FOCUS ON GERMAN STUDIES 17 217 EIN INTERVIEW ÜBER „DIE ÄSTHETIK DER NACHHALTIGKEIT“ MIT SABINE WILKE r. Sabine Wilke promovierte über „Die ästhetische Struktur moderner Theorie: Überlegungen zu einem Konvergenzpunkt der Arbeiten Martin Heideggers, Jacques Derridas und Theodor W. Adornos” an der Johannes-Gutenberg Universität Mainz, bevor sie ihre Lehrtätigkeit in den USA aufnahm. Nach Anstellungen an der University of California, Davis und Stanford University ist sie nun Professorin und Chair des Department of Germanics an der University of Washington in Seattle. Sie hat zu Themen wie T.W. Adorno und Frankfurter Schule, Feminismus bei Christa Wolf und Elfriede Jelinek, Gender-Fragen und deutsche Postkolonialismus in Afrika und im Pazifik in deutscher Literatur publiziert. Zurzeit beschäftigen Dr. Wilke ökologische Bilder in Verbindung mit dem postkolonialen Diskurs in deutscher Literatur des 20. bzw. 21. Jahrhunderts. Im Oktober 2010 hielt sie einen Vortrag mit dem Titel „Die Inszenierung von Bayern als hybride Heimat: Werner Herzogs Herz aus Glas“ an der Universität Cincinnati im Rahmen der jährlichen Focus on German Studies Konferenz. FOCUS Könnten Sie kurz die wichtigsten Meilensteine oder vielleicht Wendepunkte Ihres beruflichen Werdegangs hervorheben? SABINE WILKE Ich komme von der Kritischen Theorie, deren Grundprämissen meine Arbeit bis heute leiten. In meiner Dissertation habe ich mich mit Fragen des Vergleichs ästhetischer Positionen Adornos, Heideggers und Derridas auseinandergesetzt; in dem darauf folgenden Projekt ging es um die Frage der Verortung von Mythologie in der Literatur der Nachkriegszeit. Die erste Öffnung hin auf andere methodische Fragestellungen kam dann Ende der achtziger Jahre, als ich anfing Butler zu lesen und mich verstärkt mit gender-Fragen auseinandergesetzt habe. Das führte zu einer Reihe von Arbeiten über Bachmann, Jelinek, feministische Performancekunst, bis hin zu einer systematischen Befragung der Rolle des Körpers in der Moderne und dessen Konstruktionsprinzipien. Ganz im Sinne der Denkfigur der Dialektik der Aufklärung sehe ich aufbauende wie auch zerstörende Prinzipien am Werk, die den modernen Körper D 218 EIN INTERVIEW ÜBER „DIE ÄSTHETIK DER NACHHALTIGKEIT“ MIT SABINE WILKE bestimmen, beispielsweise in Schöhnheitsregimes oder in Praktiken der Körperkultur und des Sports, sogar in Folterszenarien und in sado-masochistischen Praktiken. Von hier aus war es ein Katzensprung zu meinem letzten Projekt, das sich mit masochistischen Tendenzen in der deutschen Kolonialliteratur beschäftigt hat, besonders was die Auseinandersetzung mit Afrika anbelangt. Während der ganzen Zeit meiner Arbeit an Texten aus der Zeit des deutschen Kolonialismus und dessen Rezeption in der postkolonialen Periode habe ich mich immer auf die anthropologische Dimension dieser Texte konzentriert und gefragt, was für Mechanismen von ‚Othering‘ dort am Werk sind. Dabei habe ich vollkommen übersehen, das es in den Texten, die sich mit anderen Kulturen und anderen Orten beschäftigen, auch um Natur geht, dass diese Texte unseren Zugang zu Natur reflektieren und formen. FOCUS Neben Ihrer Tätigkeit in der Germanistikforschung engagieren Sie sich gleichsam administrativ als Chair im Department of Germanics an der Universität Washington, Seattle. Wie verbinden Sie die beiden Positionen und schaffen es produktiv zu bleiben (Publikationen, Vorträge im In-und Ausland)? SW Das muss man täglich verhandeln. Manchmal gibt es Zeit zur Forschung und zum Schreiben, aber oft auch nicht. Wir alle haben zum Glück den Sommer, wo keine Lehre stattfindet und man sich ganz auf die Forschung (und die Erholung!) konzentrieren kann. Meine Familie und ich verbringen jeden Sommer in unserem Haus in den Bergen weit weg vom Büro. Das ist wichtig. Dann hatte ich sehr viel Glück mit dem Beantragen von Jahresstipendien und war mehrfach ein ganzes Jahr von Lehre und Verwaltung freigestellt. An den Tagen, an denen ich zuhause arbeite, lasse ich mich nicht von Email stören, ich schaue erst spät am Tag in meine Inbox. Ich habe zum Glück wunderbare Rückendeckung von meiner Familie und von meinen Kollegen und Mitarbeitern. Sie alle unterstützen mich in meiner Arbeit. Aber das Wichtigste ist, dass alle diese Aspekte des Berufs einem richtig Spaß machen. Und das ist bei mir der Fall. FOCUS ON GERMAN STUDIES 17 219 FOCUS Im letzten Jahr wurden vermehrt Germanistik-Institute an amerikanischen Universitäten, darunter das der University of Southern California und University of Nevada in Reno, geschlossen. Wie sollte man Ihrer Meinung nach darauf reagieren? Was tun Sie als Chair um das Programm ihres Instituts möglich attraktiv zu gestalten? SW Das ist allerdings ein trauriges Thema. Das Problem ist, glaube ich, ein systematisches. Deutsch verschwindet als Unterrichtssprache in den öffentlichen Schulen, aus diversen Gründen, hauptsächlich politischen, aber auch finanziellen (die chinesische Regierung pumpt Gelder in die amerikanischen Schulen zur Unterstützung von Sprachlehrprogrammen zum Beispiel, die deutsche Regierung unterstützt die Lehre der Sprache an Schulen nur indirekt durch Fachberater an den Goethe-Instituten, Kulturattaches an den Konsulaten oder Vertreter der Zentralstelle für das Auslandsschulwesen, und auch das nimmt stetig ab). Der Schuldistrikt bei uns in Seattle hat schon lange kein einziges Deutschprogramm mehr. Seattle ist nicht Cincinnati oder St. Louis, wo Deutsch noch im Stadtbild präsent ist. Wir orientieren uns ganz am Pacific Rim. Es kommen also immer weniger Studierende mit Vorkenntnissen in der deutschen Sprache in die Universitäten. Dieses Jahr sind es an meiner Universität 195 (von 5500 Freshmen!), letztes Jahr waren es noch 215, vor sechs, sieben Jahren 395. Das weiß ich, weil ich sie alle anschreibe und einlade, bei uns weiterzustudieren. Das heißt, wir müssen uns unsere Studenten aktiv selber suchen und mit allen anderen Sprachen konkurrieren, die, bis auf Spanisch, im selben Boot sitzen. Die Universität hilft dabei nicht, denn wir haben kein universitäres language requirement. Also wird Werbung gemacht, alle Advisors werden angeschrieben, die die Studierenden bei der Kurswahl beraten, Poster überall aufgehängt, spezielle Seminare für Neuzugänge angeboten (bei uns heißen sie „Discovery Seminars” und finden in dem Monat vor Vorlesungsbeginn statt) und große Vorlesungen über populäre Themen auf Englisch angeboten – in der Hoffnung, dass der eine oder andere bei uns hängen bleibt. Die Studenten, die wir dann bekommen, fangen oft bei Null an, das heißt, man muss attraktive Intensivkurse anbieten, um sie innerhalb von zwei Jahren soweit zu bringen, dass sie deutsche Literatur lesen können. Wir haben neben dem 220 EIN INTERVIEW ÜBER „DIE ÄSTHETIK DER NACHHALTIGKEIT“ MIT SABINE WILKE Intensivkurs im Sommer zwei solche Programme. Eines heißt „Spring in Vienna” und eine Gruppe von ungefähr zwanzig Studierenden geht im Spring Quarter nach Wien und hat dort zwei Monate lang intensiven Sprachunterricht an einem Sprach- und Kulturinstitut. Im folgenden Monat stößt dann ein Mitglied unseres Instituts, meistens ein Doktorand oder eine Doktorandin, zu der Gruppe hinzu und bietet ein Seminar an, das sich mit zeitgenössischen Themen beschäftigt und wo Kursionen nach Prag oder in die Umgebung Wiens den Lehrplan vertiefen. Das andere Programm nennt sich German Express und die Idee dahinter ist, dass die Studierenden in einem Jahr den Lehrplan für das zweite und das dritte Jahr durchlaufen und dann im Sommersemester in Deutschland studieren. Dafür stehen auch Stipendien zur Verfügung. Die Graduierten dieses Programms sind dann in der Lage, ihr Hauptfachstudium aufzunehmen. Alle diese Maßnahmen haben bewirkt, dass die Zahl der Hauptfächler bei uns gleich geblieben (ungefähr 50) und nicht abgefallen ist. Sollte das passieren, ist allerdings Alarmstufe rot angesagt, denn keine Universität kann sich in diesem Klima Programme leisten, die geringe Einschreibzahlen aufweisen (beziehungsweise diese Programme müssen auf eine andere Weise ihre Existenzberechtigung erwerben). Also um Ihre Frage zu beantworten, was wir machen, um unser Programm attraktiv zu gestalten: Wir machen Werbung, wir bieten Qualität, ein vollstrukturiertes und artikuliertes Sprachprogramm, attraktive Lehrangebote, Stipendien für das Studium im Ausland, persönliche Betreuung und Möglichkeiten zu extrakurrikulären Aktivitäten. Dafür sind die Kontakte zu den Goethe-Instituten und Konsulaten wichtig, die unsere Arbeit in der Richtung unterstützen können. Das bringt mich zu dem anderen Teil Ihrer Frage. Wie reagiert man auf die Streichung der germanistischen Institute in Nordamerika? Ich bin in meiner Funktion als Vizepräsidentin der regionalen MLA an der Westküste in die Rolle der Fürsprecherin für Deutschprogramme geschlüpft. Meine Organisation hat anlässlich der Schließung der Germanistik an USC eine Petition an die Verwaltung geschickt, ohne Erfolg natürlich. Als sich abzeichnete, dass auch in meinem eigenen Bundesland an der Washington State University ein ähnlicher Plan vorlag, sind wir proaktiv geworden und haben eine Phalanx FOCUS ON GERMAN STUDIES 17 221 aufgebaut, die aus allen Organisationen besteht, die mit der Förderung der deutschen Sprache und Kultur zu tun haben, also der lokalen und nationalen AATG, der GSA, dem DAAD, den Konsulaten und der Botschaft, der MLA usw. Sie alle haben Protestbriefe geschrieben, die auf die Kurzsichtigkeit von solchen Streichungen hingewiesen haben. Im Falle der Washington State University hat es sogar den milden Effekt gehabt, dass Deutsch zumindest als Nebenfach weitergeführt wird. Bei der University of Nevada, Reno, war alles umsonst. Es war schon vorentschieden, wie das so oft der Fall ist. Zweit- oder drittrangige Universitäten, an denen es hauptsächlich berufsqualifizierende Studiengängen gibt, werden ein Fach wie Germanistik fallen lassen, weil es teuer ist. Wir gehen mit Hochschulen so um als handele es sich um Firmen. Die besseren Colleges und Universitäten wissen uns zu schätzen und wir werden toleriert, auch wenn wir höher subventioniert werden als andere, aber wir werden in der Zukunft diesen guten Willen und dieses Vertrauen erarbeiten müssen, indem wir uns an den großen Vorlesungen im undergraduate Bereich beteiligen. Wenn wir zeigen können, dass wir Interessantes zu bieten haben, was für Studierende aus anderen Fachbereichen relevant ist, dann haben wir eine blühende Zukunft. Ich bin zuversichtlich. Ich werde zum ersten Mal im nächsten Jahr eine Vorlesung über geisteswissenschaftliche Aspekte von Umweltstudien anbieten, die für Studierende von allen Geisteswissenschaften-Instituten, aber auch für Studierende unseres neuen College of the Environment – also Naturwissenschaftler – offen ist. Ein wahres Experiment, aber das ist unsere Zukunft und ich muss sagen, ich freue mich auf den Austausch. FOCUS In Ihrem Vortrag anlässlich der Focus on German Studies Graduate Conference im Oktober 2009 sprechen Sie von einer „hybriden Heimat” in Werner Herzogs Herz aus Glas (1976). Wie definieren Sie „Heimat” und auf welche Art und Weise setzt Herzog dieses Konzept im Film um? SW Das Thema der Tagung war ja „Beyond Heimat.” Heimat verstanden als authentisch gelebtes Konzept, beispielsweise im Heimatfilm der fünfziger Jahre. Davon setzt sich Herzog ganz dezidiert ab. Bei Herzog gibt es keine Authentizität, nur 222 EIN INTERVIEW ÜBER „DIE ÄSTHETIK DER NACHHALTIGKEIT“ MIT SABINE WILKE Parodien von Authentizität. Er arbeitet sich in seinem Film Herz aus Glas ganz bewusst durch die Frage „was ist Bayern und mit welchen Bildern arbeitet ein solches Konzept” durch. Herzog zeigt den vermittelten Charakter dieser (und aller anderen) Bilder von Heimat, indem er sie ganz offen und bewusst zusammensetzt aus Bildern von einer ganz anderen Provenienz, Bilder von Yellowstone, Alaska und den irischen Skelligs beispielweise. Was haben diese Bilder in einem Film zu suchen, der im bayrischen Wald im frühen neunzehnten Jahrhundert angesiedelt ist? Oder die ganz bewussten Inszenierungen der Rückenfigurenperspektive von oben in die Landschaft hinein, die wir bei Caspar David Friedrich haben? Da stimmt zumindest die zeitliche Verortung. Herzog will uns durch diese Inszenierungen veranschaulichen, dass alle Authentizitätskonzepte wie hier das heimatliche Bayern, sekundäre Konstruktionen sind, die sich zusammensetzen aus allen möglichen hybriden Elementen, nicht homogene ungebrochene Einheiten. Es geht mir darum, anhand von Herzogs Film generellere Strukturen freizulegen, die etwas mit Austausch und Kulturtransfer zu tun haben, Brechungen, die einen Prozess der Verschiebung in Gang setzen, bei dem Bedeutung überhaupt erst entsteht. Bedeutung ist nicht einfach unproblematisch da – meinetwegen in Form der bayrischen Heimat – , sondern sie entsteht erst, in diesem Fall ist sie Ergebnis eines Transferprozesses zwischen verschiedenen Kulturen und Zeiten. Herzogs angeblich heimatliches Bayern ist Produkt interner Differenzen von Bildern aus verschiedenen Zeiten und Orten. FOCUS In Ihrem Vortrag heißt es, „Herzogs Bayern war schon immer transnational konzipiert.” Wie sieht dieser Aspekt in seinen anderen Filmen aus? SW Wir beziehen den Begriff transnational in erster Linie auf zeitgenössische Literatur und Film, auf kulturelle Artefakte aus dem Zeitalter der Globalisierung, der Migration, auf deutsch- türkische Kultur beispielsweise. Ich sehe aber diese transnationale Arbeitsweise bereits in den frühen Herzogfilmen. Was Randall Halle in seinem Buch über German Film after Germany beschrieben hat, ist bei Herzog bereits in Ansätzen vorhanden: der Impuls zu globalen Themen, einer globalen FOCUS ON GERMAN STUDIES 17 223 Produktionsweise und einer transnationalen Ästhetik. Als der neue deutsche Film hauptsächlich Nabelschau betrieben hat, war Herzog bereits überall auf der Welt mit seiner Kamera unterwegs, in Afrika, in Südamerika und jetzt eben auch bei den Bären in Alaska, am Südpol oder in einer französischen Höhle, mit global zusammengesetzten Teams, finanziert aus diversen Quellen. Alle Herzogfilme haben diesen transnationalen Ansatz, der in einer ganz bestimmten Ästhetik resultiert, einer ganz bewussten und selbstreflektierten Bildkonstruktion, die Inszenierungen gegen vermeintlich geglaubte Authentizität setzt, sei es mit Bruno Ganz als Jonathan Harper und Klaus Kinski als Graf Dracula, als Aguirre oder Fitzcarraldo. Diese Filme beginnen mit einem Bild und sie hören mit einem Bild auf und dazwischen gibt es nur weitere Bilder, Inszenierungen von Bildtraditionen, die auf ihre Relevanz für das jeweilige Thema abgeklopft werden. Auf der Spitze von Cerro Torre ist eben auch nur ein Bild, und zwar eine Fotografie von Mae West. Der männliche Ehrgeiz des Bergkletterns wird als die Suche nach einem Bild inszeniert. Die angeblich Authentischste aller Erfahrungen mit Natur – das freie Klettern am Berg – ist eben doch nur eine Sekundärerscheinung und die Geste der Authentizität wird damit zur Parodie. Auch dieser Film, Schrei aus Stein, arbeitet bereits mit einer transnationalen Ästhetik. FOCUS Ihr neues Forschungsprojekt handelt von Kritik an der Ökologie in deutscher Literatur- und Kulturwissenschaft. Der Umgang des Menschen mit der Natur ist schon seit den Romantikern ein bekanntes Thema. In wie weit spiegelt sich diese Tradition in den Werken des 20. / 21. Jahrhunderts wider? Was hat sich verändert? SW Ich habe im letzten Winter einen Kurs über europäische Romantik angeboten und da haben wir lang und breit über ökologische Fragen diskutiert. Wie sah ein romantischer Wald aus? Wie werden in romantischen Texten Naturerfahrungen transkribiert? Wie wird das Innere der Erde, der Himmel, die Wolken, die Vögel beschrieben? Die romantische Naturerfahrung, wenn man grob verallgemeinern will, ist eine der subjektiven Projektionen. Das romantische Subjekt geht durch den dichten Wald, vielleicht Lieder singend wie der Taugenichts oder verängstigt wie Tiecks Bertha. Aber letztendlich spiegelt die Erfahrung mit der äußeren Natur innere 224 EIN INTERVIEW ÜBER „DIE ÄSTHETIK DER NACHHALTIGKEIT“ MIT SABINE WILKE Vorgänge, eine Entwicklung, die dann im Expressionismus ganz radikal zur Spitze getrieben wird. Heute greifen diese Muster nicht mehr, obwohl wir immer noch darin verfangen sind. Handkes Sorger ist Geologe und er umrundet den Mont St. Victoire, besteigt ihn sogar, es kommt aber zu keinem Gipfelerlebnis. Christa Wolfs Erzählerin greift zu apokalyptischen Modellen, um die Nachrichten eines Tages zu erzählen, an dem ein Störfall passiert. Ransmayrs Polfahrer gehen den Spuren anderer nach und verlieren die Orientierung und Judith Herrmanns Islandbesucher suchen das Erhabene auf Film zu bannen. Die Modelle sind die gleichen, aber sie führen nicht mehr zu dem erhabenen Moment. Kehlmanns Humboldt und Bonpland rutschen auf dem Eis aus und Hamanns Kilimandscharo Benefit-Run Teilnehmer kehren vollkommen erschöpft vor dem Gipfel um. Wir arbeiten uns systematisch durch die Muster der Naturideologie durch, um wieder an den Anfang zurückzukommen. Deswegen ist die Figur Alexander von Humboldts ganz zentral in meinem neuen Projekt, denn er hat bereits diese Ideologie durchkreuzt. Am Beginn der Konstitution des Mythos vom Erhabenen steht bereits dessen Durchquerung. Humboldts Bericht von der gescheiterten Besteigung vom Chimborazo ist viel selbstkritischer als Kehlmann formuliert. Die Ideologie der europäischen Vormacht über anderes Wissen und über die Natur ist bereits im Ansatz und im Moment ihres Entstehens problematisiert. Womit wir wieder bei der Dialektik der Aufklärung angekommen sind. FOCUS Wie lässt sich das Thema Kritik an der Umwelt mit dem Postkolonialismus verbinden? SW Da gibt es ganz entscheidende Überschneidungen. Eine ökokritische Orientierung in den postkolonialen Studien bzw. eine postkoloniale Ausrichtung in den Ökostudien wird gerade heiß debattiert in Zeitschriften wie ISLE (Interdisciplinary Studies of Literature and the Environment) oder in Büchern, die im Erscheinen sind (beispielsweise in einem Band zu „The Postcolonial Green” bei UVA Press, für den ich auch einen Beitrag zu Humboldt geliefert habe). Die postkolonialen Studien tendieren zu einer globalen Perspektive, die allerdings die Prozesse der Naturausbeutung oft ausklammert und sich von daher einseitig mit anthropologischen Fragestellungen beschäftigt. Die kritischen Ökostudien kümmern sich eher um FOCUS ON GERMAN STUDIES 17 225 lokale Prozesse der Vergewaltigung der Natur durch den Menschen, tendieren aber oft zu einer neokolonialen Ausrichtung wie etwa einem Fokus auf Überbevölkerung in der dritten Welt (statt Konsumverhalten in der ersten Welt zu untersuchen). Eine Zusammenführung beider Projekte kann da eine wertvolle Korrektur bieten. Für beide Ansätze ist die Figur Alexander von Humboldts ganz zentral zu bewerten, als Kritiker von kolonialen Verhältnissen in seinen Schriften und als Naturforscher, der sich um einen Ansatz der Präsentation seiner Ideen bemüht, die eine ökologische Perspektive miteinschliesst. Humboldt feilt sozusagen an einer Ästhetik der Nachhaltigkeit, die postkoloniale Dimensionen hat. Natürlich ist er als Vertreter seiner Zeit auch immer im Netz der kolonialen Strukturen verfangen, das ist klar und darf nicht unter den Tisch gefegt werden, aber seine narrativen und imagologischen Modelle der Darstellung von kolonialen Naturszenen heben doch zumindest vom Ansatz her interessante ästhetische Fragen auf, die heute noch relevant sind. FOCUS Was sind Ihre nächsten Pläne? SW Genau an diesem Problem einer Ästhetik der Nachhaltigkeit weiterzuarbeiten. Wie sieht ein Bild aus, das eine Naturszene (eine botanische oder zoologische Zeichnung beispielsweise oder ein Naturfilm wie beispielsweise die neue Life Serie der BBC) aus einer Perspektive darstellt, die an ökologischen Fragestellungen interessiert ist? Wie sieht ein literarischer Text aus, der sich mit ökologischen Zusammenhängen auseinandersetzt und diese Auseinandersetzung auch poetologisch und ästhetisch reflektiert? Dies möchte ich gerne historisch aufarbeiten und an Hand von Darstellungsmechanismen kolonialer Natur diskutieren, denn in der Auseinandersetzung mit dem Anderen kommen die Profile der jeweiligen Position stärker zur Geltung. Ich möchte auch mehr über die Frage nachdenken, wie ein postkolonialer Begriff des Erhabenen aussehen könnte. Meine Forschungspläne führen mich also wieder zu ästhetischen Fragestellungen. FOCUS Vielen Dank für das Interview. Dieses Interview führte Alexandra Hagen per E-Mail im Juni 2010. 226 227 228 << /ASCII85EncodePages false /AllowTransparency false /AutoPositionEPSFiles true /AutoRotatePages /None /Binding /Left /CalGrayProfile (Dot Gain 20%) /CalRGBProfile (sRGB IEC61966-2.1) /CalCMYKProfile (U.S. Web Coated \050SWOP\051 v2) /sRGBProfile (sRGB IEC61966-2.1) /CannotEmbedFontPolicy /Error /CompatibilityLevel 1.4 /CompressObjects /Tags /CompressPages true /ConvertImagesToIndexed true /PassThroughJPEGImages true /CreateJobTicket false /DefaultRenderingIntent /Default /DetectBlends true /DetectCurves 0.0000 /ColorConversionStrategy /CMYK /DoThumbnails false /EmbedAllFonts true /EmbedOpenType false /ParseICCProfilesInComments true /EmbedJobOptions true /DSCReportingLevel 0 /EmitDSCWarnings false /EndPage -1 /ImageMemory 1048576 /LockDistillerParams false /MaxSubsetPct 100 /Optimize true /OPM 1 /ParseDSCComments true /ParseDSCCommentsForDocInfo true /PreserveCopyPage true /PreserveDICMYKValues true /PreserveEPSInfo true /PreserveFlatness true /PreserveHalftoneInfo false /PreserveOPIComments true /PreserveOverprintSettings true /StartPage 1 /SubsetFonts true /TransferFunctionInfo /Apply /UCRandBGInfo /Preserve /UsePrologue false /ColorSettingsFile () /AlwaysEmbed [ true ] /NeverEmbed [ true ] /AntiAliasColorImages false /CropColorImages true /ColorImageMinResolution 300 /ColorImageMinResolutionPolicy /OK /DownsampleColorImages true /ColorImageDownsampleType /Bicubic /ColorImageResolution 300 /ColorImageDepth -1 /ColorImageMinDownsampleDepth 1 /ColorImageDownsampleThreshold 1.50000 /EncodeColorImages true /ColorImageFilter /DCTEncode /AutoFilterColorImages true /ColorImageAutoFilterStrategy /JPEG /ColorACSImageDict << /QFactor 0.15 /HSamples [1 1 1 1] /VSamples [1 1 1 1] >> /ColorImageDict << /QFactor 0.15 /HSamples [1 1 1 1] /VSamples [1 1 1 1] >> /JPEG2000ColorACSImageDict << /TileWidth 256 /TileHeight 256 /Quality 30 >> /JPEG2000ColorImageDict << /TileWidth 256 /TileHeight 256 /Quality 30 >> /AntiAliasGrayImages false /CropGrayImages true /GrayImageMinResolution 300 /GrayImageMinResolutionPolicy /OK /DownsampleGrayImages true /GrayImageDownsampleType /Bicubic /GrayImageResolution 300 /GrayImageDepth -1 /GrayImageMinDownsampleDepth 2 /GrayImageDownsampleThreshold 1.50000 /EncodeGrayImages true /GrayImageFilter /DCTEncode /AutoFilterGrayImages true /GrayImageAutoFilterStrategy /JPEG /GrayACSImageDict << /QFactor 0.15 /HSamples [1 1 1 1] /VSamples [1 1 1 1] >> /GrayImageDict << /QFactor 0.15 /HSamples [1 1 1 1] /VSamples [1 1 1 1] >> /JPEG2000GrayACSImageDict << /TileWidth 256 /TileHeight 256 /Quality 30 >> /JPEG2000GrayImageDict << /TileWidth 256 /TileHeight 256 /Quality 30 >> /AntiAliasMonoImages false /CropMonoImages true /MonoImageMinResolution 1200 /MonoImageMinResolutionPolicy /OK /DownsampleMonoImages true /MonoImageDownsampleType /Bicubic /MonoImageResolution 1200 /MonoImageDepth -1 /MonoImageDownsampleThreshold 1.50000 /EncodeMonoImages true /MonoImageFilter /CCITTFaxEncode /MonoImageDict << /K -1 >> /AllowPSXObjects false /CheckCompliance [ /None ] /PDFX1aCheck false /PDFX3Check false /PDFXCompliantPDFOnly false /PDFXNoTrimBoxError true /PDFXTrimBoxToMediaBoxOffset [ 0.00000 0.00000 0.00000 0.00000 ] /PDFXSetBleedBoxToMediaBox true /PDFXBleedBoxToTrimBoxOffset [ 0.00000 0.00000 0.00000 0.00000 ] /PDFXOutputIntentProfile () /PDFXOutputConditionIdentifier () /PDFXOutputCondition () /PDFXRegistryName () /PDFXTrapped /False /CreateJDFFile false /Description << /ARA /BGR /CHS /CHT /CZE /DAN /DEU /ESP /ETI /FRA /GRE /HEB /HRV (Za stvaranje Adobe PDF dokumenata najpogodnijih za visokokvalitetni ispis prije tiskanja koristite ove postavke. 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