165 FOCUS ON GERMAN STUDIES 18 “WISSEN IST IMMER EINE FORM DES NICHTWISSENS, WOBEI DAS NICHT DAS GEGENTEIL VON WISSEN BEDEUTET” EIN INTERVIEW MIT DR. PETRA RENNEKE. J edes Jahr ermöglicht die Max Kade Foundation in New York unserer Germanistikabteilung an der Universität Cincinnati für ein Quartal eine/n Professor/in aus Deutschland als Gastdozenten anzustellen. Dieses Jahr hatten wir das Glück, Dr. Petra Renneke aus Paderborn zu uns einladen zu können. 2006 reichte Dr. Renneke ihre Habilitationsschrift mit dem Titel Poesie und Wissen. Poetologie des Wissens der Moderne ein, die 2008 bei Winter veröffentlicht wurde. Zuvor zählten zu ihren zahlreichen Publikationen auch Das verlorene, verlassene Haus. Sprache und Metapher in der Prosa Jenny Alonis und Körper, Eros und Tod. Gustav Klimt im Kontext der Ästhetik des Fin de Siècle. Dr. Renneke bewies nicht nur durch die Qualität ihrer Forschung ihre Qualifikationen als Gastdozentin, sondern zeigte auch durch ihre regelmäßige Teilnahme an den Veranstaltungen im Herbst, wie sehr sie die Studenten in Cincinnati unterstützte und schätzte. Dieses Interview bezieht sich sowohl auf Petra Rennekes Erfahrungen in Cincinnati als auch auf ihr jüngst erschienenes Buch. FOCUS Sie sind jetzt zum ersten Mal in den USA. Was sind ihre Eindrücke von Cincinnati? PETRA RENNEKE Das ist eine wahnsinnig spannende Zeit für mich. Ich mache ganz viele Erfahrungen, und die Erlebnissequenz ist viel größer als bei mir zu Hause. Die Studenten finde ich klasse. Sie sind anders als bei mir in Paderborn, insofern, dass sie – was ich sehr schön finde – eine größere Zurückhaltung und Respekt haben. Die Studenten hier sind einfach aufmerksamer, motiviert und leistungsstark, und das gefällt mir wirklich gut. Was ich jetzt schon vermisse, das sind die Studenten. Die Seminare und die Arbeit mit Ihnen haben mir wahnsinnig viel Spaß gemacht. Die Referate, Klausuren und schriftlichen Arbeiten fand ich durchweg gut recherchiert und von hoher wissenschaftlicher Qualität. Die Lehre macht mir seit fünfzehn Jahren unglaublich viel Freude, und das ist eine 166 INTERVIEWS der wirklich tragenden Erfahrungen hier, muss ich sagen. Auch die Gespräche am Rande oder wie die Studenten mich in Veranstaltungen wie die große Focus-Tagung mit einbeziehen, fand ich sehr kooperativ und anregend; und dann auch mit einer Form von Höflichkeit, die einzigartig ist. Die Studenten in Deutschland sind eher cooler. Die Unterschiede sind für mich ganz tragend für die Zusammenarbeit und das Erzielen von effizienten Ergebnissen. FOCUS Welche kulturellen Unterschiede haben Ihnen Schwierigkeiten bereitet? PR Da gibt es sicherlich viel. Ich habe zum Beispiel geglaubt, dass entsprechend der Preise die Einkommen in den USA höher sind. Das muss man korrigieren. Eine meiner zentralen Frage ist, wie zum Beispiel eine Familie mit zwei Kindern bei den doch relativ niedrigen Einkommen mit der Preisstafflung klar kommt. Eine Antwort ist sicherlich, dass man – anders als bei uns – eben mehrere Jobs hat, und das ist hier wahrscheinlich ganz normal. Vor Beginn der Reise in den USA hatte ich die Vorstellung, dass hier alles unbürokratischer sei. Man denkt, wenn man aus Deutschland kommt, dass Amerika ein ganz freies und unbürokratisches Land ist; aber das stimmt nicht. Vielleicht ist das hier eine andere Form der Bürokratie. Die Unterschiede zwischen den USA und Deutschland veranlassen mich zu einem ganz neuen Blick auf Deutschland und über „Heimat“ anders nachzudenken, in der Form, dass das Zuhause immer auch ein Ort ist, wo man am besten Probleme lösen kann, wie mir Sasha Parks in einem Gespräch erzählte. FOCUS ... auch um überhaupt hier herzukommen. PR ... um überhaupt hier herzukommen. Das ist zum Beispiel auch ein ganz langer Prozess – wie es immer so schön heißt: Proceeding. Aber es ist schon sehr umfangreich. Das nächste Projekt ist das Aufräumen mit Vorurteilen „The Germans are 167 FOCUS ON GERMAN STUDIES 18 so scared about money“ sagte Emily an einem Abend in „Mecklenburgs Biergarten“ mit Schnitzel und Franziskanerweizen auf der Karte. Das stimmt; ein Satz, der etwas über die abnehmende Lebensqualität in Deutschland aussagt. Die Frage „How are you?“ ist keineswegs oberflächlich gemeint, sondern der Amerikaner beginnt mit dieser Begrüßungsformel eine Konversation, die natürlich nicht die ganzen Lebensgeschichten oder detaillierten Befindlichkeiten des Gegenübers meint. Aber diese Formel signalisiert: Ich nehme jemanden in diesem Moment wahr und schenke ihm drei Sekunden Aufmerksamkeit, ob auf der Straße oder im Supermarkt. FOCUS Ja, da stimme ich Ihnen zu. lch glaube auf die nächste Frage sind Sie eigentlich schon gekommen, und zwar welche neuen Erfahrungen haben Sie im DaF-Unterricht gemacht? PR In Deutschland habe ich weniger Studenten, die sehr gut und sehr weit sind und dann aber enorme Leistungen bringen, wie vor kurzer Zeit in einer preisgekrönten B.A.-Arbeit über die Auflösung der Identität bei Kafka. Hier habe ich das Gefühl, dass alle Studenten genuiner an dem Stoff interessiert sind, weil sie durch Deutsch als Fremdsprache natürlich auch härter an dem Material „Sprache“ arbeiten müssen, und sie durch ihren eigenen Sprachunterricht auch sehr viel Energie und sehr viel Arbeit in ihr Studium stecken; nicht zuletzt deshalb, weil fast alle auch Deutsch an der Uni unterrichten. Ich glaube, dass in Deutschland das Studium auch ganz anders strukturiert ist. Dort geht es eher um die Devise mehr fun bei einem zunehmend verschulten Studium infolge der Modularisierung der Studiengänge. In den USA habe ich das Gefühl, dass das Interesse an dem Stoff und vor allen Dingen auch an deutscher Literatur, die ja nun in der Fremdsprache erscheint, größer und intensiver ist. Die Studenten arbeiten damit sehr konzentriert an diesen Themen. Das merkt man besonders an den Referaten, denn die haben wirklich mit 168 INTERVIEWS wenigen Ausnahmen ganz hohes Niveau. Das hat mir sehr imponiert. FOCUS Diesen Herbst haben Sie einen Kurs zum Thema Deutsch- jüdische Literatur angeboten. Auch sechzig Jahre nach der Shoah ist der Begriff „deutsch-jüdisch“ immer noch problematisch. Wie verstehen Sie diese Bindestrich Identität “deutsch-jüdisch“ und welche Autoren, Themen, oder Literatur ordnen Sie darunter ein? PR Barbara Honigmann problematisiert in ihrem schmalen Werk diese Bindestrich-Identität, die ja streng gesehen keine eindeutige Zuordnung und Identität zulässt, wie Kafkas Œuvre zeigt. Auf welcher Seite bewegen sich all die sogenannten „deutsch-jüdischen“ Schriftsteller der ersten, zweiten und dritten Generation, in einer Zeit, in der die letzten Zeugen der Shoah langsam aber sicher sterben und die Schriftsteller der dritten Generation die Ereignisse nur noch aus den Geschichtsbüchern kennen? Viele jüdische Intellektuelle wie z.B. Moritz Goldstein mit seinem Essay „Deutsch-jüdischer Parnaß“ (1912), der die sogenannte „Kunstwart-Debatte“ auslöste, als auch Hannah Arendt in ihren Essays, haben versucht, eine Antwort auf diese Frage zu geben. Vielleicht ist es nun an der Zeit diese Literatur mit über 40 Autoren der zweiten Generation, die ich in einer Bibliographie aufgeschrieben habe, zu anderen Themenkomplexen hin zu öffnen wie z.B. das Forschungsgebiet „Literatur und Wissen,“ um neue Facetten, Topoi zu erforschen, wie ich es gerade anhand einer Honigmann-Monographie mit dem Titel Im Schatten des Verstehens aufzuzeigen versuche. FOCUS Jetzt kommen wir zu Ihrem Buch. Sie haben 2008 ein neues Buch veröffentlicht. Worum geht es? PR Das ist eine gute Frage. Das Thema ist eigentlich Wissen und Literatur; so heißt das Forschungsprojekt. Und es ist noch 169 FOCUS ON GERMAN STUDIES 18 immer sehr angesagt und es sind inzwischen zahlreiche profunde Studien erschienen. Im Grunde genommen geht es der Frage nach: Was ist Wissen? Wissen ist, wie ich es verstehe, nicht allein als enzyklopädisches Wissen zu begreifen, sondern in erster Linie werden auch Formen des Nichtwissens und auch Formen des verborgenen oder des latenten Wissens impliziert. Dann wäre die zweite Frage: Wie mache ich dieses Wissen in diesen verschiedenen Wissensformation transparent? Das heißt auch: Wie vermittle ich das? Das sind die zwei grundlegenden Fragen. Ich untersuche u.a. diese Fragen anhand von Texten vom 18. Jahrhundert bis in die Gegenwart in meiner Habilitationschrift, einzelnen Publikationen und Vorträgen. Beispielsweise beginne ich bei Hamann, folge mit Hamanns Schüler Friedrich Schlegel und gehe dann zu Novalis. Dann forsche ich im 20. Jahrhundert bei Benjamin und bei Kafka weiter, und als Abschluss etwas ungewöhnlich, und vielleicht auch kritikwürdig, beschäftige ich mich mit Herta Müller, inklusive eines kleinen, abschließenden Exkurses zur ungarischen Gegenwartsliteratur mit László Darvasi. Ich versuche also in diesem Projekt die verschiedenen Konfigurationen und Wissensformen zu untersuchen. FOCUS Kafka ist Ihrer Meinung nach von bisherigen Gelehrten falsch interpretiert worden. In vielen Interpretationen steht der Vaterkonflikt im Vordergrund. In einem neuen Ansatz interpretieren Sie Kafka als jemanden, der mit dem Nichtwissen spielt. Ihres Erachtens musste Franz Kafka wissen, dass sein Vater ihm nicht viel über das Judentum mitteilen konnte, weil sein Vater selbst wenig darüber wusste. Können Sie bitte diesen Standpunkt erläutern? PR Das Kapitel in meinem Buch Poesie und Wissen. Poetologie der Moderne lautet ganz interessanterweise „Spiele des Nichtwissens.“ Ich habe lange überlegt, ob man das so sagen kann. Im Nachhinein, mit mehrjähriger Distanz – ich habe 2007 mein Habilitationsverfahren erfolgreich abgeschlossen – 170 INTERVIEWS , denke ich, dieser Standpunkt stimmt immer noch. Es gibt mittlerweile an der ETH in Zürich von Michael Gamper ein Projekt zur Formation und Transformation historischen Nichtwissens, wo ich gerade einen Vortrag zum Thema „Novalis’ Mathe-Poetik als Transformation historischen Nicht -Wissens“ gehalten habe. Ich glaube, dass Wissen eben nicht – und das ist in erster Linie meine zentrale These – enzyklopädisch zu fassen ist, wie es andere Studien aussagen. Wissen ist ganz dezidiert Nichtwissen, weil es nicht eine Form von Akkumulation, sondern im Grunde genommen eine Form der Reduktion von Wissen ist. Das heißt, Wissen ist immer eine Form des Nichtwissens, wobei das nicht das Gegenteil von Wissen bedeutet. Die Frage wäre nun: Was ist Nichtwissen? Dabei werden auch diese verborgenen, latenten, subversiven, subordinären und zum Teil nicht auf der Bewusstseinsoberfläche bereitliegenden Konfigurationen von Wissen impliziert. FOCUS Um Ihre Betrachtung des modernen Wissens darzulegen, nutzen Sie Benjamin, Kafka und Herta Müller für die Diskussion. Warum wählten Sie gerade diese drei Schriftsteller der Moderne? Sehen Sie Gemeinsamkeiten zwischen den drei Autoren? PR So disparat wie die Auswahl erstmal sicherlich erscheint, ist klar, dass sie Vorlagen zur Kritik bildet, denn man muss die Auswahl auch begründen können. Lassen Sie mich es bei Kafka und Benjamin mit Hannah Arendts Worten beschreiben. Sie würde uns auf den legendären Kafka Essay von Benjamin aus dem Jahr 1934 hinweisen, worin Benjamin Kafka in einer einzigartigen Weise erfasst – indem er nämlich das, was er selbst an seinem Schreiben als gestisches Verfahren aufzeigt, im Grunde genommen auf das Schreiben Kafkas transformiert, und indem er ganz deutlich die Form des Fragments als eine Form sieht, die einem gestischen Verfahren gleicht, eines das nicht durch Worte, sondern eher durch Nichtworte oder durch Schweigen elaboriert wird. Das 171 FOCUS ON GERMAN STUDIES 18 Fragment ist eigentlich das Genre, welches dem zuarbeitet. Da, wo die Sprache aufhört, setzen dann, wie bei Kafka zum Beispiel, diese vielen Gesten ein, die er in seinen Tagebüchern beschreibt: Jemand fasst sich an den Kopf oder Frau T. nickt, sie zieht sich aus oder kleidet sich um oder sie nimmt das Kind auf den Arm und so weiter. Das sind im Grunde genommen Beobachtungen, die eher als Voyeur der gestischen Handlung diese transparent machen, wenn man so will. Und insofern wird auch Sprache bei allen drei Autoren – bei Herta Müller wird das noch mal deutlich – durch eine andere Ebene, die sich durch Nichtworte, durch das Mündliche, oder durch Gesten ergänzt, sozusagen neu formatiert. FOCUS Kommen wir zu meiner letzten Frage: Was sind Ihre Pläne für die Zukunft? PR Das ist klar: Ganz deutlich eine Professur. Schon allein um dieses Wissen und seine Praxis weitergeben zu können. Das wäre eigentlich mein Ziel, weil mir die Arbeit mit Studenten unglaublich viel Spaß macht. Auch über so einen langen Zeitraum von 15 Jahren Lehre hat sich das nie verändert, weil man sehr innovativ denken und arbeiten kann. FOCUS Ich wünsche Ihnen viel Erfolg dabei. Vielen Dank für dieses Quartal und für das Interview. Vanessa Plumly führte das Interview am 29. November 2010.