149 VON SACHEN, SPITZELN UND SCHAFSPELZEN EINE INTERTEXTUELLE ANALYSE DER WERKE DIE SACHE MIT B. VON HANS JOACHIM SCHÄDLICH UND IMMER WIEDER DEZEMBER VON SUSANNE SCHÄDLICH NADINE NOWROTH TRINITY COLLEGE DUBLIN IRELAND O b und in wiefern eine spezifische DDR-Literaturgeschichte beschrieben werden kann, ist seit vielen Jahren Gegenstand literarischer Debatten. [s. u.a. W. Emmerich und J. Ludwig, W. Fuld]1 Fakt ist: Autobiographische Erinnerungsliteraturen über das Leben in der DDR sind seit dem Mauerfall in beinah inflationärer Weise veröffentlicht worden. Bereits seit der Öffnung des BStU2-Archivs für die Öffentlichkeit ist auch die Auseinandersetzung mit den Unterlagen des ehemaligen Ministeriums für Staatssicherheit zu einem signifikanten Moment der Auseinandersetzung in der Literatur geworden. Beispielhaft können an dieser Stelle die Werke Virus der Heuchler von Vera Lengsfeld oder die Kurzgeschichte Die Sache mit V. von Uwe Kolbe genannt werden, in der letztgenannter in literarischer Form die Bespitzelung durch seinen eigenen Vater aufarbeitete. Als Vorbild und Modell für diese Erzählung galt Kolbe in diesem Kontext die Kurzgeschichte von Hans Joachim Schädlich, die jener im Januar 1992 unter dem Titel Die Sache mit B. veröffentlicht hatte, und die eine literarische Aufarbeitung der Bespitzelung durch seinen eigenen Bruder beschreibt. Bereits in den Titeln dieser beiden Erzählungen lässt sich ablesen, daß sie sich teilweise an den Sprachduktus der Stasi-Akten anlehnen, da sie beispielsweise die Versachlichung von Bezeichnungen und Namen durch Abkürzungen aufgreifen3. Diese Imitation des Sprachduktus ebenso wie eine Integration der Akten in die eigenen literarischen Texte ist kennzeichnend für eine Reihe von Publikationen, die gleich unmittelbar nach der Wende entstanden sind4. Mit Die Sache FOCUS ON GERMAN STUDIES 19 150 mit B. sei Schädlich „als erstem ein literarischer Text zum Stasi-Komplex gelungen“ [Karsunke,190] Seit der Veröffentlichung der Kurzgeschichte von Hans Joachim Schädlich sind nun 20 Jahre vergangen und die literarischen Veröffentlichungen von persönlichen Erfahrungen mit der zweiten deutschen Diktatur erfuhren mit dem zwanzigsten Jahrestag des Mauerfalls im Jahr 2009 und dem zwanzigsten Jahrestag der Wiedervereinigung im Jahr 2010 erneut einen Höhepunkt im Publikationsaufkommen. Pünktlich zum zwanzigsten Jahrestag des Mauerfalls sorgte wieder eine Erzählung aus dem Hause Schädlich für öffentliche Aufmerksamkeit des Themas der innerfamiliären Bespitzelung. Susanne Schädlich, die Tochter des Schriftstellers Hans Joachim Schädlich, veröffentlicht in ihrer Erzählung Immer wieder Dezember. Der Westen, die Stasi, der Onkel und ich eine autobiographisch generierte Form der eigenen Familiengeschichte. In diesem Artikel soll der, bereits hier im Ansatz zu erkennende intergenerationelle Nexus der beiden Geschichten analysiert werden. Es lassen sich in der Retrospektive intertextuelle Bezüge zwischen den beiden Werken beobachten, die vermutlich aus der Tatsache resultieren, daß die Motive für die Narrative aus derselben Familiengeschichte entlehnt sind. Zu berücksichtigen ist, dass die erzählerische Analyse der Lebensgeschichte hierbei in beiden Fällen das Ende der DDR mit einschließt, beziehungsweise darüber hinaus reicht was bedeutet, dass auch die Hinterlassenschaften der zweiten deutschen Diktatur, wie beispielsweise die Akten des Staatssicherheitsdienstes, Gegenstand bzw. Thema dieser Erzählungen sind, und in diese mit eingeschlossen wurden. Für die zu analysierenden Texte soll dabei vorab folgende These formuliert werden: Für die Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit und der korrespondierenden Geschichte werden mit größer werdendem Zeitabstand klarere Worte gefunden, auch die Analyse des Selbst und der Umwelt wird deutlicher und schonungsloser. Diesen Prozess könnte man als einen selbstverständlichen beschreiben, denn in den meisten Fällen wird mit zunehmendem Abstand zum Ereignis auch eine differenzierte Analyse der eigenen Situation und des Umfeldes möglich. Dennoch ist zu analysieren, wie und vor allem warum diese Tendenzen auftreten. Beispielhaft sollen diese Prozesse anhand der bereits in der Einleitung erwähnten Texte Die Geschichte mit B. und Immer wieder Dezember untersucht werden. Beide Autoren behandeln in 151 ihren Texten einen schwerwiegenden Verrat; die Tatsache, daß der eigene Bruder beziehungsweise Onkel die Familie und Bekannte über viele Jahre hinweg im Dienst der Staatssicherheit überwacht hat. Dabei soll gleich klargestellt werden, dass sich diese beiden Texte nicht im Sinne einer klassischen punktuellen Komparation miteinander vergleichen lassen. Bereits in der äußeren Form unterscheiden sich die beiden Schriftstücke völlig. Dennoch sind die Geschichten, allen Unterschiedlichkeiten zum Trotz, auf eine indirekte Art miteinander verbunden: Am Anfang stand ein Schock, eine Sprachlosigkeit beziehungsweise eine traumatische Erfahrung, aus welcher sich dann ein Prozess motivierte, das Erlebte aufzuschreiben. Der Begriff des Traumas fällt dabei immer wieder in der Analyse des Geschriebenen: „Mit Sprachphantasie gegen das Trauma“ beschreibt Walther Hink [37] die literarische Aufarbeitung Hans Joachim Schädlichs, und bemerkt: „Wenn je ein Autor von seinem literarischen Werk eingeholt worden ist, dann ist es Hans Joachim Schädlich“. [ebd.] und bezieht sich damit auf Schädlichs Roman Tallhover, in dem Schädlich die Themen des Verrats und der Manipulation literarisch behandelt hat. 5 Diese Analyse berücksichtigt als Theorem Erkenntnisse aus der Gedächtnis- und Erinnerungsforschung. Zum einen eine klassische Definition von Trauma, durch die ein Schock oder eine schwere seelische Erschütterung definiert wird, zum anderen soll jedoch auch der von Lyotard geprägte Traumabegriff Berücksichtigung finden, der anstelle einer Vergangenheitsbewältigung eine Vergangenheitsbewahrung umschreibt, und der von Aleida Assmann in ihrer Publikation Erinnerungsräume erläutert wird. [264] Auch beschreibt sie einen „intergenerationelle[n] Nexus“ [Schatten, 94] des Traumas, der „nur unterbrochen werden [kann], wenn es gelingt die abgespaltenen und unbewussten Teile des Traumas in bewusste Formen von Erinnerung zu überführen“. [ebd.] Artikulation stellt daher einen zentralen Bestandteil der Therapie dar. [vgl. ebd.] Allerdings bedarf es dabei zusätzlich zu der Therapiesituation noch des als von Assmann bezeichneten „Erinnerungsrahmen“(s) [95] das „gesellschaftliche[] und politische[] Umfeld[] in dem diese abgespaltenen und unterdrückten Erinnerungen mit Empathie angehört werden können und einen Platz im sozialen Gedächtnis erhalten“[95]. Auch in diesem Fall kann man die Verschriftlichung der Familiengeschichte und das persönliche Zugänglichmachen derselben für NADINE NOWROTH FOCUS ON GERMAN STUDIES 19 152 die Öffentlichkeit als Erschaffung eines ebensolchen Erinnerungsrahmens interpretieren. Der Autor ist nicht mit dem Erzähler der Geschichten gleichzusetzen, obwohl die Narrative einen autobiographischen Bezug aufweisen, wie bereits im Vorfeld gezeigt werden konnte. Hans Joachim Schädlichs Die Sache mit B. – wobei das B. als Synonym für den Bruder gelesen werden könnte, sich aber im übertragenen Sinn auch als „Beobachter“ [im Dienst der Staatssicherheit] interpretieren lässt – ist eine beinah gleichnishafte Kurzgeschichte. Die Publikation Die Sache mit B. wurde veröffentlicht kurz nachdem der Autor 1992 seinen Bruder als IM in seinen Stasi - Akten erkannte. Die Kurzgeschichte ist in sich stark redundant und geprägt von Parataxen. Durch die Wiederholungen entsteht eine Monotonie, die der ganzen Erzählung eine Art Sogwirkung verleiht. Beispielhaft soll hier der Einstieg der Geschichte zitiert werden: Die Sache mit B. kann ich nicht vollständig erzählen, denn ich war nicht die ganze Zeit dabei. Ich kann die Sache mit B. unvollständig erzählen. Ja, wenn es einen Beobachter gegeben hätte, der die ganze Zeit dabeigewesen wäre, dann könnte der Beobachter falls er noch lebt und falls er will und kann, die Sache mit B. vollständig erzählen.[Schädlich, B 81] Gleich zu Beginn erfährt der Leser dann auch, dass es sich bei dieser Erzählung nicht um Fiktion handeln soll, sondern um reales Geschehen: „Letzten Endes hat es B. gegeben. B. lebt“.[ebd.] Der primäre Erzählstrang ist die Geschichte der beiden Brüder, vom „Großen“ [82] und vom „Kleinen“ [ebd.] B. bringt dem Kleinen das Schwimmen bei, das Rechnen, zeigt wie man einen Drachen steigen lässt. Durch den später aktenkundig gewordenen Verrat wird nun alles Wahrgenommene zwischen den beiden rückwirkend in Frage gestellt. Verdeutlicht wird dies durch eine Metaebene, die als ein zweiter Erzählstrang den Text durchzieht und der Introspektion dient, sowie dazu, das Geschehene zu hinterfragen: Ob er sich selber beobachtet hat, weiß ich nicht; ich habe ihn nicht gefragt. Hätte ich ihn gefragt und hätte er „Ja“ gesagt, also: „Ja, ich habe mich selber beobachtet“ so wüsste ich nicht, ob er sich wirklich selber beobachtet hat. Wüßte ich es, so wüsste ich nicht, ob er die Sache mit B., 153 das heißt, die Sache mit sich, erzählen will. Und kann. Vielleicht will er, aber kann nicht. Vielleicht kann er aber will nicht.[ebd.] Dab e i wi rd auch d i e e i gen e E ins t e l lun g zu r Vergangenheitsaufarbeitung unmissverständlich deutlich gemacht: „Ich will es. Vielleicht kann ich es, aber bloß unvollständig“.[ebd.] Es sind die Reaktionen der Außenwelt, die hier in erster Linie Zweifel hervorrufen: Es ist noch nicht zu spät, mich und andere zu fragen, ob es sich lohnt, die Sache mit B. unvollständig zu erzählen. Ich frage nur mich. Andere antworten womöglich mit „Nein“ und das wäre das Ende. Es mangelte dann an Text. Falls andere mich fragen, nachdem ich mich selber gefragt habe, sage ich: „Ich weiß nicht, ob es sich lohnt. Für wen.“ Da ich die Sache mit B. erzählen will, weiß ich aber vielleicht doch, ob es sich lohnt. Es lohnt sich vielleicht für mich. Andere können jetzt sagen: „Sollen wir uns eine Erzählung anhören, die unvollständig ist, bloß weil es sich für den, der erzählt, lohnt? Was haben wir davon, die wir womöglich sagen: „Nein, es lohnt sich nicht!“[ebd.] Signifikant und auffällig: immer wieder wird hinterfragt, ob es sich ‚lohne’ die Geschichte zu erzählen. Diese fragende und gleichsam abwartende Haltung ließe sich vor dem Hintergrund des Entstehungszeitpunktes erklären. 1992 waren die sogenannten Stasi- Akten gerade erst für die Öffentlichkeit zur Einsichtnahme freigegeben worden, kurze Zeit vorher war noch von einer Vernichtung gesprochen worden, und obwohl sogar Hans Joachim Schädlich selbst in diesen ersten Nachwende-Jahren von einer „Akten Hysterie“ sprach [Schädlich 2005, 52] war ambivalent dazu in der Öffentlichkeit eine Ratlosigkeit kennzeichnend, wie mit den Akten umzugehen sei, die sich in zahlreichen öffentlichen Debatten, auf gesellschaftlicher und politischer Ebene entwickelte. Auch der Duktus des Textes spiegelt diese Ratlosigkeit wider. In dem ganzen Gleichnis wird auf konkrete Namensnennungen verzichtet, beispielsweise auch dann, wenn die initiierten Schriftstellertreffen in Ost-Berlin beschrieben werden. Anstatt dessen werden die teilnehmenden Personen durchgängig als „Einheimische“ [Schädlich, 85] und „Auswärtige“ [ebd.] bezeichnet. Ost und West werden zum „Land vor der Grenze“ [87] und zum „Land hinter der Grenze“ [ebd.]. NADINE NOWROTH FOCUS ON GERMAN STUDIES 19 154 Ambivalent, geradezu anonymisiert, wird die, sehr viel später stattfindende, Akteneinsicht beschrieben, Namen Betroffener werden komplett vermieden: Etwas aber war da noch. Das wollte ich gerne einmal sehen. B. wurde übel, er sagte: „Ja, es ist wahr. Was soll ich jetzt tun. Du warst nicht der einzige, über den ich geredet habe. Du warst nicht mal der wichtigste“. Ich sagte: „Das glaube ich. Ich habe es gesehen. Geh zu den anderen und sage ihnen: Ja, es ist wahr“ B. ist zu einem anderen gegangen und hat es ihm gesagt. Zu mir hat er gesagt: Was soll ich jetzt tun? Ich sagte: Geh zu einem zweiten anderen und sage ihm: „Ja, es ist wahr“ B. ist zu einem zweiten anderen gegangen und hat es ihm gesagt. Zu mir hat er gesagt: „Was soll ich jetzt tun.“ Ich sagte: „Ich weiss es nicht.“ [ebd. 88] Und so bleibt auch am Schluss der Geschichte die recht resignative Erkenntnis: „Ich kann die Sache mit B. nur unvollständig erzählen. Ein Ende hat die Erzählung auch nicht“[ebd. 89]. Berücksichtigt man die zuvor erfolgten Bemerkungen über den Entstehungszeitraum und den geschichtlichen Hintergrund der Erzählung, scheinen die vielen Allegorien und Fragen die im Text beschriebene Ratlosigkeit zu transferieren. In der Rezeption hieß es, es sei „Schädlich als erstem ein literarischer Text zum Stasi-Komplex gelungen.“ [Karsunke 190] 2009 schreibt Hans Joachim Schädlichs Tochter Susanne die Familiengeschichte erneut auf. 6 Sie benutzt dabei zum Teil ähnliche Satzfragmente, die auch schon in der Erzählung des Vaters zu lesen waren. Die ganze Erzählung zeichnet sich durch eine größere Direktheit aus, Sätze werden konkretisiert und erfahren klare persönliche Wertungen. Worte der Erzählung ihres Vaters werden explizit aufgegriffen, wobei die Ambivalenz mit der sie relativert werden eher einer Widerlegung gleichkommt: „Es gibt kein Ende, das weiß ich jetzt. Nicht in dieser Angelegenheit. Nicht in dieser Zeit“. [9] An vereinzelten Textstellen, mitunter sind es ganze Passagen, lässt sich, wie an dem eben genannten Beispiel, zwischen den beiden Werken eine Intertextualität erkennen, die sich als Dialogcharakter deuten lässt. Es soll an dieser Stelle noch einmal an den bereits zuvor erwähnten Erinnerungsrahmen laut Assmann erinnert werden. Zieht man diese Erkenntnisse der modernen Gedächtnisforschung hinzu, so lassen sich die beiden Erzählungen in diesem Sinne interpretieren, nämlich dass sie 155 eine Plattform des Austausches zwischen beiden beteiligten Personen darstellen. Die Personen tauschen sich in diesem Fall natürlich nicht direkt miteinander aus, sondern der Bezug stellt sich indirekt über die Erzählungen selbst her ( über die erzählt wird). Da sowohl die Erzählperson als auch die Medien in diesem Fall als ein Konstrukt anzusehen sind, möchte ich in diesem Zusammenhang von einem konstruktivistischen Erinnerungsrahmen sprechen, in Anlehnung an Assmann [vgl. Schatten, 95] Auf dieser Ebene lassen sich zwischen den beiden literarischen Erzählungen intertextuelle Bezüge erkennen, die sich sowohl auf inhaltliche Elemente, als auch auf metaphorische Elemente beziehen: Hieß es in Hans Joachim Schädlichs Erzählung noch: „Es ist noch nicht zu spät, mich und andere zu fragen, ob es sich lohnt, die Sache mit B. unvollständig zu erzählen. Ich frage nur mich“ [82 f.] – greift Susanne Schädlich diese Ratlosigkeit in der Erzählperspektive auf, wenn sie schreibt: „Für uns waren die Ereignisse der Jahre vor allem eine private Sache, für die wir selbst kaum Worte fanden“ [11]. Die Erzählerin konstatiert aber gleich im Anschluss eine klare Notwendigkeit der Narration: „Jetzt frage ich auch andere, die dabei gewesen sind. Ich lese die Akten, bringe die Erinnerungen in eine Chronologie, in eine Abfolge, damit sie ein Ganzes ergeben und nicht nur Bruchstücke bleiben, die man sich am Familientisch erzählt“. [ebd.] Hier wird deutlich, dass auch in dieser Erzählung eine Metaebene existent ist, in der der Leser informiert wird über Prozesse, die das Werden der Erzählung beschreiben. Der Leser erfährt also auch Details über den Prozess der Recherche und ihm wird vor Augen geführt, wie die einzelnen Informationen der Erzählung zusammengetragen wurden. Bereits das obige Zitat deutet darauf hin, dass hier mit typischen Mitteln der Montage gearbeitet wird – die Erzählfigur berichtet von Gesprächen, die im Rahmen der Entstehung des Buches geführt werden, sowie von Akten, in die Einsicht genommen werden muss. Dieser deskriptiven Prämisse folgend sind auch in der Erzählung solche Elemente zu finden: Auszüge aus den Stasi-Akten, remediatisierte Interviews, die im Vorfeld für die Erzählung geführt wurden, sowie Zitate aus der Presse sind in den Text eingearbeitet, es lassen sich also deutliche Mittel der Montage ausmachen. Auch in der, vorwiegend als Narration in der ersten Person angelegten Erzählung, wird immer wieder die Perspektive gewechselt, damit Narrative von Zeitzeugen ihren Platz finden. Diese Zeitzeugen- Narrative sind natürlich in einer bereits mediatisierten Form in den Text NADINE NOWROTH FOCUS ON GERMAN STUDIES 19 156 eingearbeitet worden. Dennoch verleihen diese Narrative eine besondere Glaubwürdigkeit und Authentizität, denn: „[i]n der Regel hinterlässt der Bericht von Zeitzeugen einen tieferen Eindruck als der Vortrag von Personen, die nicht selbst betroffen waren“ [Möbius 2009: 208]. Neben den Narrativen ist auch die Erzählstruktur des Textes signifikant: Die Erzählung ist in zwölf verschiedene Kapitel unterteilt. Auch innerhalb der einzelnen Kapitel werden zum Teil die Zeitebenen gewechselt. Ein häufig anzutreffendes stilistisches Moment sind dabei klassische Rückblicke, darüber hinaus werden aber auch Ausblicke in die Zukunft oder Sprünge von der Vergangenheit in die Zukunft verwendet. Dieses Vor- und Zurückblenden im Raum-Zeit Kontinuum sowie das Einnehmen von unterschiedlichen Perspektiven lässt sich als Pendant zu den Momenten der Entwurzelung lesen, die das Thema bzw. den Ursprung dieser Erzählung darstellen. Diese vielschichtigen Narrativ- und Montagemuster verleihen dem Text eine differente Struktur: Ließ sich in dem Text von Hans Joachim Schädlich noch deutlich eine um erkennbare Neutralität bemühte Erzählerperspektive ausmachen, so sind Emotionen und Bewertungen Teil von Susanne Schädlichs Erzählung. Zwar nie vordergründig und vorrangig, aber sie stellen einen permanenten Teil der Erzählstrategie dar, wie das folgende Zitat verdeutlicht: Es gibt Tage, an denen es leichter fällt, sich mit all diesen Dingen zu beschäftigen. Die Verfassung wechselt, je nachdem, in inwieweit ich mich als Chronistin fühle oder in wieweit als Beteiligte. Beteiligt war ich, sollte es jetzt nicht sein, wenn ich schreibe, ich sollte abstrahieren, drüberstehen, Kühl und sachlich. Das gelingt nicht immer. Mit Menschen zu sprechen, die ähnliches erlebt haben, hilft. [96] Obwohl die Emotionen hier ein deutliches Thema darstellen, ist die Geschichte sehr analytisch beschrieben und mit profunden Fakten angereichert: konkrete Namen werden genannt. Hießen beispielsweise in der Erzählung von Hans Joachim Schädlich die Schriftsteller, die bei den geheimen Treffen im Osten der Stadt teilnahmen, wie zuvor angedeutet, durchgängig nur „Einheimische“ [82 f.] und „Auswärtige“[ibid] – so macht sich die Erzählerin in Immer wieder Dezember daran, minutiös Namen aufzuzählen, die sie erinnert oder den zugehörigen Akten entnommen hat, beispielsweise: 157 Insgesamt gab es bis zu unserer Ausreise fünfzehn Schriftstellertreffen an wechselnden Orten, immer in Privatwohnungen in Ost-Berlin mit einem Stamm von Autoren, der immer oder fast immer dabei war: Günter Grass, Hans Christoph Buch, Nicolas Born, Rolf Haufs aus dem Westen, Sarah Kirsch, Günter Kunert, Rainer Kirsch, Kurt Bartsch, Bernd Jentzsch, Hans Joachim Schädlich, Klaus Schlesinger, Bettina Wegner und Elke Erb aus dem Osten [62] . Auch bereits im Text von 1992 verwendete Satzmodelle – gerade im Bezug auf den begangenen Verrat – werden aufgegriffen und mit konkreten Namen aufgefüllt. Wo es im Text von 1992 heißt: „geh zu den anderen und sage ihnen: ‚Ja, es ist wahr’ [...] Geh zu einem zweiten anderen und sage ihm: ‚Ja, es ist wahr’“[88] findet sich in der Erzählung von Susanne Schädlich eine ganz ähnliche Dialogstruktur wieder – das Gespräch zwischen Vater und Bruder wird aufgegriffen: „Fang heute damit an, dich zu offenbaren. Fang mit Katja Havemann an. Sprich mit Bettina Wegner. Karlheinz: Mit Hubertus Knabe“ [230]. Nicht nur die konkreten Namen der Opfer werden eingesetzt, vorab wird das erste und einzige Treffen des Vaters mit dessen Bruder nach der Akteneinsicht dargestellt, der Leser wird Zeuge eines bedrückenden Dialogs: - Als ich gestern die Gauck-Behörde verlassen hatte, verfiel ich in einen Weinkrampf. Weil ich in den Akten so viele Dinge gefunden habe, die beweisen, dass Du für das MfS gearbeitet hast. Karlheinz: Ich war IM „Schäfer“. Ich habe meine Identität verspielt. Ich bin ein Nichts. Mir ist nicht zu helfen. Ich kann mir auch nicht mehr selbst helfen. Ich kann die Scham, die ich empfinde, nicht mehr ertragen. [...] Vielleicht sollte ich allen, denen ich geschadet habe, sagen: Ich war IM „Schäfer“ - Ich finde die Idee, mit allen, von denen du glaubst, dass es nötig ist, zu reden, sehr gut. Das hilft ihnen, und Dir hilft es auch. Karlheinz: Das ist doch alles viel zu spät. Ich könnte jetzt Schluß machen. - Selbstmord wäre der letzte Verrat. Karlheinz: Ja, das stimmt. [230] Auch hier ist nicht der beklemmende und allegorische Tonfall vorwiegend, wie er in Die Sache mit B. kennzeichnend war. Die Erzählerin bringt sogar noch ihre eigene Wertung der Situation ein: NADINE NOWROTH FOCUS ON GERMAN STUDIES 19 158 Ihm hatte man versichert, dass seine Unterlagen in den Schredder gewandert seien. [...] Wäre es nach ihm gegangen, niemand hätte von seinen Taten je etwas erfahren [...] Darum hörte der Onkel auf den Rat des jüngeren Bruders. Er rief ein paar Leute an. Längst nicht alle, aber er konnte sagen, ich habe den und den angerufen. Der Vater wollte mehr, er hatte gehofft, dass sich der Onkel an der Aufklärung beteiligt. Der aber schwieg [231]. Dennoch waren auch ihre Eltern maßgeblich daran beteiligt, dass diese Familiengeschichte überhaupt in dem Ausmaß zusammengetragen werden konnte. Dieses generationsübergreifende Moment macht die Erzählerin in plastischen Dialogen deutlich, in denen sie ihre eigene Recherche in der Erzählung regelrecht bildhaft inszeniert. Die Erzählerin beschreibt, wie sich Mutter, Vater und Tochter an einen Tisch setzen und versuchen, die eigene Geschichte zu rekonstruieren. Dabei entstehen mitunter bühnenreife Dialoge. Deutlich wird hier, dass Immer wieder Dezember mehr ist, als die Erinnerungen einer Autorin zu ihrer eigenen Geschichte. Genauso wie Susanne Schädlich durch den Roman in Dialog tritt mit der Erzählung ihres Vaters, genauso ist der reale generationsübergreifende Dialog unerlässlich, um genau zu rekonstruieren, wie das zuvor gegebene Beispiel andeutet. Die Präsenz des Onkels durchzieht das ganze Buch; Manchmal nur in einem kurzen Halbsatz; dann über mehrere Seiten hinweg, beispielsweise wenn es darum geht, den Verrat durch ihn aufzuarbeiten, „den Schmutz loszuwerden“ [Beyer 156], wie die Autorin es in einem Interview selbst beschrieb. Der Suizid des Onkels, den die Kriminalpolizei als klassischen Bilanzsuizid einordnen wird, ereignet sich im Dezember 2007 und fällt genau mit der Entstehung ihrer Erzählung zusammen. Plötzlich habe eine Konversion stattgefunden: Für die Presse war er auf einmal das Opfer, und die Familie die w, die ihm nicht verziehen haben. „Ich musste die ganze Dramaturgie ändern, auch um meiner Empörung Ausdruck zu verleihen: Jetzt ist aber Schluss – von wegen ,der arme Onkel’! Ich wollte nun erzählen, wie es wirklich war“. [ebd.] Den Suizid hat sie dabei im Prolog des Romans beschrieben: Ein Schuss in den Mund, nicht weit von meiner Wohnung, in einem kleinen Park an verkehrsreicher Straße, an einem überaus grauen 159 Dezembersonntag 2007, mitten in Berlin. Ein Mann tot auf einer Bank: Karlheinz Schädlich, der Bruder meines Vaters, unser Onkel. [...] Der voller Geschichten war und sich Zeit nahm und zuhörte, der ein offenes Ohr hatte, für uns. Und für viele andere. Dem ich vertraut habe bis 1992 [...] Ich glaube, als die Mutter mich informierte, habe ich geweint. [...] Danach habe ich nicht wieder mit ihm gesprochen. [...] Ihn einfach vergessen, weil man vergessen wollte. Aber sosehr man sich auch anstrengte, es funktionierte nicht. [7-8]. Hier wird deutlich: Obschon es in der Erzählung um Beschreibung geht, kommt der Text an manchen Stellen einer Abrechnung gleich. In diesem Punkt ist ein deutlicher Gegensatz zum Text von Hans Joachim Schädlich zu sehen, in dem derartige Wertungen weitestgehend vermieden werden und in dem eine stark allegorische Sprache vorherrscht. Im Gegensatz dazu stößt man bei Immer wieder Dezember auf eine eher faktisch-reale Erzählhaltung, die auch Wertungen der Außenwelt mit einbezieht: Die Erzählerin schreibt über die Zeit nach dem Suizid: „Ich erinnere mich an die Zeit nach seinem Tod. ‚Das war ein aggressiver Akt’ sagte Lilo Fuchs mir zwei Tage nach dem Schuss. ‚Der war auch gegen euch gerichtet, ganz zum Schluß noch einmal, mit einem großen Knall’“ [231]. Durch den öffentlichen Selbstmord wird das Buchprojekt von Susanne Schädlich allerdings keinesfalls gefährdet, sondern eher noch bekräftigt, da durch den „lauten Tod“ [9] des Onkels nun die Geschichte plötzlich erneut eine öffentliche wird – und somit der Interpretation durch Dritte freigegeben ist. Die Erzählerin schreibt in Immer wieder Dezember von Anrufern, die befanden, der Tod setze andere Maßstäbe, dass man den Toten auch verzeihen können müsse. Als ihre Familie zögerte, zur Beerdigung zu gehen, hieß es: Täter und Opfer seien sich erschreckend ähnlich, Kaltherzigkeit wurde unterstellt. Als sie schließlich nicht kamen, wurden sie als ‚versaute Atheisten’ beschimpft, als ‚Spitzeljagdmob’ der offenbar Lust an Verleumdung empfinde. [vgl. 232] Auch von Seiten der Presse wurde die gesamte Familie unter Druck gesetzt, auch die mediale Berichterstattung findet sich in der Erzählung in remediatisierter Form wieder: Was dann kam, war ein Spießrutenlauf. Anrufe bei der Mutter, Anrufe beim Vater. Er sollte Stellung nehmen. [...] Am Dienstag waren die Zeitungen voll mit dem lauten Tod. [...] „Ein Schöngeist, NADINE NOWROTH FOCUS ON GERMAN STUDIES 19 160 hochkultiviert, ein interessanter Gesprächspartner, der sich mit Literatur und Wissenschaft beschäftigte, stets hochdeutsch sprach und sich gewählt ausdrückte. Einer der Freiräume brauchte und viel Luft zum Atmen“. [9] Auch die Metapher des Schäfers taucht immer wieder in der Erzählung auf, sie stellt eine direkte Anspielung auf die den Namen dar, unter dem der Onkel der Staatssicherheit seine Dienste anbot: IM Schäfer. Durch die Gegenüberstellung des Verrats mit den durch das Sinnbild des Schäfers eigentlich intendierten Bedeutungen wie Schutz und Fürsorge findet eine sarkastische Überspitzung und zu einem gewissen Grad eine Konversion des eigentlichen Themas statt. Vergleichbare Metaphern ziehen sich durch die gesamte Erzählung. Viele sind biblischer Natur, wie: „Ich war seiner Stimme gefolgt. So war er, dieser Wolf, der sich Schäfer nannte und sich als Hirte dachte“ [192]. Mit diesem, an einen Vers aus dem Johannesevangelium angelehnten, Bild illustriert Susanne Schädlich die Figur des Onkels und beschreibt gleichzeitig die emotionale Nähe zu denen, die er verraten hat. Religiöse Bilder werden häufiger in diesem Text verwendet. Diese Anspielungen sind als direkte Bezugnahme auf des Onkels IM-Namen Schäfer und die damit verbundenen Darstellungen in der Presse zu deuten. Durch die Umkehrung und Negierung dieser Bilder durch die Kommentierung der Erzählerin findet eine klare Distanzierung zu der öffentlichen Darstellung des Falles statt. Auch auf der metaphorischen Ebene lässt sich hierbei ein Vergleich zu der Erzählung des Vaters ziehen: Der Verrat durch den eigenen Bruder weist deutliche Parallelen zum biblischen Motiv der Kain und Abel Geschichte auf, auch wenn in der Erzählung kein Brudermord begangen wird, so wird der Leser doch Zeuge eines schwerwiegenden Verrats. Ein jüngstes Gericht vor Gott ist hier, anders als in der biblischen Geschichte, nicht zu erkennen, vor diesem „irdischem“ Kontext bleibt nur das Wissen um den Verrat und lediglich die Gewissheit, dass nichts so ist, wie es scheint oder gedacht war. Die biblische Metaphorik bzw. Kontextualisierung ist somit für beide Texte zutreffend. Während sie in Die Sache mit B. jedoch lediglich der Interpretation des Lesers überlassen bleibt, ist die biblische Metaphorik für die Erzählung von Susanne Schädlich expliziter Teil der Textstruktur. Dabei werden die gewählten Metaphern durch den Umstand des Verrates aus der ursprünglich positiven Bedeutung in eine negative transferiert. 161 Das Bildnis des schützenden und sorgenden Hirten, bzw. Schäfers erfährt durch die negative Erfahrung des Verrats eine Konversion und lässt den Beschützer somit im Gesamtkontext als Verräter erscheinen. Auch der Erzählerin ist diese Doppeldeutigkeit der Bilder bewusst: „Ich war seiner Stimme gefolgt. So war er, dieser Wolf, der sich Schäfer nannte und sich als Hirte dachte“ [192]. Grundlage für dieses Wortspiel stellt ein Vers aus dem Johannesevangelium dar, der ebenfalls in die Erzählung eingebaut wurde: Der aber zur Tür hineingeht, der ist der Hirte der Schafe. Dem tut der Türhüter auf und die Schafe hören seine Stimme, und er ruft seine Schafe und führt sie aus. Und wenn er seine Schafe hat ausgelassen, geht er vor ihnen hin, und die Schafe folgen ihm nach, denn sie kennen seine Stimme. Einem Fremden aber folgen sie nicht, sondern fliehen ihn, denn sie kennen die fremde Stimme nicht.[ebd.] Jedoch wird der Vers gleich von der Erzählerin kommentiert, und somit in seiner eigentlichen Bedeutung hinterfragt: „Ich floh ihn [sic!] nicht. Ich ging ihm auf dem Leim. Eine einfache Redewendung, die eine Assoziation hervorruft“. [ebd.] Hier wird noch einmal deutlich, wie elementar die kommentierende Funktion des Erzählers ist: Die biblischen Metaphern, die ein vermeintlich heiles Weltbild kolportieren, erfahren durch die Kommentare der Erzählerin eine Konversion, und werden somit einem Korrektiv unterzogen. Interpretieren ließe sich dieses Korrektiv als ein Verweis darauf, dass auch der äußere Schein trügen kann. Hier lässt sich erneut eine Parallele zu der Kurzgeschichte von Hans Joachim Schädlich ableiten, wo ebenfalls die Metaebene des Textes dazu diente, die beschriebenen Vorgänge zu hinterfragen. In Immer wieder Dezember spielen die Kommentare im Metatext eine zentrale Rolle dahingehend, als dass sie es dem Erzähler ermöglichen, sich zu den Beschreibungen zu positionieren. Die gerade diskutierten biblischen Metaphern sind dabei nicht die einzigen Textelemente, zu denen auf einer Metaebene bezug genommen wird. Auch die mediale Berichterstattung, die die Stasi-Aktivitäten des Onkels und den später folgenden Selbstmord desselben darstellen, werden durch die Erzählerin kommentiert und entsprechend bewertet. Die Darstellung von Karlheinz Schädlichs Stasi-Mitarbeit wurde nämlich nach dessen Selbstmord 2007 in der Presse geradezu metaphorisch überfrachtet. Es wurde versucht, die Mitarbeit bei der NADINE NOWROTH FOCUS ON GERMAN STUDIES 19 162 Staatssicherheit durch sein Faible für Geheimagenten zu erklären [vgl. dazu Blasberg, 17] Als „Dandy von Ost-Berlin“ [ebd.] wird der Spitzel im Feuilleton aufgrund seines extravaganten Auftretens beschrieben. Auch auf diese Berichterstattung wird in der Erzählung direkt bezug genommen: Die Artikel rissen nicht ab. Und nicht nur das! Als Held kam er mir entgegen, mit Pfeife, lächelnd, sympathisch. Der „Gentleman IM“ mit den „schlanken Händen eines Pianisten“, der „Tweedjackets liebte“, schrieben sie da, und viele, die es lasen, werden es geglaubt haben. [...] Uns hat der Onkel die Luft geraubt. Die Harris-Tweed-Jackets waren sein Schafspelz (Hervorhebung durch d. Autorin) [9] Hier zeigt sich wieder einmal die zentrale Rolle der Erzähler- Kommentare für dieses Werk, wodurch es der Autorin gelingt, ein Korrektiv in die öffentliche Darstellung der Geschichte einzubringen. Es wird deutlich, dass in der Struktur der Erzählung viele öffentliche mediale Diskurse verarbeitet, analysiert und kommentiert werden. Durch eine ebensolche kommentierende Erzählhaltung werden auch die medialen Berichterstattungen, die im Zusammenhang mit dem Suizid des Onkels publiziert werden, interpretiert. In der Boulevardpresse gab es eine deutliche Tendenz, die Machenschaften des Spitzels zu relativieren, beispielsweise durch den Umstand dass Schädlich vor seiner IM-Zeit selbst bespitzelt worden sei. Die Stasi-Akte von Karlheinz Schädlich erzähle nicht nur die Geschichte eines Spitzels heißt es dort beispielsweise, deutlich werde an ihr die Perversität des Stasi-Spitzel Systems. Bereits bei der Werbung hätten die MfS-Mitarbeiter notiert, dass die Schädlich belastenden Fakten [Zollvergehen etc.] später als Druckmittel genutzt werden können, sollte er nicht als IM Informationen an die Staatssicherheit liefern. Ihm sollte Angst gemacht werden, dass er bei der Verweigerung einer Kooperation ins Gefängnis müsse [vgl. dazu Lier]. „Der Verräter war nicht nur Täter. Er war auch Opfer“ [ebd.], heißt es dazu in mehreren Zeitungsberichten. Die Schlussfolgerung in der Presse dazu lauteten: „Die Drohungen [der Vorgesetzten] zeigten Wirkung. Schädlich lieferte offenbar wie gewünscht“ [ebd.], denn es gab zweifelsohne belastendes Material, mit dem das Ministerium für Staatssicherheit IM Schäfer hätte unter Druck setzen können. 163 Von den Drohungen musste allerdings, anders als es in der Presse dargestellt wird, niemals Gebrauch gemacht werden. Die Relativierung der Spitzel-Machenschaften wird in der Erzählung auf verschiedene Arten kommentiert. Zum einen werden Zitate in den Text eingebaut, die Gespräche des Onkels nach dessen Enttarnung wiedergeben, und die seine Einstellung zur Staatssicherheit wiederspiegeln: „Ich habe herausgefunden, dass ich der geborene Verräter bin. Andererseits habe ich auch unbedingte Loyalität bewiesen. Der Verrat, die Illoyalität war eine Bestimmungsgröße meines Lebens“ [232]. Zum anderen äußert sich die Erzählerin rückblickend und unter Bezugnahme auf die Akten der Staatssicherheit zu der öffentlichen Darstellung: „Daß der Onkel als OV ‚Zersetzer’ vom MfS geführt wurde, bevor er IM ‚Schäfer’ wurde, kann nicht als Entlastung gelten [...] Er hätte anders gekonnt, aber er tat es nicht [...] Sie brauchten auch nicht zu ihm kommen, er kam zu ihnen“ [131f.]. Die Erzählung Immer wieder Dezember ist dabei -im Gesamtkontext gesehen- nicht das einzige Medium, das zur Richtigstellung der Geschichte genutzt wird. Auch mediale Auftritte der Autorin tragen dazu bei, die Narrative mit dem nötigen Korrektiv zu versehen. In einem Interview mit dem Spiegel im Rahmen der Leipziger Buchmesse 2009 nimmt Susanne Schädlich direkt zu der Darstellung des Onkels als Opfer [der Staatssicherheit] bezug: „Er hat sich sogar angedient und selbst Vorschläge unterbreitet. Er hat nur an sich selber gedacht. Er hatte durch die Spitzelarbeit Vorteile, er hat sich auch geschützt. Er hat es gemacht, weil er es so wollte“. [Beyer 157]. In diesem Interview kommt Susanne Schädlich dann auch auf die literarische Umsetzung dieses Themas durch ihren Vater, Die Sache mit B. zurück: „Mein Vater hätte darüber gewiss kein ganzes Buch schreiben wollen, aber er hat diese Erfahrung literarisch umgesetzt“ [Beyer 160]. Damit wird noch einmal deutlich, dass die beiden Erzählungen unabhängig voneinander entstanden sind, es wird jedoch auch deutlich, dass diese gravierende traumatische Erfahrung als Teil der Familiengeschichte von beiden Autoren literarisch bearbeitet worden ist. Es offenbaren sich in einer intertextuellen Lesart der beiden Werke thematische und metaphorische Ähnlichkeiten und Bezüge aufeinander, die in diesem Aufsatz bislang beispielhaft anhand der Metaphorik und den thematischen Referenzen beider Texte deutlich gemacht werden konnten. NADINE NOWROTH FOCUS ON GERMAN STUDIES 19 164 Die zum Beginn aufgestellte These, dass sich mit zunehmendem Abstand zum Geschehen deutlichere Narrative für das Geschehene finden, entspricht die im Aufsatz analysierte Vielschichtigkeit der Erzählstruktur in Immer wieder Dezember: Die Montage der verschiedenen Erzählstränge beinhaltet nicht nur Perspektivenwechsel im Raum / Zeit-Kontinuum, sondern darüber hinaus zahlreiche Erzählperspektiven sowie stilistische Kunstgriffe, mit denen die Glaubwürdigkeit und die Authentizität des Themas unterstrichen werden soll. Als Beispiele wurden mediatisierte Narrative von Zeitzeugen, die Montage von Stasi-Akten, sowie eine Bestandsaufnahme und Kommentierung der öffentlichen medialen Aufarbeitung der Familiengeschichte ins Feld geführt. Hier lässt sich sehr gut das Prinzip der Remediatisierung7 beobachten, welches besagt dass sich Medien im kontinuierlichen Wechselspiel mit anderen Medien befinden, indem sie andere Medien, imitieren, überbieten bzw. anderweitig aufgreifen. Dieses Aufgreifen von anderen medialen Formen zeigt sich in Immer wieder Dezember deutlich; zum einen durch die verschiedenen Quellen, die in die Erzählung einfließen, zum anderen auch durch die öffentliche Stellungnahme der Autorin zu bestimmten Sequenzen der Erzählung. Das Rekonstruieren der eigenen Vergangenheit im Schreiben wird erforderlich um eine „Rehabilitierung“ [Beyer, 156] der eigenen Familie zu erreichen. Hier werden wir wieder an das Faktum der Vergangenheitsbewahrung innerhalb von Erinnerungsräumen im Hinblick auf die Lösung von Traumata erinnert. Die Kommunikation zwischen den Generationen ist hierbei auch innerhalb der Erzählung essentiell: „Die Vergangenheit ist nicht zu Ende“ [235] sagt die Erzählerin, gleichsam bilanzierend und vorausschauend. Es verdeutlicht sich hier noch einmal der intertextuelle und generationsübergreifende Charakter des Werkes, wenn gegen Ende der Vater in Immer wieder Dezember zitiert wird: „Vor allem kann und will man nichts vergessen und lebt deshalb immer irgendwie ‚aufgespalten’. Wer sich dem aber stellt, der hat einen guten Überblick über sich selbst“ [ebd.]. Wie diese Erzählung Anlehnungen in der Vergangenheit nimmt, beispielsweise bei der Erzählung Die Sache mit B. so reflektiert sie die mediale Aufarbeitung der Vergangenheit und die damit zusammenhängenden Einflüsse von historischen Dokumenten. Durch das erzählerische Auseinandersetzen mit der eigenen Vergangenheit werden Erinnerungsrahmen geschaffen, durch die eine öffentliche 165 Auseinandersetzung mit dem Thema ermöglicht wird. Im übertragenen Sinne ist die schriftstellerische Aufarbeitung dieser innerfamiliären Themen daher auch ein essentieller Beitrag zu den öffentlichen Diskursen über die Aufarbeitung der [DDR] Vergangenheit, die essentiell sind, um einer Verklärung derselben entgegenzuwirken. END NOTES 1. Ich beziehe mich hier unter anderem auf Emmerichs und Ludwigs Beiträge: „Zwischen Chronotopos und Drittem Raum: Wie schreibt man die Literaturgeschichte der DDR“ und „Was war und ist DDR-Literatur? Die Debatten um die Betrachtung der DDR-Literatur nach 1990“ auf dem Internationalen Symposium „’Nach der Mauer der Abgrund’? Rückblicke auf die Literaturlandschaft DDR“ Literaturforum im Brecht-Haus Berlin, am 9.-11. November 2010. Darüber hinaus gilt auch Emmerichs Kleine Literaturgeschichte der DDR als Standardwerk zu diesem Thema. Neben den Befürwortern eines eigenen Literaturbegriffs gibt es auch Kritiker, die DDR Literatur abfällig als ‚Lebenshilfe’ klassifizieren, bzw. degradieren. Vgl. dazu auch Fuld, Werner. Das Buch der verbotenen Bücher. Berlin: Galiani 2011. Print. 2. BStU ist die Abkürzung für den Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik. In der dazugehörigen Behörde werden die Akten und Dokumente des Staatssicherheitsdienstes der DDR verwaltet und erforscht. 3. Detaillierte Untersuchungen zur Semantik, in denen eine generelle Versachlichung und Nominalisierung für den MfS Wortschatz beobachtet wird, finden sich u.a. in Richter, S.46 und Müller, S.188 f. 4. Neben den bereits in dem Artikel vorgestellten Werken vgl. hierzu auch: Böthig, Peter und Klaus Michael Hg.: MachtSpiele. Literatur und Staatssicherheit. Leipzig: Reclam 1993. 5. Vgl. dazu Hans Joachim Schädlich: Tallhover. Reinbek: Rowohlt 1986. Print. 6. Es sei an dieser Stelle darauf hingewiesen, daß in diesem Aufsatz eine intertextuelle Lesart der beiden Texte konstruiert wird, da sie eine gleiche Erfahrung behandeln. Es besteht Klarheit darüber, dass beide Texte unabhängig voneinander entstanden sind und auch unterschiedliche Herangehensweisen bei der literarischen Umsetzung der Themen angewendet wurden. 7. Der Begriff der Remediatisierung wurde in den 1990er Jahren von Jay David Bolter und David Gruisin geprägt. Vgl. dazu: Bolter, Jay und David Gruisin: Remediation. Understanding New Media. Massachussets: MIT Press, 2000. WORKS CITED LIST Assmann, Aleida. Erinnerungsräume. Formen und Wandlungen des kulturellen Gedächtnisses. München: Beck, 2009. Print. NADINE NOWROTH FOCUS ON GERMAN STUDIES 19 166 Assmann, Aleida. Der lange Schatten der Vergangenheit. Erinnerungskultur und Geschichtspolitik. München: C.H. Beck, 2006. Print Beyer, Susanne. „Der Schmutz bleibt“ Der Spiegel 16.03.2009: 156-160. Print. Blasberg, Marian. „Der Dandy von Ost Berlin“ Die Zeit 31.12.2008: 1+. Print. Bolter, Jay und David Gruisin: Remediation. Understanding New Media. Massachusetts: MIT Press, 2000. Corino, Karl. „Seelenarbeit am Stasi Onkel“ Frankfurter Rundschau 20.02.2009: 1+. Print. Emmerich, Wolfgang. Kleine Literaturgeschichte der DDR. Berlin: Aufbau Taschenbuch, 2007. Print. Fuld, Werner. Das Buch der verbotenen Bücher. Berlin: Galiani Verlag, 2012. Print. Hinck, Walter. „Mit Sprachphantasie gegen das Trauma. Hans Joachim Schädlich. Der Schriftsteller und sein Werk“ Auskünfte von und über Hans Joachim Schädlich. Hg. Wulf Segebrecht. Bamberg: Otto Friedrich Universität, 1995. 37-40. Print. Karsunke, Yaak. „Benennungsverbote. Hans Joachim Schädlich: ‚Versuchte Nähe’“ Verrat an der Kunst? Rückblicke auf die DDR- Literatur. Hg. Karl Deiritz, Hannes Krauss. Berlin: Aufbau 1993. 185 -190. Print. Kolbe, Uwe. „Die Sache mit V.“ Die Stasi als Thema in der Literatur Hg. Franz Huberth. Tübingen: Attempo, 2003. 151-155. Print. Lengsfeld, Vera. Virus der Heuchler. Innenansicht aus Stasi-Akten. Berlin: Elefanten Press, 1992. Print Lier, Axel. „Stasi-Spitzel erschießt sich auf Parkbank“ Morgenpost 19.09.2008: 1+.Print. Müller, Beate. Stasi – Zensur – Machtdiskurse, Publikationsgeschichten und Materialien zu Jurek Beckers Werk. Tübingen: Niemeyer 2006. Richter, Holger. Die Operative Psychologie des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR. Forschungsergebnisse zum Thema: Die Gewinnung inoffizieller Mitarbeiter und ihre psychologischen Bedingungen. Frankfurt: Mabuse, 2001. Schädlich, Hans Joachim. „Über systematische Irrtümer” Der andere Blick. Aufsätze, Reden, Gespräche. Ed. Hans Georg Heepe. Reinbek: Rowohlt, 2005. 16-24. Print. 167 Schädlich, Hans Joachim. „Über Dreck, Politik und Literatur” Der andere Blick. Aufsätze, Reden, Gespräche. Ed. Hans Georg Heepe. Reinbek: Rowohlt, 2005. 25-30. Print. Schädlich, Hans Joachim. „Die Sache mit B.“ Kursbuch 109 [1992]: 81- 89. Print. Schädlich, Hans Joachim. Tallhover. Reinbek: Rowohlt 1986. Print. Schädlich, Susanne. Immer wieder Dezember. Der Westen, die Stasi, der Onkel und ich. München: Drömer, 2009. Print. FOCUS ON GERMAN STUDIES 19 168