36 DIE SPRACHE DES ANATOMEN UND DES DICHTERS: ÜBER GEORG BÜCHNERS SCHREIBWEISE OLIVETTA GENTILIN UNIVERSITY OF VERONA, ITALY I ch sitze am Tage mit dem Scalpell und die Nacht mit den Büchern“ (Büchner, „Briefe“ 460). Mit den „Büchern“ sind nicht einfach nur die Fachbücher gemeint, die Georg Büchner für die Vorbereitung seines Anatomiekurses an der Züricher Universität studieren musste, sondern auch die Absicht, an seinen literarischen Werken weiterzuarbeiten. In einem folgenden Brief an die Braut, Wilhelmine Jaeglé, kündigt er in demselben Jahr das Erscheinen der Komödie Leonce und Lena mit noch zwei anderen Dramen an. Das Zitat aus einem an den Bruder Wilhelm Anfang 1837 adressierten Brief ist diesem Aufsatz vorangestellt, denn die Wechselbeziehung zwischen medizinisch-philosophischer Wissenschaft und Literatur durchzieht Büchners ganzes Werk. Diese Kontinuität zeigt sich auch in der Familientradition des Dichters. Der Großvater mütterlicherseits, Georg Reuß, war Verwaltungsdirektor am Philipps-Hospital in Hofheim, in dem psychisch Kranke die größte Patientengruppe stellten (vgl. Kubik 86). Sein Vater, Dr. Ernst Büchner, stammte aus einer alten Wundarztfamilie, war zuerst Assistenzarzt im Philipps-Hospital, wurde dann zum Kreischirurgen in Darmstadt und zuletzt zum Mitglied des Medizinalkollegs der obersten Gesundheitsbehörde des Landes ernannt. Er publizierte in der Zeitschrift für Staatsarzneikunde, in der 1825 auch das Clarus-Gutachten über den Fall Woyzeck veröffentlicht wurde. Mit dieser und anderer Fachliteratur, die in der Hausbibliothek zur Verfügung stand, war Büchner vertraut. Im Versöhnungsbrief vom 18. Dezember 1836 benachrichtigte der Vater seinen Sohn über die Zusendung der gewünschten Bände von Frorieps Notizen aus dem Gebiete der Natur und Heilkunde, dem damaligen Fachorgan für Biologie und Medizin, und über die Zusendung von noch zwei Exemplaren seines Gutachtens Versuchter Selbstmord durch Verschlucken von Stecknadeln. In FOCUS ON GERMAN STUDIES 19 37 demselben Brief werden auch die anatomischen Tafeln von Weber und die systematische Beschreibung des Tierreichs von Kaup genannt, die nach der Aussage des Vaters Büchner schon lange bekannt waren (vgl. Büchner, „Briefe“ 459 f.). Damit legt er Zeugnis davon ab, dass die Kenntnisse des Anatomen und Naturwissenschaftlers auf die Schulzeit zurückgehen. Im Wintersemester 1830/1831, d.h. im letzten Schuljahr, damals Selecta, schrieb der siebzehnjährige Büchner die Rezension zum Aufsatz eines Mitschülers über Ursachen des Selbstmordes. Wahrscheinlich war die Rezension zum Vortrag vor der Klasse bestimmt, so wie es bei den anderen rhetorischen Übungen an dem Darmstädter Pädagog üblich war. Zur Vorbereitung der Aufgabe musste Büchner auch die Literatur des Mitschülers benutzen: Über den Selbstmord, seine Ursachen, Arten, medicinisch-gerichtliche Untersuchung und die Mittel gegen denselben von Professor Friedrich Benjamin Osiander, auf den er sich wie folgt bezieht: Nicht mit Unrecht hat der Verfasser bei seinem Urteile über die Tat des Kato Osiander erwähnt. … Es fehlt nur wenig, daß der Herr Professor in seinem heiligen Eifer über die blinden Heiden eine Sektion des Kato vornähme und bewiese, daß derselbe einige Lot Gehirn zu wenig gehabt hätte. (Büchner, „Schulreden und –aufsätze“ 41) Die Geschicklichkeit, die Büchner im Umgang mit seiner Quelle zeigt, die ironische Stellungnahme gegen die Hauptthesen Osianders und die Richtigkeit seiner Einschätzungen liefern einen weiteren Beweis dafür, dass er dieses Werk nicht nur kannte, sondern dass er damit gut vertraut war. An der oben zitierten Stelle wird der Mangel an richtigem Verstand als Grund für den Selbstmord bestritten. Gleich der theologisch orientierten Psychologie der Spätaufklärung hält Osiander Lebensausschweifungen und Lebensuntüchtigkeit für Mitverschulder der Melancholie. Defizite des Körpers können durch eine gesunde Selbstdisziplin, Integrität und Glauben überwunden werden. Büchner zeigt dagegen einfühlsames Mitleid für melancholisch Kranke und sieht in den körperlichen Leiden die Ursachen der psychischen. Der Leidensdiskurs ist ein wichtiger Bestandsteil der Werke Lenz und 38 Woyzeck, die in dem zweiten Teil dieses Aufsatzes einer tieferen Analyse unterzogen werden. Zur Unterstützung seiner Thesen beruft sich Osiander auf die Leichenöffnung von Wahnsinnigen: „Bei melancholischen und wahnsinnigen Menschen findet man den Schädel oft sehr dick.“ Die Sektion von Leichen war damals in hessischen Irrenanstalten keine Sensation. In seinen Nachrichten von den heßischen Samt- Hospitalien beschwert sich der Schriftsteller und Journalist Jacob Mauvillon über das Fehlen eines Arztes und Anatomen: Wie vielerley Nutzen könnte nicht ein guter Arzt, der zugleich ein guter Anatom seyn müßte, dort stiften! Er könnte nicht nur manchen Menschen von seiner Torheit oder Raserey kurieren; er könnte auch, da ihm die Sektion der Leichen frey stehen würde, herrliche Entdeckungen machen über den Ursprung des Wahnsinns, und die Mittel ihn zu heilen. Daraus geht klar hervor, dass die Tätigkeit des Sezierens in der medizinischen Wissenschaft der Spätaufklärung nicht nur nötig war, sondern dass sie auch als Basis für zukünftige Entdeckungen galt. Einige Jahrzehnte später führte das Sezieren den promovierenden Studenten Büchner zur Entdeckung einer bis daher unbekannten Verbindung zwischen Gehirn- und Rückenmarknerven. Diese erweiterte Praxis wird schon 1751 zum Darstellungsobjekt des letzten Kupferstichs The Reward of Cruelty in William Hogarths Bilderreihe The four stages of cruelty. Bei der Betrachtung der an Symbolen reichen Szene wird man von einer geisterhaften Vision des Todes eingenommen. Die Figuren der Akademiker, die sich als hochmütige Richter ausgeben, während die Ärzte den Mörder, Tom Nero, auf dem Anatomietisch brutal aufschneiden, werden satirisch karikiert. Büchner kannte den englischen Künstler aus Diltheys Unterricht über Malerei und Farbenlehre. In seinem Notizheft bezeichnet er Hogarth als ausgezeichneten Maler des Charakters und der Leidenschaft. Karikatur und Typisierung der Gestalten gehören auch zum ästhetischen Konzept seiner Werke, wie der Brief an die Familie vom 1. Januar 1837 dokumentiert: OLIVETTA GENTILIN FOCUS ON GERMAN STUDIES 19 39 … ich zeichne Charaktere, wie ich sie der Natur und der Geschichte angemessen halte, und lache über die Leute, welche mich für die Moralität oder Immoralität derselben verantwortlich machen wollen. (Büchner, „Briefe“ 423) Abb. 1 William Hogarth: "The Anatomy Lesson (The Reward of Cruelty)", 1751. 40 Die dichterische Tätigkeit hat für ihn einen Sinn, wenn sie die Wirklichkeit wiedergibt und nicht eine Verklärung derselben. Seine Figuren sind also Menschen mit ihren Mängeln und ihren Leidenschaften. In seiner Studienzeit vertiefte Büchner seine Fachkenntnisse im Bereich Medizin und Anatomie. Er spürte aber schon eine gewisse Müdigkeit bei der Praktik des Sezierens, wie er dem Freund Adolph Stöber aus Salzburg schrieb. Er suchte Erquickung im Lebendigen, nachdem er sich einige Stunden in dem „Leichendunst“ und in der „Schädelstätte“ gekreuzigt hatte. Dieselbe Müdigkeit zeigte er ein paar Jahre später in dem Brief vom 13. Januar 1837, als er die Braut „so halb durch zwischen Fischschwänzen und Froschzehen“ (Büchner, „Briefe“ 464) sah. In dem Brief mischen sich poetische Bilder, wie das vom einsamen Dichter, der sich nach seiner Braut sehnt, deren Gestalt am Labortisch auftaucht, mit Bildern des eifrigen Handelns unter Präparaten und Infusorien, auf die er ironisch mit dem Wort „Spiritus“ anspielt. Er hatte aber einen Grund für seinen Arbeitseifer. Zu der Zeit hatte er das Berufsziel der praktischen Medizin schon aufgegeben, um seiner Neigung zur Philosophie und Naturforschung zu folgen. Enttäuscht von den politischen Verhältnissen interessierte er sich bereits in Gießen für Philosophie, die die epistemologische Basis seiner Naturwissenschaft bilden wird. Möglicherweise hatte er auch Vorlesungen der Psychologie bei Hillebrand besucht (vgl. J.C Hausschild 125). Die Medizin wurde ihm zum Brotberuf, er hatte sich nämlich für die „akademische Laufbahn“ entschieden. 1836 promovierte er an der Philosophischen Fakultät in Zürich mit der Abhandlung Mémoire sur le système nerveux du barbeau, die er der Straßburger gelehrten Gesellschaft für Naturwissenschaften mit Erfolg vorgetragen hatte. Dann hielt er die Probevorlesung Über die Schädelnerven, wodurch er die Privatdozentur für vergleichende Anatomie erhielt. Die literarische Tätigkeit ließ aber nicht nach, sondern, um ein Bild von Tschechow zu benutzen, wurde zu seiner Geliebten. In den Briefen wird mehrmals der Beweis dafür geliefert, dass er erleichtert war, sich seiner wissenschaftlichen Arbeit zu entledigen und sich ausschließlich der Literatur widmen zu können. Seiner Braut schrieb er am 27. Januar 1837: … und dabei die Freude am Schaffen meiner poetischen Produkte. Der arme Shakespeare war Schreiber den Tag OLIVETTA GENTILIN FOCUS ON GERMAN STUDIES 19 41 über und mußte Nachts dichten, und ich der nicht wert bin ihm die Schuhriemen zu lösen, hab’s weit besser. (Büchner, „Briefe“ 465) Die Frage, ob der Dialog zwischen Medizin und Literatur sich wirklich zugunsten der letzteren entwickelt hätte, bleibt offen, denn der Dichter starb am 19. Februar 1987. Der Überblick über Büchners Lebenserfahrungen diente der Beweisführung seiner Fachkenntnisse sowohl im medizinisch- wissenschaftlichen als auch im kulturliterarischen Bereich. Nun geht es darum, die Frage zu beantworten, wie es Büchner gelingt, seine Fachkenntnisse in seinen Werken zu literarisieren. Lenz und Woyzeck bieten auf unterschiedliche Weise ein vortreffliches Beispiel dafür. Die Novelle Lenz wurde1835 geschrieben, als der Dichter auf Rat des Redakteurs und Freundes Karl Gutzkow noch daran dachte, sich als Autor selbständig zu machen. Das Drama Woyzeck schrieb er zwischen Sommer und Herbst 1836, während er zugleich seine Spinoza-Vorlesung vorbereitete. Es ist schon darauf hingewiesen worden, dass die Benutzung und Verarbeitung von Quellen zur Arbeitstechnik des Schülers Büchner gehörten. In den Werken griff er auf diese für ihn gewohnte Technik zurück. Es handelt sich aber weniger um ein Montageverfahren mit einem bewussten Ziel, wie es in seinen rhetorischen Übungen der Fall war, sondern eher um ein Annähern des Fiktiven an das Nicht-Fiktive, das ihm durch die Transformation des Stils, des Themas und der Genres meisterhaft gelingt. Als Vorlage des Novellenfragments Lenz diente der Bericht des Pfarrers Johann Friedrich Oberlin, Der Dichter Lenz, im Steinthale, mit dem Büchner durch die Brüder Stöber und deren theologischen Kreis in Berührung kam. Vom 20. Januar bis zum 8. Februar 1778 hatte sich Jakob Michael Reinhold Lenz bei dem Pfarrer in Waldbach in Elsass aufgehalten. Bei Oberlins Bericht handelt es sich um eine trockene Chronik der Fakten, die er nötig hatte, um sich vor der Öffentlichkeit zu rechtfertigen, da er Lenz in erbärmlichem Zustand wieder nach Straßburg schickte. Er war als Mystiker und Seelsorger bekannt und, obwohl er nie von Wahnsinn schreibt, erkennt er bei Lenz die Symptome der Melancholie oder 42 Schwermut. Die von Büchner beschriebenen historischen Fakten sind dieselben, aber aus Oberlins Bericht wird eine Neuschaffung. Bereits zu Beginn der Erzählung ist alles da: Büchners erzählerisches Verfahren und sein Leidensdiskurs. Nach Burghard Dedners philologischer Forschung gehört die Anfangsbeschreibung zusammen mit dem Ende zu dem letzten Novellenentwurf (vgl. Dedner 57 f.). Andere Teile sind dem Text Oberlins wesentlich näher. Durch die Gegenüberstellung der zwei Anfangstexte werden die Operationen von Transformation und Amplifikation des Hypotextes verdeutlicht: Die Auslassung des Jahres so wie auch weiterer Zeitangaben in Büchners Text ist ein Zeichen dafür, dass es dem Autor nicht um die Fakten geht, sondern um die Individualität der Hauptfigur und um den Prozess seiner inneren Veränderungen. Der Gebrauch des Verbs im Präteritum versetzt den Rezipienten an einen bestimmten Punkt von Lenzens Geschichte und erweckt sein Interesse, im Kontrast zu der Johann Friedrich Oberlin: Der Dichter Lenz, im Steinthale. Den 20. Januar 1778 kam er hierher. Ich kannte ihn nicht. (Oberlin 63) Georg Büchner: Lenz Den 20. ging Lenz durch's Gebirg. Die Gipfel und hohen Bergflächen im Schnee, die Täler hinunter graues Gestein, grüne Flächen, Felsen und Tannen. Es war naßkalt, das Wasser rieselte die Felsen hinunter und sprang über den Weg. Die Äste der Tannen hingen schwer herab in die feuchte Luft. Am Himmel zogen graue Wolken, aber Alles so dicht, und dann dampfte der Nebel herauf und strich schwer und feucht durch das Gesträuch, so träg, so plump. Er ging gleichgültig weiter, es lag ihm nichts am Weg, bald auf - bald abwärts. Müdigkeit spürte er keine, nur war es ihm manchmal unangenehm, daß er nicht auf dem Kopf gehen konnte. (Büchner, „Lenz“ 7) OLIVETTA GENTILIN FOCUS ON GERMAN STUDIES 19 43 trockenen Aussage Oberlins, er kenne ihn nicht, die hingegen für den Rezipienten jede intimere Kenntnis der Figur ausschließt. Während bei Oberlin die Ich-Form quasi präpotent auftritt, ereignet sich im Büchnerschen Lenz eine erste Umformungsoperation durch den Wechsel der Erzählperson, die erste Person wird durch die dritte ersetzt. Anschließend erfolgt auch eine Perspektivenveränderung. Der auktoriale Erzähler rückt vom Dargestellten ab und wählt die figurale Perspektive. Hier liegt eine innere Fokalisierung vor, der Erzähler sagt nicht mehr als das, was Lenz selbst ausdrückt. Damit tritt die Figur des kranken Lenz ins Zentrum der Darstellung. Dass er sich sogar wünscht, auf dem Kopf gehen zu können, ist ein klares Störungssignal. Irgendetwas stimmt mit seinem Gemütszustand nicht. Auf diesen Signalstörungen und auf anderen Hinweisen, die der Autor wie Indizien in seiner Beschreibung der Krankheit verstreut, beruht die besondere Erzähltechnik, die den Leser zu einer Rekonstruktion der vom Autor nicht gleich erklärten Umstände zwingt. Im Lichte dieses Verfahrens ist der Wortschatz zu verstehen. Adjektive und Substantive gehören zum semantischen Feld des Leidens und verweisen auf Symptome, die nur ein mit der Krankheit vertrauter Leser als Symptome der Melancholie erkennen kann. Die Gefühle der Schwere und der Enge werden durch die Adjektive „schwer“, „grau“ und „dicht“ vermittelt, Gleichgültigkeit und Geistesabwesenheit durch die Wörter „träg“, „plump“, „gleichgültig“ und „Müdigkeit“. Der Stil wird von der asyndetischen Parataxe mit Ellipsis des Verbs bestimmt, z.B.: „so träg, so plump“. Die zweite Umformungsoperation geschieht durch den Wechsel des Raumes. Die Handlung setzt bereits im Gebirge ein. Der Text wird durch längere Beschreibungen der Vogesenlandschaft stilistisch und thematisch gedehnt. In diesen Beschreibungen setzt der Autor all seine poetischen Kapazitäten ein. Nicht umsonst kann Gutzkow in seinem Nachwort zum Erstdruck des Lenz sein Lob ausdrücken: Welche Naturschilderungen, Welche Seelenmalerei! Wie weiß der Dichter die feinsten Nervenzustände eines im Poetischen wenigstens, ihm verwandten Gemüths zu belauschen! Da ist Alles mitempfunden, aller Seelenschmerz mitdurchrungen; wir müssen erstaunen über eine solche Anatomie der Lebens- und Gemüthsstörung. (Gutzkow 93) 44 Es handelt sich dabei um ein typisch romantisches Verfahren: Das Innere spiegelt sich in der Beschreibung des Äußeren wider - Natur und Seele verbinden sich in dieser Beschreibung. Aber Büchner geht weit darüber hinaus. Es ist das Bild des kranken Dichters, durch den der Leser seine Umwelt erfährt. Dem Autor gelingt es im Bild eines anderen zu schreiben, indem er eine Technik benutzt, die für die Zeit sicherlich innovativ war. Obwohl er den Gebrauch der direkten Form meidet, handelt es sich in diesem Anfangsabschnitt noch nicht um einen inneren Monolog, sondern um eine Art Stream of Consciousness, wo die erzählerische Stimme und die Stimme der Figur in eine erlebte Rede ineinander fließen. Der Modalpartikel „so“ erfüllt hier die Funktion der Verstärkung. Seine Verwendung als Empfindungsverstärker verdeutlicht, dass die Rede nicht mehr die Stimme des Erzählers wiedergibt, sondern dass es sich um eine empfindende Subjektivität handelt. Ähnlich wird das Pronomen „es“ verwendet, das in der dritten Zeile des oben zitierten Abschnittes grammatikalisch nur eine sachliche Feststellung vermittelt, dann erfolgt aber eine Wendung vom Objektiven ins Subjektive, indem „es“ in Verbindung mit dem Personalpronomen „ihm“ auf die Innenwelt der Hauptfigur verweist. Die deiktischen Ausdrücke „hin“ und „her“ bauen eine Beziehung zwischen den Bewegungen in der Landschaft und dem Blick in dieselbe auf. Es ist, als würde eine Präsenz unten im Tal den Bewegungen der Flächen, des Wassers, der Luft einmal hinauf, einmal herauf folgen (vgl. Horton 38). Es wird immer schwieriger, zwischen der Rede des Erzählers und der seiner Hauptfigur zu unterscheiden, und konsequenterweise verfeinert sich auch die Linie zwischen klinischer Beschreibung der Krankheit und poetischer Darstellung des Lebens, wie es im Laufe der Erzählung noch deutlicher wird. Im Folgenden werden weitere Erzählstellen zitiert, wo die Fachkennnisse des Autors zusammen mit der evozierenden Kraft seiner Bildsprache zum Ausdruck kommen. Zu Beginn sind es nur allgemeine Wahnsinnängste, von denen Lenz gepackt wird, aber sukzessive wird der Wahnsinn im Bild der Pferde, die ihm nachreiten, personifiziert. So konkret dargestellt, rückt die Gefahr des Wahnsinns immer näher: Es war als ginge ihm was nach, und als müsse ihn was Entsetzliches erreichen, etwas das Menschen nicht ertragen OLIVETTA GENTILIN FOCUS ON GERMAN STUDIES 19 45 können, als jage der Wahnsinn auf Rossen hinter ihm. (Büchner, „Lenz“ 8) Die Angst, verfolgt zu werden, ist ein Symptom der Melancholie. Woyzeck litt auch unter diesem Verfolgungswahn, sowohl im Clarus- Gutachten (vgl. Clarus 961) als auch in Büchners Drama. Der Mediziner und Wegbereiter der Psychiatrie Johann Christian Reil betont bei Geisteskranken die Unfähigkeit, zwischen Objektivität und Subjektivität zu unterscheiden. In seinem Werk Wahnsinn und Gesellschaft widmet Michel Foucault der Manie und Melancholie ein ganzes Kapitel. Bis zum 18. Jahrhundert war man dazu geneigt, in der Melancholie alle Symptome der psychischen Krankheit zu identifizieren. Später begann man aber zwischen Manie und Melancholie, von dem französischen Psychiater Jean-Etienne-Dominique Esquirol Lypemanie genannt, zu unterscheiden. Die Melancholie war oft von Trübsinn und Angst begleitet, die Manie von Übertreibung, Raserei und Wut. Die Beschreibungen der Anfälle Lenz‘ stehen im Einklang mit diesen Theorien. Auch was die verschiedenen Therapien der psychischen Krankheit anbelangt, beweist Büchner seine medizinischen Kenntnisse. Zur besseren Verdeutlichung dient auch in diesem Fall eine Gegenüberstellung zweier Textabschnitte: Oberlin ist den Ausbrüchen der Krankheit gegenüber hilflos, kann sich Lenzens Verhalten nicht erklären. Im Gegenteil dazu wird im Text Büchners auf die damals angewandten Mittel zur Behandlung der Seelenstörungen verwiesen: „Haut-reiz-Mittel“ und „Bäder“ (vgl. Georget 402). Wunden und Verletzungen sowie Bäder und Duschen Eine Menge Gedanken durchdrangen sich in meinem Kopf. Vielleicht, dachte ich, ist er ein Nachtwandler und hatte das Unglück in die Brunnbütte zu stürzen; man muß ihm also Feuer, Thee machen, um ihn zu erwärmen und zu trocken. (Oberlin 64) Er konnte sich nicht mehr finden, ein dunkler Instinkt trieb ihn, sich zu retten, er stieß an die Steine, er riß sich mit den Nägeln, der Schmerz fing an, ihm das Bewußtsein wiederzugeben, er stürzte sich in den Brunnstein, aber das Wasser war nicht tief, er patschte darin. (Büchner, „Lenz“ 10) 46 gehörten zu den organischen Therapiemethoden, die durch den Glauben gerechtfertigt wurden, dass auch schmerzlich aufregende Mittel zur Aufrichtung des Seelenwesens beitrugen. Die körperlichen Öffnungen dienten zur Evakuation der verdorbenen Stoffe; das Wasser enthielt wie schon in der Antike eine Funktion der Reinigung, es konnte die Eigenschaften der flüssigen und festen Stoffe modifizieren (vgl. Foucault 315). Außerdem verwechselt Oberlin im Bericht dieses Sich-Schmerz- Zufügen mit Selbstmordversuchen und schreibt von „Entleibungssucht“. Büchner reduziert Oberlins Text, indem er von den Versuchen, sich zu ertränken oder mit der Schere zu erstechen, nicht berichtet, sondern er bemerkt, Lenz mache nur „halbe Versuche zum Entleiben“ (Büchner, „Lenz“ 32). Als Büchners Lenz dem Alptraum des Wahnsinns erliegt, versucht er alles, „was sein Blut sonst hatte rascher fließen machen“ (ebd. 11). Es handelt sich dabei um einen weiteren Glauben der Zeit, dass die Schwere des Blutes den Kreislauf behindere und dabei auch die freie Bewegung des Denkens im Gehirn lähme. In diesem Fall waren Bluttransfusionen erforderlich. Auch das Gutachten Clarus‘ über den historischen Woyzeck zeugt von solchen medizinischen Auffassungen. Woyzecks Täuschungen des Gehörsinns, er hört Stimmen und hat Verfolgungswahn, werden vom Gutachter als Folgen von „Congestionen des Blutes“ (Clarus 962) gedeutet. Starrsucht oder Katalepsie, religiöse Quälereien, das Gefühl der Leere sind Zeichen der Verschlechterung. Was die Katalepsie betrifft, findet man bei Foucault die Beschreibung der apoplektischen Melancholie, die mit Lenzens Verhalten übereinstimmt: Und bereits im Dictionnaire von James geht es um die Frage einer apoplektischen Melancholie ohne delirierende Idee, in der die Kranken „nicht aus dem Bett aufstehen wollen; (…) wenn sie stehen, laufen sie nur, wenn sie von ihren Freunden oder ihren Bediensteten gezwungen werden. Sie meiden die Menschen nicht, scheinen aber dem, was man ihnen sagt, keine Aufmerksamkeit zu schenken; sie antworten nicht“. (Foucault 275) Trotz den Ermunterungen Oberlins kann Lenz nicht aufstehen und bleibt den ganzen Tag in dem von James beschriebenen Zustand. Als er vom Wahnsinn gepackt wird, kommt es ihm vor, „als sei er doppelt und OLIVETTA GENTILIN FOCUS ON GERMAN STUDIES 19 47 der eine Theil suchte den anderen zu retten“ (Büchner, „Lenz“ 31). Heutzutage würde man von Schizophrenie sprechen, aber damals war keine bipolare Störung bekannt (vgl. Fauser 63f). Reil deutet auf eine Anomalie des Bewusstseins hin, die zu fixen Ideen treibt (vgl. Reil 64 f). Dieselbe Symptomatik untersucht der Doktor an Woyzeck. Die diagnostische Einsicht Büchners ist nicht nur in der Beschreibung der Krankheitssymptome zu erkennen, sondern auch in der Vermittlung der Umstände, die zur Krankheit geführt haben. Oberlin zweifelt nicht an den Ursachen von Lenzens Erkrankung und listet sie auf. Es kommt auf „die Folgen seines Ungehorsams gegen seinen Vater, seine herumschweifende Lebensart, seine unzweckmäßigen Beschäftigungen, seinen häufigen Umgang mit Frauenzimmern“(Oberlin 73) an. Oberlin folgt der Lehre der theologisch orientierten Psychologie der Aufklärung, welche die Verletzung der Moral als Hauptgrund der psychischen Krankheit angibt. Man sollte bedenken, dass der Ungehorsam eines Sohnes als Motiv für die Internierung in den Zuchthäusern ausreichte (vgl. Foucault 99). Bestrafung, Lesen der Bibel und Gottergebenheit wurden als Therapie empfohlen. Büchner äußert sich nicht direkt darüber, aber durch das Scheitern von Oberlins Moralpraktiken gibt er zu verstehen, dass er anderer Meinung war. Er nimmt Partei für jene Tendenz der französischen Psychiatrie, wie z. B. Philippe Pinel oder Etienne Georget, die auch körperliche und somatische Gründe für eine gestörte Empfindungsweise in Betracht ziehen und auf eine humanitäre Behandlung der Geisteskranken zielen. Georget geht davon aus, dass bei Behandlung der Seelenstörungen von den psychischen Mitteln neben den organischen nicht abgesehen werden kann. Er empfiehlt das heitere Licht des Tages, Bewegung, Tätigkeit in der freien Natur, die Gesellschaft mit anderen Menschen, Musik, gute Nahrung und Wein. Es ist gerade das, was Lenz auf seinen Reitgängen mit Oberlin erlebt und was ihm wohl tut. Eine erste Verschlechterung erlebt Lenz nach der Predigt; religiösen Melancholikern wurde von den Praktiken der Religion abgeraten, Oberlin beharrt hingegen darauf, Lenz sollte beten, die Bibel lesen, sich Gott zuwenden. Eine zweite und noch schwerere Verschlechterung erfolgt, als die Figur von Kaufmann auftritt und Lenz an seine Beziehung zu dem Vater erinnert. Im Vergleich zu Oberlin wird der Text Büchners durch eine stilistische Dehnung amplifiziert, indem er nicht nur von Kaufmanns Besuch erzählt, sondern auch ihn mit Lenz in einen Dialog verwickelt. Auf diesen langen Dialog wird an keiner Stelle 48 der Büchnerschen Quelle hingedeutet. Es handelt sich um ein zentrales Moment in der Erzählung, das eine Brücke zwischen dem Leidensdiskurs und dem ästhetischen Konzept schlägt: Man versuche es einmal und senke sich in das Leben des Geringsten und gebe es wieder, in den Zuckungen, den Andeutungen, dem ganzen feinen, kaum bemerkten Mienenspiel; er hätte dergleichen versucht im »Hofmeister« und den »Soldaten«. Es sind die prosaischsten Menschen unter der Sonne; aber die Gefühlsader ist in fast allen Menschen gleich, nur ist die Hülle mehr oder weniger dicht, durch die sie brechen muß. (Büchner, „Lenz“ 17) Die Verwendung des Pronomens „man“ deutet schon darauf hin, dass Büchner diese Aussage für universell gültig hält. Dem Rezipienten wird also ein Identifikationsangebot unterbreitet. Büchner benutzt hier die plastische, körperliche Sprache des Anatomen, der die Zuckungen, Andeutungen und Mienen, d.h. das reale Leben in der Gefühlsader mit klinischen Augen aufzunehmen weiß. Sich in den Geringsten hineinzufühlen, bildet den Kernsatz sowohl des humanitären und politischen Engagements Büchners als auch seines literarischen und ästhetischen Konzeptes, das sich in dem Drama Woyzeck konkretisiert (vgl. Hinderer 66). 3 Woyzeck ist einfacher Soldat, er besitzt nichts, außer seinen eigenen Körper, den der Doktor gegen Bezahlung für seine Experimente ausnutzt. Da er unter Halluzinationen und Verfolgungswahn leidet, wird er zum interessanten Versuchsobjekt. Von seinem miserablen Lebenszustand getrieben wird er zum Mörder. Im Hintergrund steht der historische Fall des arbeitslosen Perückenmachers Johann Christian Woyzeck, der 1821 seine Geliebte erstach. Die gerichtsärztliche Untersuchung wurde dem Doktor Johann Christian Clarus zugeteilt, dessen Gutachten in der Zeitschrift für Staatsarzneikunde, welche Büchner aus der Hausbibliothek wohl bekannt war, veröffentlicht wurde. Nach drei Jahren Untersuchung erklärte Clarus den Beschuldigten für zurechnungsfähig; Woyzeck wurde daher zum Tode verurteilt. Seine Hinrichtung löste eine heftige Debatte aus. Wie schon in Oberlins Bericht entspricht das OLIVETTA GENTILIN FOCUS ON GERMAN STUDIES 19 49 Erzählte den historisch dokumentierten Fakten. Sowohl Oberlin als auch Clarus beabsichtigen, sich vor der Öffentlichkeit zu rechtfertigen. Büchner geht es aber darum, einen Fall sachgetreu zu untersuchen. Der Fall Woyzeck ist wesentlich anders als der von Lenz. In der Erzählung wird hauptsächlich die psychische Sphäre des Individuums untersucht, hier treten andere Elemente auf: neben dem psychisch Pathologischen auch das Physiologische und Wissenschaftliche, wie aus den Szenen Woyzeck. Doctor und Der Hof des Professors hervorgeht. Die erste Handschrift des Dramas behandelt fast ausschließlich den Themenkomplex des Mordes aus Eifersucht und bleibt damit der Quelle, d.h. dem Clarus-Gutachten, näher. In der zweiten Handschrift wird die Szene des Doktors eingeführt, in der dritten die des Professors. Im Vergleich zum Gutachten wechselt Büchner den Modus vom Narrativen zum Dramatischen. Die Protagonisten werden im Drama übernommen, aber Büchner erweitert sein Werk mit neuen Figuren: der Narr, der Doktor und der Professor. Der Hauptmann erhielt eine bedeutendere Rolle. In der Figur von Marie manifestieren sich die zwei Geliebten des historischen Woyzeck: die erste, die Wienbergin, mit der er ein Kind gezeugt hatte, und die letzte, die Woostin, die er dann tötete. Zur Erweiterung des Textes dienen auch metadiegetische Einschübe, z. B. das von der Großmutter erzählte Märchen, und Volkslieder. Leiden sei all' mein Gewinst, Leiden sei mein Gottesdienst. (Büchner, „Woyzeck“ 33) Die zwei Verse, die auch in der Novelle Lenz vorkommen, stammen aus einem bekannten Kirchenlied. Dieses Durchkreuzen von Zitaten unterstreicht die Kontinuität zwischen den zwei Werken. Im Woyzeck erweitert Büchner die bereits verwendete Technik der Verseinlage und Bibelzitate. Das Zitat ist völlig in die textuelle Dynamik integriert und dient zur Steigerung der Tragik. Wie schon im Lenz kommt der Leidensdiskurs noch einmal in den Vordergrund, die Kosmogonie beider Figuren ist eine Kosmogonie des Leidens, ihr Leiden wird zum Weltschmerz. Lenz stellt fest, dass für ihn das „All in Wunden“ (Büchner, „Lenz“ 14) ist, im Drama erzählt die Großmutter, auf der Erde sei „Alles todt“ (Büchner, „Woyzeck“ 35). Im Gegensatz dazu wird in den Untersuchungen von Clarus Woyzecks Leidenserfahrung nicht so stark betont, er beschränkt sich darauf, dass er vexiert worden sei und dass er unverdiente Kränkungen habe erfahren 50 müssen: „so habe sich Groll, Bitterkeit und Mißtrauen gegen die Menschen überhaupt eingefunden“ (Clarus 953). Der Lyrik der Verse widersetzt sich der Realismus der Dialoge. Gerhard Knapp unterscheidet im Text fünf verschiedene Sprachebenen. Die armen Leute wie Marie oder Woyzeck sprechen reinen Dialekt. Ein „gemäßigter Darmstädter Dialekt“ (vgl. Knapp 195 f.) wird von dem Doktor und dem Professor als Vertreter des gebildeten Bürgertums gesprochen, aber nur stellenweise. In wissenschaftlichen oder in lehrhaften deklamatorischen Reden wird Hochdeutsch benutzt. Gemäßigter Darmstädter Dialekt und Hochdeutsch reichen aber nicht, um die sprachlichen Kombinationen des Doktors und des Professors zu beschreiben. Sie verwenden vielmals Fachausdrücke aus der Anatomie und aus der Physiologie, die auch historisch korrekt sind, so dass Woyzeck als „ medizinhistorisches Dokument“ bezeichnet worden ist (Roth, „Georg Büchners Woyzeck als medizinhistorisches Dokument“ 519). Die historisch korrekte Terminologie nimmt Bezug auf die Ernährungsexperimente des Doktors in der achten Szene der Lese- und Bühnenfassung: Doktor: Was erleb' ich, Woyzeck? Ein Mann von Wort! Woyzeck: Was denn, Herr Doktor? Doktor: Ich hab's gesehn, Woyzeck; er hat auf die Straß gepißt, an die Wand gepißt, wie ein Hund. – Und doch 2 Groschen täglich. Woyzeck, das ist schlecht; die Welt wird schlecht, sehr schlecht. Woyzeck: Aber, Herr Doktor, wenn einem die Natur kommt. Doktor: Die Natur kommt, die Natur kommt! Die Natur! Hab' ich nicht nachgewiesen, daß der musculus constrictor vesicae dem Willen unterworfen ist? Die Natur! Woyzeck, der Mensch ist frei, in dem Menschen verklärt sich die Individualität zur Freiheit. – Den Harn nicht halten können! (schüttelt den Kopf, legt die Hände auf den Rücken und geht auf und ab) Hat Er schon seine Erbsen gegessen, Woyzeck? - Es gibt eine Revolution in der Wissenschaft, ich sprenge sie in die Luft. Harnstoff, 0,10, salzsaures Ammonium, Hyperoxydul – Woyzeck, muß er nicht wieder pissen? geh er einmal hinein und probirer's! OLIVETTA GENTILIN FOCUS ON GERMAN STUDIES 19 51 Woyzeck: Ich kann nit Herr Doktor. (Büchner, „Woyzeck“ 21) Woyzeck muss eine Erbsendiät einhalten, damit der Doktor die Wirkung der Nahrungsmittel auf den Organismus bewerten kann, dafür ist eine Urinanalyse unentbehrlich. In dieser Hinsicht verhält sich der Doktor korrekt, denn er folgt der vorgeschriebenen Experimentalanordnung: messen, beobachten, klassifizieren, und der gegen Woyzeck erhobene Vorwurf, er habe an die Wand gepisst, wäre dann als Missmut über den Verlust wertvollen Materials zu verstehen. Aber dann wird er immer rücksichtloser: Woyzeck soll noch einmal probieren, weiter noch wünscht er sich, dass Woyzeck kein Mensch sondern ein „Proteus“ wäre. Der Proteus ist die niedrigste Kreatur in der Naturwelt, hat kein Gefühlsvermögen, deshalb wäre es dem Doktor lieber, wenn er einen Proteus vor sich hätte. Woyzeck sinkt tiefer in seinem Menschendasein und wird zum Versuchsobjekt. Er wird sogar mit der dritten Person angeredet, ein weiteres Zeichen für die Erniedrigung seiner Person, obwohl diese Redeweise in den Kasernen nicht ungewohnt war und im zeitgenössischen Diskurs das Standesgefälle zwischen sozial Höher- bzw. Niedriggestellten ausdrückt. Der Doktor ist hingegen seiner revolutionären Entdeckung ganz ergeben. Er wirkt sogar lächerlich in der Hoffnung, die Wissenschaft um jeden Preis zu revolutionieren. Die Wissenschaft wird auf der Bühne repräsentiert, aber in ironischer Form. Die Forschung hat in zeitgenössischen Wissenschaftlern Vorbilder für die Figur des Doktors gesehen, denn gerade zu dieser Zeit wurden verschiedene Ernährungsexperimente ausgeführt, vor allem an Soldaten, da sie Disziplin gewohnt waren und nicht viel Geld verlangten. Der Chemiker Fontenelle in Frankreich, der Naturforscher Edwards in England und später Liebig in Deutschland waren Pioniere in diesem Bereich (Roth, „Ihre Autopsie, die aus allem spricht, was Sie schreiben“ 162). Die Figur des Doktors und in einer weiteren Szene auch die des Professors sind aber das Resultat einer Kombination zwischen Clarus und Wilbrand. Johann Bernhard Wilbrand war Anatomieprofessor in Gießen und wurde von Büchner und anderen Studenten wegen seines Mangels an wissenschaftlichem Geist und wegen seiner komischen Ausdrücke verspottet. Büchner selbst zeichnete an den Rand der Handschrift 2 die Karikatur des mit der langen Nase und den dürren Beinen hervortretenden Professors und somit verrät er auch seine 52 parodistischen Absichten. Die Theatralisierung der Gestik, die an die dritte Szene des Schreiers auf dem Jahrmarkt erinnert, die Übertreibung der Erwartungen, zuerst spricht der Doktor von der Revolution, dann streckt er die Nase hinaus, um das Niesen zu beobachten, die Verwendung von Fachausdrücken, die dem ungebildeten Woyzeck jede Möglichkeit einer Kommunikation zunichtemachen, vermitteln das satirische Bild eines Wissenschaftlers, der zum Peiniger wird und der keine Gefühle äußern kann, weil sie unwissenschaftlich sind: „Nein Woyzeck, ich ärgere mich nicht, Aerger ist ungesund, ist unwissenschaftlich.“(Büchner, „Woyzeck“ 22) Abb. 2 Hauptmann und Doktor. Zeichnung Büchners in der Handschrift H 2 des Dramas Woyzeck. Das Karikaturhafte und die Absicht der Typisierung der Gestalten des Doktors, des Professors und des Hauptmanns werden auch dadurch belegt, dass sie keinen Eigennamen tragen im Vergleich zu den sozial niedrigeren Figuren im Drama, wie z. B. Woyzeck und Marie. Im Vergleich zu den Gebildeten erhalten sie somit ihre eigene Würde. Aber OLIVETTA GENTILIN FOCUS ON GERMAN STUDIES 19 53 Büchners Themenkomplex begrenzt sich nicht auf die Kritik an einer menschenverachtenden Wissenschaft. In der Szene des Doktors kommt auch der Gegensatz von Vernunft und Natur, von Willensfreiheit und Natur zur Sprache, eine Frage, die eher Eigentum des Naturphilosophen als des Wissenschaftlers ist. Auf den Vorwurf des Doktors antwortet Woyzeck mit der Ausrede, dass er der Natur habe nicht widerstehen können, wobei der Doktor wiederum an die Freiheit des Menschen in der Natur appelliert: in dem Menschen verkläre sich die Individualität zur Freiheit. Abgesehen von einer Kritik an dem Idealismus, die in diesem Aufsatz einer zu oberflächlichen Analyse unterziehen werden könnte, spiegelt sich hier Wilbrands dualistische Konzeption wider: dieser Gegensatz liegt am bestimmtesten darin, dass in der allmähligen Entwicklung der organischen Natur das geistige Leben sich über die Körperlichkeit hervorhebt, bis am Schlusse derselben der Geist des Menschen frei der Natur gegenübersteht… (Wilbrand 66) Diese Behauptung verbindet sich mit dem Problem der Zurechnungsfähigkeit: wenn der Mensch frei ist und frei entscheiden kann, dann ist jede Normverletzung strafbar, da dem Bösen eine Entscheidung seines Willens unterliegt. Der Doktor teilt den Standpunkt des Kantianers Clarus, als er zur Schlussfolgerung gelangt, dass Woyzecks Seelenzustand kein Hindernis für den freien Gebrauch des Verstandes gewesen sei (Clarus 963 f.). Clarus vertritt den zeitüblichen ethisch-normativen Standpunkt und hält das gedankenlose und untätige Leben, die „moralische Verwilderung“ (ebd. 939) für die Ursachen der menschlichen Zerrüttung, die Woyzeck zur Mordtat treibt. Büchner führt hingegen andere Lebensumstände an: die Einsamkeit, die Ausstoßung aus dem gesellschaftlichen Leben, die psychische Krankheit, die Armut und den erbärmlichen physischen Zustand. In der Szene mit dem Doktor versucht Woyzeck mit ihm Kontakt aufzunehmen, er versucht es mit der Körpersprache (kracht mit den Fingern), wird aber mit dem Satz abgewiesen: „Woyzeck, er philosophirt wieder“ (Büchner, „Woyzeck“ 22). Er versucht es noch einmal, wird vertraulicher, legt sogar den Finger an die Nase, aber der Doktor ist nicht an dem Menschen interessiert, er verfolgt stur seine Experimente. Woyzeck ist für ihn nur ein interessanter 54 Fall, und wenn sein Zustand sich verschlechtert, wird er noch interessanter: Doktor: Woyzeck, Er hat die schönste Aberratio mentalis partialis, die zweite Spezies, sehr schön ausgeprägt. Woyzeck, Er kriegt Zulage! Zweite Spezies: fixe Idee mit allgemein vernünftigem Zustand. – Er tut noch alles wie sonst? Rasiert seinen Hauptmann? (Büchner, „Woyzeck“ 22 f.) Der differentialdiagnostische Blick, der gerade in diesem Abschnitt satirisiert wird, zeugt wieder von den psychiatrischen Kenntnissen der Zeit. Reil beschreibt den „fixen partiellen Wahnsinn“ und definiert ihn als „eine partielle Verkehrtheit des Vorstellungsvermögens“. In seinem Gutachten erklärt sich Clarus Woyzecks Unruhe folgenderweise: Uebrigens habe er einen Gedanken, den er einmal gefaßt habe, nicht leicht wieder los werden können, besonders unangenehme Vorstellungen, und dabei öfters lange hintereinander immer auf einen einzigen Gegenstand hingedacht, bis ihm zuletzt, ganz die Gedanken vergangen seyen und er gar nicht mehr habe denken können. (Clarus 954) Die thematische Entsprechung der drei Texte besteht in der Beschreibung der Krankheit. Betrachtet man Reils Text als den Hypotext, erfolgt eine semantische Transformation. Clarus benutzt keine der Fachausdrücke wie „fixe Idee“ oder „fixen Wahnsinn“, er schreibt von Gedanken und unangenehmen Vorstellungen. Büchners Text ist hingegen von seinem Bildungswissen geprägt. Er kannte die lateinische Bezeichnung für den „fixen partiellen Wahnsinn“ vermutlich aus den Beiträgen zur Lehre von den Geisteskrankheiten von Bird und Franz Amelung, Arzt am Hofheimer Landeshospital (vgl. Seling-Dietz 235 f.), und verwendete sie im Text neben der Definition der „fixen Idee“. Das hat zweierlei Wirkungen zur Folge: Büchners Fachkenntnisse werden bekundet und durch die Übertreibung des Stils wird das Verhalten des Doktors parodiert. In Clarus‘ Gutachten ist kein Platz für satirisches OLIVETTA GENTILIN OLIVETTA GENTILIN FOCUS ON GERMAN STUDIES 19 55 Anliegen, da es als Gerichtsprotokoll konzipiert ist.Während der Doktor im ersten Teil der Szene einfach Daten registriert, ohne eine Diagnose zu erstellen, diagnostiziert er hier an Woyzeck eine „fixe Idee mit allgemein vernünftigem Verstand“. Es handelt sich um denselben Schluss, zu dem auch Clarus gekommen ist und der über Leben oder Tod des Angeklagten entschieden hat. Durch das komische Verhalten des Doktors, seine Übertreibungen, seine Wiederholungen, seine Schikanen gegenüber Woyzeck wird die Richtigkeit dieser These in Frage gestellt, zumal Woyzeck ständig Symptome einer Seelenstörung aufzeigt. Er hört Stimmen, er hat Wahnvorstellungen und Halluzinationen, was an verschiedenen Stellen auf das Clarus-Gutachten verweist. Auf der entgegensetzten Seite steht die Humanität der Hauptfigur, die trotz ihrer Armut die Geldzulage nicht für sich behält, sondern an seine Gefährtin weiterreicht. In der ersten Szene der Handschrift 3, Der Hof des Professors, wird das satirische Anliegen noch deutlicher. Der Anfang ist ein Mosaik direkter und indirekter Zitate aus der Bibel und aus Wilbrand: Doktor: Meine Herren, ich bin auf dem Dach wie David, als er die Bathseba sah; aber ich sehe nichts als die culs de Paris der Mädchenpension im Garten trocknen. Meine Herren, wir sind an der wichtigen Frage über das Verhältnis des Subjektes zum Objekt, wenn wir nur eines von den Dingen nehmen, worin sich die organische Selbstaffirmation des Göttlichen, auf einem so hohen Standpunkte, manifestirt, und ihre Verhältnisse zum Raum, zur Erde, zum Planetarischen untersuchen, meine Herren, wenn ich diese Katze zum Fenster hinauswerfe: wie wird diese Wesenheit sich zum centrum gravitationis und dem eigenen Instinct verhalten? He, Woyzeck (brüllt) Woyzeck. (Büchner, „Woyzeck“ 80) Der Professor befindet sich auf dem Dach in einer erhöhten Position, während Woyzeck unten auf demselben Niveau der Katze ist. Er identifiziert sich also zuerst mit dem König David, als er vom Dach seines Königshauses die schöne Bathseba sah. Das Zitat kann auch als Andeutung des tragischen Endes angesehen werden, da andere Stellen im Drama dieselbe Funktion aufweisen, z. B. ganz am Anfang das schauderhafte Bild des Kopfes, der auf den Hobelspänen lag. Auf der anderen Seite betrachtet sich der Professor als Krone der organischen 56 Schöpfung, worin sich die göttliche Substanz manifestiert. Aus dieser Position wirkt er affig und in seinem Größenwahn nicht mehr glaubwürdig, obwohl er sich mit einer philosophischen Frage befasst. Dieser Textteil bezieht sich auf Wilbrands Schriften, worin er die organische von der unorganischen Natur unterscheidet und die erste über die letztere erhebt (vgl. Wilbrand 63 ff.). In seinen wissenschaftlichen Schriften bekundet Büchner eine ganz andere Meinung. Der Zweck der Naturphilosophie besteht in der Suche nach einem Grundgesetz für die gesamte Organisation, auch das Individuum ist Manifestation eines Urgesetzes. Wenn alles an dieses Gesetz gebunden ist, „was ist das, was in uns lügt, mordet, stiehlt?“ (Büchner, „Briefe“ 377). Auf diese in dem sogenannten Fatalismusbrief aus dem Jahr 1834 gestellte Frage kann Büchner noch keine Antwort geben. Deshalb verspottet er den Dogmatismus des Professors, nimmt Stellung gegen den „Enthusiasmus des absoluten Wissens“ (Büchner, „Über Schädelnerven“ 159) und wendet sich einer anderen Methode der Naturbeobachtung zu, die von dem Allgemeinen zum Besonderen übergeht und nach Ursachen und Umständen der Phänomene sucht. Weitere Charakteristiken des Professors erinnern an den historischen Wilbrand. Karl Vogt berichtet, dass während der Anatomievorlesung sein Sohn erschien und die Ohren bewegen sollte (vgl. Vogt 55) oder dass er die Lupe nicht gern benutzen wollte. In der Szene ist nämlich der Doktor derjenige, der die Lupe in die Hand nimmt. In dieser Gestik enthüllt sich die Theatralisierung der Szene. Es handelt sich um ein Beobachten der Beobachtung. Der Zuschauer beobachtet die Wissenschaftler, die ihrerseits das Versuchsobjekt beobachten. Das wissenschaftliche Verfahren wird zum Bühnengegenstand. Doktor und Professor ähneln sich in ihrer Rücksichtlosigkeit Woyzeck gegenüber: die Läuse im Tierfell sind interessanter als das schlechte Befinden des Soldaten. Er zittert, der Puls wird unregelmäßig, er muss sich hinsetzen, weil es ihm dunkel wird. Sie helfen ihm aber nicht, sie betasten ihn und befehlen ihm, die Ohren zu bewegen. Solche Manifestationen der Krankheit beobachtet auch Clarus bei der Untersuchung des Inquisiten. Er bemerkt ein Zittern am ganzen Körper, besonders wenn der Besuch unerwartet kommt, Puls und Herzschlag waren zuerst regelmäßig, dann immer etwas unruhig. Trotz dieses Zustands negierte Clarus jede Spur von Wahnsinn oder Melancholie. OLIVETTA GENTILIN FOCUS ON GERMAN STUDIES 19 57 Im Lenz vermag Büchner so zu erzählen, dass es nicht zur Ablösung diskursiver Strukturen der Medizin, Psychologie und Philosophie kommt, da es in dem Modus keine Distanz zwischen dem Blick des Erzählers und Lenzens Blick, zwischen Erzähltem und Erlebtem gibt. Gleichwohl spürt man im Text auf Schritt und Tritt seine Kompetenzen und sein Wissen. Im Woyzeck dient die dramatische Darstellung zur Demaskierung der Wissenschaft durch die Parodierung der wissenschaftlichen Sprache. Büchner vertritt mit seinem Skalpell und seinen Büchern den Empiriker, der sich Fragen stellt und keine vorschnellen Antworten gibt, sondern den Ursachen und den Umständen nachgeht. Aus seiner Schrift Über Schädelnerven geht deutlich hervor, dass Wissenschaft und Philosophie nicht imstande sind, eine Verbindung zwischen Natur und Verstand, individueller Freiheit und den Gesetzen der Moral zu finden: Die Frage nach einem solchen Gesetze führte von selbst zu den zwei Quellen der Erkenntnis, aus denen der Enthusiasmus des absoluten Wissens sich von je berauscht hat, der Anschauung des Mystikers und dem Dogmatismus des Vernunftphilosophen. Daß es bis jetzt gelungen sei, zwischen letzterem und dem Naturleben, das wir unmittelbar wahrnehmen, eine Brücke zu schlagen, muß die Kritik verneinen. (Büchner, „Über die Schädelnerven“ 159) In seinem literarischen Schreiben kann und will Büchner diesen Konflikt auch nicht lösen, er kann aber sein Mitleiden, seine Toleranz und seine Humanität den Menschen gegenüber zeigen, die danach streben. 58 QUELLVERZEICHNIS ABBILDUNGEN Abb. 1 William Hogarth: "The Anatomy Lesson (The Reward of Cruelty)", 1751. Abb. 2 Hauptmann und Doktor. Zeichnung Büchners in der Handschrift H 2 des Dramas Woyzeck. PRIMÄRLITERATUR Büchner, Georg. „Briefe“, in: Georg Büchner, Sämtliche Werke, Briefe und Dokumente in zwei Bänden, hrsg. Henri Poschmann, Band 2, Frankfurt am Main, Deutscher Klassiker Verlag, 1999. ---. „Schulreden und -aufsätze“, in: Georg Büchner, Sämtliche Werke, Briefe und Dokumente in zwei Bänden, hrsg. 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