als Fach betrifft so kann ich mir kein Urteil erlauben. Die Neuausrichtung der Germanistik ist sicher auch eine Reaktion auf die Zersplitterung der Disziplinen; man sucht wieder die Synthese. Ich selbst habe L 210 HANS-MICHAEL SPEIER IM GESPRÄCH aber Literaturwissenschaft sowieso nie ausschließlich als eine Wissenschaft der Literatur betrachtet und schon im Studium versucht, Philosophie und andere Fächer, wie Kunst- und Musikwissenschaft, in die literarische Hermeneutik einzubeziehen. Dass amerikanische Studenten von Heidegger, Hegel oder Freud durch German Studies erfahren, ist erfreulich, zumal man sich um diese Denktraditionen bei den Philosophen oft kaum noch kümmert. Die Kehrseite der positiven universelleren Ausrichtung des Fachs könnte sein, dass die Faszination durch Literatur im Vergleich zu der durch „Kultur“ zu kurz kommt. FOCUS Vor zehn Jahren haben Sie als Ihre Lieblingsautoren (natürlich) Paul Celan sowie Stefan George und Hugo von Hofmannsthal angeführt … generell Schriftsteller, die stark mit und an der Sprache gearbeitet haben. Wie sieht das heute aus? Wen haben Sie dieser Liste hinzugefügt? Haben Sie neue Autoren entdeckt, oder wiederentdeckt? HMS Ja gut, in diesem Interview damals habe ich ein paar große Namen genannt, die mir auf der Zunge lagen, und die meine wissenschaftliche Arbeit betrafen – und sie zum Teil noch zutreffen. Immer wieder gern lese ich die Prosa von Doderer, die sprachlich eine starke poetische Grundierung hat. Auch jüngere Dichter interessieren mich, wie der kürzlich verstorbene Thomas Kling, den ich spät und erst als Lesenden richtig verstanden habe. FOCUS Lyrik muss laut gelesen werden? HMS Keine Frage. Lyrik kommt ja nicht zufällig vom Gesang her. Wir sind heute meist nur lautlose Leser, aber spricht man ein Gedicht, so steht es auf und geht. FOCUS Gut, zurück zur ursprünglichen Frage: Wer muss noch laut gelesen werden? HMS Eine ganze Reihe von Gegenwartsautoren, zum Beispiel unbedingt Gerhard Falkner, auch Ulrike Draesner oder Monika Rinck. Aber es gibt viele, auch ältere Autoren, wie Christoph Meckel. Vorlieben wechseln, oft spielt der Zufall eine Rolle. Die FOCUS ON GERMAN STUDIES 17 211 Werke Helmut Heißenbüttels habe ich mir hier quasi aus Versehen aus der Bibliothek geholt. Das ist etwas fundamental anderes als meine eigenen Texte, und ein Autor, der zu seiner Lebenszeit hochberühmt war und nun fast vergessen ist. Es gibt jedenfalls immer wieder Entdeckungen, und natürlich nicht nur im Deutschen. Zum Beispiel lese ich hier gerade großartige zeitgenössische amerikanische Poesie. FOCUS Haben Sie amerikanische Lyrik mit ihren regelmäßigen Reisen in die USA für sich entdeckt? HMS Nein, ich habe sie ja auch schon früher übersetzt, zum Beispiel Michael Palmer oder Rosmarie Waldrop. Aber sie ist mir – und gerade ihre jüngsten Autoren – vor Ort natürlich viel leichter zugänglich als in Deutschland. Das gleiche gilt übrigens für die jeweilige Poesie, wenn ich in Frankreich oder Italien unterwegs bin. FOCUS Deutschland und die USA. Vor zehn Jahren haben Sie sich leise beschwert, dass das Konzept des Akademikers, der gleichzeitig schaffender Künstler ist, in Deutschland so nicht existiert. Ist das ein Grund dafür, in den USA zu arbeiten? Also T.S. Eliot, C.S. Lewis, Michael Speier ... HMS Ich fühle mich hier in den USA immer sehr willkommen, wenn ich mich auch mit den genannten Literaturgrößen nicht vergleichen möchte. Es ist nicht so, dass die deutsche Universität den lebenden Autor geradewegs ausschließt, ich werde ja auch an deutsche Unis zu Lesungen eingeladen. Aber die Konzeptionen der Universitäten sind in den beiden Ländern eben sehr verschieden. Es gibt an der deutschen Uni ganz sicher noch immer Berührungsängste zwischen Autoren und Vertretern der Literaturwissenschaft. Obwohl sich in den letzten zehn Jahren da einiges getan hat, erreicht die Zusammenarbeit noch lange nicht das selbe Niveau wie in den USA, wo nicht- akademische Autoren festangestellt an den Universitäten arbeiten und lehren. Es gibt zwar seit einiger Zeit in Berlin eine Zeit-Professur für Poetik, nämlich an der Freien Universität, aber Kreatives Schreiben ist an den deutschen Hochschulen nicht wirklich 212 HANS-MICHAEL SPEIER IM GESPRÄCH verankert. Mit zwei Ausnahmen: Das legendäre Leipziger Literaturinstitut, an dem ich einige Semester lehrte, und eine kleinere Einrichtung dieser Art an der Universität Hildesheim. An beiden Institutionen werden angehende Berufs-Autoren ausgebildet. Das ist wirklich eine tolle Sache, so etwas sollte es natürlich an jeder Universität geben. Dafür fehlt aber immer noch ein grundsätzliches Verständnis in Deutschland. Hier in den USA sieht man das viel entspannter. FOCUS Ein Blick auf Ihre Gedichtbände zeigt, dass diese sehr liebevoll gemacht sind. Man findet darin Zeichnungen, hochwertiges Papier, usw. Wie sehr sind Sie in den Gestaltungsprozess des jeweiligen Buches eingebunden, in die Frage wie der fertige Band am Ende tatsächlich aussehen wird? HMS Es gibt keinen Gedichtband von mir, an dem nicht ein anderer Künstler mitgewirkt hat. Es interessiert mich, mit Künstlern anderer Gattungen zusammenzuarbeiten, mit Malern und Malerinnen, wie Christa von Baum, Anna Holldorf oder Wolfgang Seierl, der auch Komponist ist. Außerdem finde ich, dass Bücher, die nicht in hoher Auflage erscheinen, ruhig ein bisschen anspruchsvoller gestaltet sein dürfen. Darüber hinaus habe ich übrigens auch mit Musikern wie dem erwähnten Wolfgang Seierl oder dem unglaublichen Saxophonisten und Komponisten Joachim Gies gearbeitet. Die Musiker vertonen meine Texte oder äußern sich musikalisch dazu, zum Teil sind auch gemeinsame CDs entstanden. Dieses Übersetzen von Texten in andere Gattungen macht mir viel Spaß. Vielleicht steckt die ur-romantische Idee von der Einheit der Künste dahinter. FOCUS Da Sie es offenbar genießen, wenn ein Buch anspruchsvoll aufgemacht ist, würden Sie sich selber als Bibliophilen bezeichnen? HMS Büchersammeln ist eine Sucht, die leider auch zu ständigen Raumproblemen in meiner Wohnung führt. FOCUS An anderer Stelle haben Sie einmal erwähnt, dass Sie noch vor Ihrer Laufbahn in der Welt der Literatur ursprünglich als Musiker begonnen haben. Glauben Sie, dass Ihr Interesse mit FOCUS ON GERMAN STUDIES 17 213 verschiedenen Künstlern aus verschiedenen Medien zusammenzuarbeiten auch daher rührt, dass Sie selbst gerne die Fühler in verschiedene Richtungen ausstrecken? HMS Möglich. Ich habe ja lange Musik gemacht und immer gern gemalt, aber man kann eben nur eins, schon aus Zeitgründen. Und mit dem Gedicht habe ich nun einmal eine optimale Form des Ausdrucks gefunden. FOCUS Stichwort Medien- und Technologiesprung: Inwiefern hat die Weiterentwicklung der Technik einen Einfluss auf Ihre Arbeit als Übersetzer, als Dichter und / oder als literary scholar? HMS Der Computer hat die technische Seite der Übersetzungsarbeit revolutioniert. Wie viele jeweils neu getippte Gedichtversionen waren früher nötig, wenn sich auch nur ein Enjambement verschob? Für die Literaturarchive stellt sich hingegen das Problem, dass es kaum noch dokumentierbare Entstehungsstufen eines Textes gibt, weil der Autor gewöhnlich nur die letzte, endgültige Fassung aufbewahrt und die Zwischenschritte überschreibt oder löscht. Hierzu eine interessante eigene Erfahrung. Im Zusammenhang mit der internationalen Konferenz „Medien im Wandel“ in Frankfurt / Main trat kürzlich der Literaturwissenschaftler Thorsten Ries an mich heran, mit der Bitte ihm die alte Diskette meines längen Poems „St. Nazaire, ground zero“ aus dem Jahr 2001 zur Verfügung zu stellen. Dieses längere Gedicht, das 2002 zweisprachig deutsch-französisch erschien, ist während eines Arbeitsaufenthalts im September 2001 in St. Nazaire an der Atlantikküste entstanden. Der Endversion gingen 32 Vorstufen voraus, die ich sämtlich gelöscht glaubte. Ries hat sie aber durch ein besonderes Verfahren wieder sichtbar gemacht und den Entstehungsprozess des Gedichts nicht nur im Einzelnen verfolgt, sondern auch literaturwissenschaftlich minutiös kommentiert. Das war für mich wie ein Blick ins eigene Gehirn, spannend aber auch ein wenig erschreckend... Ich tippe nämlich in meine Manuskripte auch Querverweise, Zitate und literarische Bezüge, manchmal sogar Briefpassagen mit hinein. Riess hat das alles wieder hervorgeholt und so den verschlungenen Gang, den oft chaotischen Prozess einer Gedicht-Genese offen gelegt. 214 HANS-MICHAEL SPEIER IM GESPRÄCH Die Technik hat natürlich auch Auswirkungen auf meine Arbeit als Herausgeber von „PARK. Zeitschrift für neue Literatur.“ Eine Zeitschrift profitiert, wie schon der Name sagt, von der Zeit, nämlich der kurzen Zeit, in der sie erscheinen kann (im Vergleich zum Buch und seinem langwierigen, oft komplizierten und teuren Produktionsprozess). Ich kann rascher Poeten publizieren als in einem Buch. Ich kann Übersetzungen bringen, die vielleicht erst in zehn Jahren, wenn überhaupt, in Buchform gedruckt werden… Das Medium Internet hat diese Vorteile aber teilweise überholt. Es gibt zahlreiche Internetzeitschriften, die schneller als eine Printzeitschrift agieren und ein weitaus breiteres Publikum erreichen. Und ich frage mich inzwischen manchmal, warum mache ich diese Zeitschrift überhaupt noch? FOCUS Warum denn? HMS Zum Teil ist es einfach eine schöne Gewohnheit (lacht). Und die Autoren sagen natürlich, aus verständlichen egoistischen Gründen: Hör bloß nicht auf, mach weiter. Ernsthaft: Ich möchte diese Arbeit und die persönlichen Kontakte – es sind ja inzwischen einige hundert Schriftsteller - wirklich nicht missen. Spannend ist es auch, mit bisher Unveröffentlichtem, dem Allerneusten an Literatur zu tun zu haben. FOCUS Die letzte Frage im Bezug auf unser letztes Interview mit Ihnen geht zurück auf den gerade bei Celan überstrapazierten Begriff „Hermetik.“ Die Frage, ob es sich bei Ihnen um einen hermetischen Dichter handelt, haben Sie damals verneint, und ich nehme an, das wäre auch heute noch der Fall. Viel interessanter jedoch erschien mir dabei Ihr offensichtliches Unbehagen im Bezug auf den Begriff selbst. Woher rührt dieses Unbehagen? HMS Wahrscheinlich rührt es von der persönlichen Erfahrung mit diesem Wort als einem polemischen Begriff her. Heute kann damit ja kaum noch jemand etwas anfangen, aber bis in die 80er und auch noch die frühen 90er Jahre war es ein regelrechter Kampfbegriff. Damit wurden Dichter etikettiert, die an der Poesie eben mehr die Poesie als solche interessierte als etwa gesellschaftliche Probleme. Die politische und Alltagslyrik FOCUS ON GERMAN STUDIES 17 215 bildete damals den Mainstream. Heute ist es eher umgekehrt, politische Poesie ist out, die sogenannte hermetische Poesie allseits akzeptiert und Autoren wie Celan, Nelly Sachs oder Ingeborg Bachmann der letzte Schrei. FOCUS Das ist schön zu hören. Schließlich: Was passiert bei Ihnen Anregendes in allernächster Zeit? HMS Da kann ich nur aus dem „recycelten“ Interview zitieren: Ich mache weiterhin das was ich immer mache: schreiben, edieren, unterrichten. Es gibt einige Lesungen, am Berliner Institut Francais und beim Poesiefestival, eine neue Ausgabe meiner Zeitschrift steht vor der Tür, ich nehme an einem spannenden Übersetzungsworkshop zur belgischen Poesie teil und im Sommer unterrichte ich wie jedes Jahr am Middlebury College im Sommerprogramm der Language School, diesmal unter anderem ein Faust-Seminar. FOCUS Macht H.M. Speier in zehn Jahren (bei unserem nächsten Interview) noch immer „das, was er immer macht“ oder kreuzt er auf goldener Yacht in der Karibik? HMS Karibik wäre gut, Yacht muss nicht sein. FOCUS Wir halten die Finger gekreuzt und die Daumen gedrückt für Sie. Herzlichen Dank und einen schönen Sommer in Vermont. Wir freuen uns auf das nächste Gespräch in zehn Jahren. HMS Ich mich auch, und danke gleichfalls. Tobias Grünthal und Alexandra Parks führten dieses Interview im April 2010. 216