267 FOCUS ON GERMAN STUDIES 19 „MIT JEDER BEWEGUNG, UND DIES IST NICHTS NEUES, VERSCHIEBT SICH DIE PERSPEKTIVE“: EIN INTERVIEW MIT DR. TANJA NUSSER S eit dem Herbst 2011 ist Dr. Tanja Nusser DAAD Gastprofessorin an der Universität Cincinnati, einer Position, die Sie sehr ernst nimmt, denn Nusser betreut unter anderem viele Studierende bei ihren Forschungsprojekten und weist sie auch auf verschiedene Stipendien hin, die ihnen zur Verfügung stehen. Bevor Sie nach Cincinnati kam, war Nusser bereits Gastprofessorin sowohl an der Universität Münster als auch an der Freien Universität Berlin. Wissenschaftliche Schwerpunkte sind für sie die Literatur seit dem 19. Jahrhundert, Wissenschaftsgeschichte, Geschlechterstudien, postkoloniale Theorie, Filmwissenschaft und Disability Studies. Dieses Jahr bot Nusser eine spannende Auswahl von Kursen an, die von Themen wie Tiere in der Literatur bis hin zum deutschen Fernsehkult Tatort reichten. Festzustellen ist, dass Nusser genauso talentiert bei Ihrer Forschung wie bei Ihrem Performanz im Unterricht ist. FOCUS Als DAAD Gastprofessorin sind Sie an der University of Cincinnati angestellt worden. Teil dieser Position ist es, Deutschland in den USA zu vertreten. Wie sehen Sie Ihre Rolle darin? Tanja Nusser Ich begreife „meinen Auftrag“ als Wissensvermittlung über die deutsche Kultur. Meine Schwerpunkte liegen hierbei auf der deutschen Kultur und Literatur seit dem frühen 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart und im Bereich der Filmwissenschaft. Über meine Person vermittele ich allerdings auch bestimmte (gewollte oder ungewollte) Bilder einer deutschen Wissenschaftlerin (nicht das ich wüsste welche) und vermittele vermutlich auch einen deutschen Wissenschaftsstil (wie immer der zu beschreiben wäre im Verhältnis zum amerikanischen). Schwieriger allerdings ist für mich in dem Prozess des Ankommens hier, noch einmal 268 mein Verhältnis zu Deutschland zu befragen; welche Bilder oder auch Klischees ich sowohl von Deutschland als auch den USA habe, wie ich mich selber zu Deutschland in Bezug setze. Mit jeder Bewegung, und dies ist nichts Neues, verschiebt sich die Perspektive; d.h. ich befinde mich in einem Prozess des ‚Ent-Fremdens‘: Ein Begriff, der für mich darauf verweist, dass die Fremde näher kommt, als auch das Bekannte ferner rückt, und somit einen Prozess beschreibt, der noch nicht beendet ist und somit auch zu Positionsveränderungen in Bezug sowohl auf Deutschland als auch Amerika führt. FOCUS Sie haben bereits einige Jahre Erfahrung in der amerikanischen Germanistik. Unterscheiden sich die Forschungsthemen der amerikanischen Germanistik von denen, der deutschen Germanistik? Wie sind Sie auf Ihre eigenen Arbeitsschwerpunkte gekommen? TN Für mich zeichnet sich die amerikanische Germanistik erst einmal dadurch aus, dass sie im Verhältnis zur deutschen entschieden kleiner ist. Die Größe der Departments ermöglicht es anders mit Studierenden zusammenzuarbeiten und im besten Sinne des Wortes Arbeiten zu betreuen; hier in den USA kann ich mich den Studierenden zuwenden und gemeinsam mit ihnen arbeiten. Der deutsche universitäre Massenbetrieb und die Zahl der Seminare, die man auf der professoralen Ebene unterrichtet, definieren das Berufsfeld anders. Thematisch würde ich immer noch sagen, dass sich die deutsche Germanistik dadurch auszeichnet, dass man Generalistin sein muss (sprich in meinem Fall die Neue deutsche Literatur in der ganzen Breite unterrichten und vertreten können muss) und darüber hinaus Schwerpunkte sowohl in der Forschung als auch Lehre ausbildet. Meine Schwerpunkte haben sich über die Jahre entwickelt, so dass es mir schwer fällt, nachzuvollziehen, wie mein Forschungsprofil entstanden ist. Aber um es zu versuchen: In Betrachtung der Forschungsfelder, in denen ich seit Jahren arbeite, zeigt sich, dass sich die Beschäftigung mit der Darstellung von Tieren in der Literatur seit dem frühen 19. Jahrhundert bis in die EIN INTERVIEW MIT DR. TANJA NUSSER 269 FOCUS ON GERMAN STUDIES 19 Gegenwart, aber auch die wissenschaftsgeschichtliche Ausrichtung meiner Forschungen (ich habe sowohl zu Begriffen der ‚Behinderung‘, des normalen und anormalen Körpers als auch zu bevölkerungspolitischen Themen gelehrt und veröffentlicht) und die Auseinandersetzung mit den künstlichen Menschen in Literatur und Film in Variationen auf die Frage zurückführen lassen, wie das Humane konstruiert wird, bzw. wie in Spiegelungsprozessen und Grenzziehungsverfahren, das was menschlich und nicht- menschlich ist, verhandelt wird. FOCUS Ihre Habilitationsschrift mit dem Titel „Wie Sonst das Zeugen Mode war“: Reproduktionstechnologien in Literatur und Film ist kürzlich beim Rombach Verlag erschienen. Darin belegen Sie, wie Naturwissenschaften, Medizin, Technik und Geisteswissenschaften eng miteinander verbunden sind. Obwohl sie unterschiedliche Fachrichtungen im akademischen Sinne sind und auch in anderen Sphären oft so behandelt werden, erarbeiten diese Bereiche auf unterschiedliche Weisen die gleichen Themen. Wie sehen Sie selbst diese Disziplinen als zusammenhängende Elemente und war es ein geplantes Ziel ihres Buchs diese Überlappungen aufzuzeigen? TN In dem Buch gehe ich von der These aus, dass zwar eine Ausdifferenzierung in verschiedene Spezialdiskurse seit Beginn der Moderne stattgefunden hat, Ideen und Begriffe, aber auch technologische Fortschritte dennoch nicht nur innerhalb eines Bereiches oder Forschungsfeldes existieren. Ich habe nun versucht diesen thematischen Transgressionen im Feld der neuen Reproduktionstechnologien zu folgen. Es geht mir weniger darum Überlappungen aufzuzeigen, als herausarbeiten, wie in dem Diskurs der Reproduktionstechnologien in den unterschiedlichsten Bereichen (und hier sei dahingestellt, ob ich über die verschiedenen Wissenschaftsbereiche oder Wissenschaft an sich und Kultur rede) durchaus ähnliche Topoi und Argumentationsstrukturen verwendet werden, d.h. dass Wissen interdiskursiv vermittelt wird, und in diesem Sinne die Trennung der Wissenschaftsbereiche zwar auf einer 270 heuristischen Ebene durchaus Sinn machen kann, aber in einer Auseinandersetzung mit bestimmten Themen es sich immer wieder erweist, dass Themen, Bilder, Figuren (wie auch immer das Feld abgesteckt wird) zwischen den einzelnen Bereichen zirkulieren und erst Wissensbildung ermöglichen, indem sie eine Kommunikation zwischen den einzelnen Bereichen ermöglichen. D.h. dass in der Wissensproduktion zum einen in Disziplinen gedacht / geforscht wird und zum anderen diese Trennung immer schon unterlaufen wird. Dies bedeutet allerdings auch, dass neues Wissen immer schon auf bestimmten Ebenen in Bildern kommuniziert wird, die einen Austausch dadurch garantieren, dass sie auf bekannte Muster, Bilder usw. zurückgreifen. FOCUS Reproduktion ist etwas ganz Gewöhnliches und Natürliches, oder zumindest war es. Warum sind wir Menschen immer noch davon besessen? TN Wenn ich auf einer persönlichen Ebene antworten sollte, habe ich keine Ahnung, folgt man allerdings den diversen medialen Publikationen in den letzten Jahren, vor allen Dingen den journalistischen Aufbereitungen zum Thema Unfruchtbarkeit und Aussagen von deutschen PolitikerInnen quer durch die Fraktionen, dann ist Kinderlosigkeit eines der größten (zu behandelnden) Probleme in den westlichen Nationen; unter anderem auch deshalb, weil (nicht nur berufstätige) Frauen immer älter werden, bevor sie ihr erstes Kind bekommen wollen. Und wenn man bedenkt, dass von verschiedenen Seiten befürchtet wird, dass die Deutschen, wenn nicht aussterben, so dennoch dezimiert werden könnten, dann muss die Rhetorik der letzten Jahre (und ich spreche hier von Deutschland) als eine begriffen werden, die dem proklamierten Untergang des deutschen Volkes und der drohenden ›Überfremdung‹ durch Immigration (und unterstellte höhere Schwangerschaftsraten in Familien mit Migrationshintergrund), die unter anderem durch die Berufstätigkeit der Frauen und geringere Schwangerschaftszahlen hervorgerufen werden, mit der politisch unterstützen Idee der Erhöhung der Fertilität begegnet. EIN INTERVIEW MIT DR. TANJA NUSSER 271 FOCUS ON GERMAN STUDIES 19 Aber das ist überhaupt kein neuer Diskurs und geht bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts zurück. Gleichzeitig lässt sich seit Entwicklung der künstlichen Befruchtung beim Menschen (in den 1860er Jahren gelang angeblich die erste künstliche Befruchtung) beobachten, wie Frauen immer wieder auf ihre reproduktiven Fähigkeiten festgelegt und ihnen ein unbedingter Kinderwunsch unterstellt wird. Die westlichen Gesellschaften basieren auf dem Konzept oder der Ideologie der Kleinfamilie; der Wunsch nach Kindern muss also unter anderem auch als ein Diskursphänomen betrachtet werden; Unfruchtbarkeit wird dementsprechend als ein Leiden und Stigma erfahren, dem abgeholfen werden muss. FOCUS Zwei Werke--- Faust II und Alien. Wie passen Sie zusammen? TN Faust II und Alien thematisieren beide Reproduktion und stellen Fragen nach dem Menschlichen. Ich bin mir nicht sicher, ob die beiden Werke 'zusammenpassen'. Aber sie begrenzen mehr oder weniger meine Überlegungen zu den biologischen Reproduktionstechnologien. Während die Figur des Homunculus von Paracelsus herkommend als Imagination einer künstliche Befruchtung im Reagenzglas verstanden werden kann, die Jahrhunderte vor der ersten künstlichen Reagenzglas-Befruchtung entworfen wurde, und gerade in Goethes Faust II, indem dieser aktuelle wissenschaftliche Entwicklungen dramatisch verarbeitet, Fragen nach der Herkunft (heute würde man sagen: genealogische Fragen) des Menschen aufwirft und die wissenschaftliche Machbarkeit des Menschlichen (oder des Organischen im Anschluss an Wöhlers Harnstoffsynthese) kritisch beleuchtet, ist die Alien- Quadrologie und im Besonderen Alien Ressurection eine Auseinandersetzung mit reproduktiven Verhältnissen vor dem Hintergrund einer postmodernen Hybridisierung, die Geschlechterkonstruktionen und -konstellationen, aber auch die Definition des Menschlichen massiv hinterfragt. FOCUS Sie greifen auch Familie und Gesellschaft in Ihrem Buch auf. Welche Wirkung hat die Entwicklung von Reproduktionstechnologien auf diese beiden Konzepte? 272 Bereiten solche technischen Veränderungen den Menschen Angst und wie zeigt sich das in Ihren Untersuchungen? TN Grundsätzlich wird das traditionelle Konzept der Familie in Frage gestellt, dass auf genetischer Herkunft oder biologischer Verwandtschaft basiert. Mit den neuen Reproduktionstechnologien fallen genetische, biologische und soziale Elternschaft auseinander und es kann multiple Eltern (oder gar tote Elternteile – im Falle eingefrorener Spermien) für ein Kind geben; wobei die Auflösung der ‚klassischen Familienform‘ schon bei so genannten Patchwork-Familien stattfindet. Gleichzeitig versuchen die westlichen Gesellschaften immer noch das traditionelle Bild von Familie aufrechtzuerhalten; dies wird umso schwieriger – und dies zeigen juristische Verfahren in Amerika, wenn die genetische gegen die biologische Mutter (oder die soziale gegen die biologische und genetische Mutter) für das Mutterschaftsrecht klagt. Zu ihrer zweiten Frage: Die Technologien werden sowohl hoffnungsfroh als auch angstvoll besetzt. Einerseits versprechen sie eine Heilung der Unfruchtbarkeit; die Schwangerschaft und das Kind sind die Zeichen für den Erfolg der medizinischen Interventionen (dass hierbei die 'Krankheit' nicht 'geheilt' wird, spielt keine Rolle). Andererseits wird in den durchaus rasanten Entwicklungen auch eine Bedrohung (des antizipierten wissenschaftliche Möglichen) gesehen; darüber hinaus sind die Folgekonsequenzen der medizinischen Eingriffe in die Reproduktion noch nicht ausreichend genug bekannt. Reproduktionstechnologien berühren grundlegend die Frage: Wie weit wollen / dürfen / sollen wir in den Menschen medizinisch, technologisch eingreifen. Man könnte sagen, dass die Debatte um die Reproduktionstechnologien ein Stellvertreter-Diskurs ist, an dem virulente Themen abgehandelt werden; vielmehr noch als dieser Bereich verdeutlicht das allerdings die Klonierungs-Debatte. FOCUS Können Sie Vermutungen anstellen, wie sich die Diskussion der Reproduktionstechnologien in diesem Jahrhundert weiterentwickeln wird? EIN INTERVIEW MIT DR. TANJA NUSSER 273 FOCUS ON GERMAN STUDIES 19 TN Um ehrlich zu sein, ich weiß nicht, ob ich das möchte, denn technologische Entwicklungen zeichnen sich in der Regel dadurch aus, dass ihre Konsequenzen entweder erst im Nachhinein ermessen werden können oder sie aber antizipiert werden, wenn nicht sogar als schon geschehen etabliert werden, so dass gegen die Entwicklungen keine Handhabe besteht. FOCUS Das neue Projekt an dem Sie gerade arbeiten, macht einen großen Sprung von Technologie weg und fokussiert auf die Entwicklung eines zeitgenössischen Realismus. Kann man heutzutage überhaupt von so etwas wie ‘Realismus’ sprechen, wenn man bedenkt, wie wir unsere heutige Welt wahrnehmen, ich meine damit medialisierte Erfahrungen unter anderen, oder gehört das vielleicht auch zum veränderten Verständnis des Wortes im 20. bzw. 21. Jahrhundert? TN In meinem neuen Projekt beschäftige ich mich mit dem seit einigen Jahren zu beobachtenden neuen ‚Realismus‘ in der deutschen Gegenwartskultur (Literatur, Film und Fotografie), der die jüngsten deutschen Entwicklungen (nach 1989) in ihren globalen Zusammenhängen (nach dem 11.09.2001) thematisiert. In der Abwendung von psychologischen, soziologischen, aber auch politischen Erklärungsmodellen hin zu einer scheinbaren Phänomenologie der Oberfläche wird seit dem Ende des 20. Jahrhunderts erneut eine Dichotomie verhandelt, wie sie auch schon im bürgerlichen Realismus des 19. Jahrhunderts diskutiert wurde. Unter Stichworten wie Oberflächen- versus Tiefenhermeneutik, Wirklichkeit und Idealismus lässt sich heute beobachten, wie der analytische Blick Details einholt und sich von dort die Mikrophysik der Macht erschließen will. Im Anschluss an die postmoderne Absage an die großen Erzählungen findet sowohl in der Literatur als auch im Film eine erneute Zuwendung zu einer 'Oberfläche der Wirklichkeit' statt. Meiner Meinung nach lassen sich hier neue Formen des Politischen erkennen, denen ich nachgehe. Anders formuliert: Sowohl im theoretischen Bereich als auch in Literatur, Film und Fotografie ist zu beobachten, dass eine neue Befragung oder 274 Auseinandersetzung mit der äußeren Realität oder auch Materialitäten stattfindet. Zwei Stoßrichtungen zeichnen sich in der derzeitigen Forschungslandschaft zum Realismus ab (und greifen damit im Grunde genommen die Debatte des 19. Jahrhunderts wieder auf): a. Die Annahme, dass realistische Literatur oder Kunst sich mit dem Sozialen und Politischen in einem dokumentarischen, registrierenden Stil befasst. b. Die Zuwendung zum ‚Effekt des Realistischen‘, d.h. dass die Verfahren, die ihn hervorbringen, nicht als ‚Material‘ wahrgenommen werden. Im theoretischen Bereich wird hierbei der Begriff des Objekts von dem des Fakts abgelöst und die Differenz zwischen beiden Begriffen in die theoretische Debatte zurückgeholt, um Repräsentationsmodi bzw. Repräsentation an sich zu hinterfragen. Mein Ziel ist es nun, der Aussage folgend, dass die großen Erzählungen tot sind und wir nur noch in positionalen oder partiellen Aussagen argumentieren können, den analytischen Blick zurück auf die Dinge, auf die äußere Realität zu wenden und hierbei die Oberflächen in ihren Strukturen zu fokussieren. FOCUS Vielen Dank für das Interview und wir freuen uns alle, dass Sie noch einige Jahre bei uns bleiben werden. Vanessa Plumly führte das Interview per E-mail am 30. Mai 2012. EIN INTERVIEW MIT DR. TANJA NUSSER