275 FOCUS ON GERMAN STUDIES 19 „KULTURANTHROPOLOGIE BEDEUTET GANZ UNTERSCHIEDLICHE DINGE“: EIN INTERIVEW MIT TANJA VAN HOORN D r. Tanja van Hoorn is from the Universität Hannover, and she was the Distinguished Max Kade Visiting Professor for the 2011/2012 academic year in the Department of German Studies at the University of Cincinnati. Dr. van Hoorn is an expert in 18th century literature, in particular the connection between medicine and literature, as well as on contemporary German writers. This past year she taught two graduate seminars at the University of Cincinnati. The first course concerned eighteenth-century literary treatments regarding pregnancy and cases of the killing of children. The second course focused on the works of Romanian-born German novelist, Herta Müller. Dr. van Hoorn’s educational background and training in incredibly rich and varied, and we were honored to have the chance to talk with her about her research interests, her experience as a professor both in Europe and in the United States, and her current projects. Focus on German Studies: Sie haben Ihr Studium zunächst als Jazzpianistin begonnen. Warum haben Sie sich dann schluss endlich für Germanistik und Sozialpsychologie entschieden? Tanja van Hoorn: Das hat, wie das immer so ist, mehrere und unterschiedliche Gründe. Zum einen gab mir das Studium am Konservatorium in Arnhem (Niederlande) die Gelegenheit, mich mit anderen zu vergleichen. Und da war es unübersehbar, dass andere mit weniger Aufwand viel mehr erreichten. Kurzum: ich begriff, dass ich wohl nie sehr gut, sondern höchstens gut würde werden können. Dann kam zum anderen eine Veränderung in meinem privaten Leben hinzu, die einen Ortwechsel weg aus den Niederlanden und hin nach Hannover nahelegte. Dieser Einschnitt hat mich bewogen, mein Leben neu zu sortieren und dabei kam u.a. heraus, dass ich zu meiner alten Liebe, dem 276 Lesen und der Literatur, zurückkehren wollte. Beim Blick auf die Fächer, die ich als zweites Hauptfach hinzuwählen könnte, stand die Entscheidung für die Sozialpsychologie – eine Besonderheit an der Hannoverschen Universität – aus einem alten Interesse meinerseits an Psychologie und Psychoanalyse schnell fest. FOGS: Verwenden Sie Ihre sozialpsychologische Ausbildung bei Ihrer Arbeit in der Germanistik, und wenn ja, wie? TvH: Ja, auf das, was ich mir während des Studiums der Sozialpsychologie erarbeitet habe, greife ich insbesondere in meinen Lehrveranstaltungen immer wieder zurück – auch in literarischen und ästhetiktheoretischen Texten geht es ja bald um Sigmund Freuds Psychoanalyse, bald um Adorno/Horkheimers „Dialektik der Aufklärung“; Gegenstände, an denen wir uns im sozialpsychologischen Seminar in Hannover lange und gründlich die Zähne ausgebissen haben – was, wie sich heute zeigt, eben nicht vergeblich war. FOGS: Ein Forschungsschwerpunkt für Sie ist die Anthropologie der Aufklärung. Könnten Sie diesen Begriff ein bisschen erläutern und vielleicht auch erklären, inwiefern die aufklärerische Anthropologie von der modernen abweicht? TvH: Anthropologie ist, das sagt der Begriff, die Wissenschaft vom Menschen. Für den begann man sich bekanntlich im Zeitalter der Aufklärung neu zu interessieren. Während sich im 18. Jahrhundert die physische Anthropologie auf den Körper des Menschen konzentrierte und diesen anatomisch und physiologisch beschrieb oder sich seit Johann Friedrich Blumenbach mit den verschiedenen Rassen des Menschen auseinandersetzte, wendete sich die im Anschluss an Christian Wolff entstehende psychische Anthropologie oder empirische Psychologie dem seelischen Vermögen des Menschen zu. Drittens gab es dann – von Ernst Platner 1772 prominent und etwas platzhirschhaft noch einmal neu auf den tatsächlich ja längst vielfach verwendeten Begriff „Anthropologie“ gebracht – eine commercium-Wissenschaft, die sich mit dem wechselseitigen Einfluss von Körper und Seele beschäftigte. Ebenso wie damals kursieren auch heute verschiedene Verwendungen des Terminus EIN INTERIVEW MIT TANJA VAN HOORN 277 FOCUS ON GERMAN STUDIES 19 ‚Anthropologie’. So meint man im Deutschen meist die philosophischen Konzepte Helmut Plessners oder Arnold Gehlens. Gleichwohl gibt es aber auch Lehrbücher der Anthropologie, die sich beim Aufschlagen als medizinische Körperkunden erweisen. Nicht durchgesetzt hat sich in Deutschland ein Verständnis des Begriffs, das im angloamerikanischen Raum völlig gängig ist: Anthropologie im Sinne von Kulturanthropologie oder auch Ethnologie. Insofern ist ein Blick auf die Geschichte des Begriffs hier einmal mehr lehrreich, weil er deutlich macht, wie Missverständnisse entstehen können: In verschiedenen Sprachen meint manchmal scheinbar derselbe Begriff ganz unterschiedliche Dinge… FOGS: Es scheint, dass Sie, Ihrer Konzentration auf die Frühmoderne zum Trotz, den Dichter Gottfried Benn aus dem 20. Jahrhundert sehr gern haben. Können Sie etwas mehr dazu sagen, vielleicht in Bezug auf die Themen Ihres Vortrags hier an der Universität Cincinnati, „Lyrische Leichen-Sichtungen, poetische Schädel-Dichtungen“? TvH: Ja, Benn ist großartig. Er hat nicht nur unvergessliche, bleibende Gedichte geschaffen, deren Sound man nie wieder vergisst, insbesondere, wenn man auch nur ein einziges Mal gehört hat, wie er selbst sie vorträgt. Auch einige seiner Prosatexte muss man einfach bewundern – ich habe etwa vor Jahren über die Erzählung „Weinhaus Wolf“ geschrieben: Die konsularische und Kneipen-Halbwelt, die er da aufleuchten lässt, sind ungemein plastisch und voller hintersinniger Details. Mich reizt an Benn das Nebeneinander von naturwissenschaftlichem Interesse und schwärmerischer Ader: Er ist eben Anatom und Träumer und gerät dabei auch – man denke an seine Essays zum Thema „Züchtung“ – mal ins Abseits. Übrigens war er ja einige Zeit in Hannover, nörgelt in seinen Texten hier und da über diese Stadt und die angeblich öde Gegend, hat aber gleichwohl gerade in Hannover mit seinen so genannten ‚Stadthallengedichten’ einige seiner prominentesten und besten Gedichte verfasst. Dabei bewegt er sich immer auch sehr gewandt in der Tradition, greift etwa in der frühen Morgue u.a. die Schädeldichtungen seiner Vorgänger auf und führt sie ad absurdum. Bewegend aber finde ich vor allem Benns eher autobiografisch- lebensweltliche Lyrik. Etwa, wenn er in dem Gedicht Teils-teils die intellektuelle Ödnis seines Elternhauses auferstehen lässt, in dem „keine Gainsboroughs“ hingen und nicht Chopin gespielt wurde. Oder wenn er 278 auflistet Was schlimm ist; schlimm also ist: „Bei Hitze ein Bier sehen, das man nicht bezahlen kann“. Ja, ich glaube, das ist es, was ich an Benn mag: Er ist ein Mensch, kein ätherischer Dichtergott. Und dennoch ein großer Dichter. FOGS: Sie haben hier an der Universität Cincinnati und auch an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg Seminare zum Thema „Kindsmord in der Literatur“ unterrichtet. Was gefällt Ihnen an dieser Thematik besonders? TvH: Das Thema ‚Kindsmord in der Literatur’ finde ich reizvoll, weil man mit ihm ganz verschiedene kanonische Texte aus interessanten Phasen der Literaturgeschichte (vom Sturm und Drang über Hauptmann und Brecht bis zur Gegenwart) bündeln kann. Erfahrungsgemäß ist es zudem ein Gegenstand, der die Studierenden aus der Reserve lockt – man kommt ins Gespräch und das ist gut. FOGS: Wie unterschieden sich diesbezüglich die zwei Varianten des Seminars? Mussten zum Beispiel das Seminar den amerikanischen Studenten irgendwie anpassen? TvH: Im Nachhinein ist man immer klüger: Gerhart Hauptmanns Mundartstück „Rose Bernd“ hätte ich in Cincinnati ruhig weglassen können… (Gut, dass ich so belastbare SeminarteilnehmerInnen hatte). Insgesamt habe ich bei der Konzeption des Kindsmord-Kurses kaum etwas geändert. Einige Texte hatten sich allerdings beim ersten Seminardurchlauf in Oldenburg als etwas zäh und nicht so ergiebig herausgestellt – die habe ich dann einfach weggelassen. Schade war, dass wir aus organisatorischen Gründen (das Buch war in Cincinnati einfach nicht zu bekommen) Michael Kumpfmüllers Roman Durst nicht bearbeiten konnten; ich wäre neugierig auf die Reaktion und Einschätzung der Studierenden gewesen. FOGS: Welche Unterschiede bemerken Sie im Allgemeinen zwischen der amerikanischen und der deutschen Einstellung zur Germanistik? EIN INTERIVEW MIT TANJA VAN HOORN 279 FOCUS ON GERMAN STUDIES 19 TvH: Mir haben meine beiden Kurse in Cincinnati wirklich sehr viel Spaß gemacht. Die graduates habe ich als sehr motivierte und interessierte Studierende erfahren, die wirklich etwas lernen wollten. Das fing schon damit an, dass alle das Material vorliegen und gelesen hatten, wenn man die Sitzung eröffnete… Ansonsten fiel mir auf, was ich theoretisch wusste, aber vor Ort doch noch einmal neu gelernt habe: Die amerikanische Germanistik ist umfassender, sie ist auch Landeskunde, nicht nur Sprach- oder Literaturwissenschaft, sondern Kulturwissenschaft. Und_ vor allem: In Amerika wird der Germanistik, wie den Geisteswissenschaften überhaupt, eine viel größere Wertschätzung entgegen gebracht_ als dies in Deutschland üblich ist. Eine angenehme Erfahrung. FOGS: Sie hatten während Ihres Aufenthalts in Cincinnati auch manche Gelegenheiten, in andere Gegenden der USA zu reisen. Was für Eindrücke von dem Land haben Sie dadurch bekommen? TvH: Ja, wir sind viel gereist und haben viel gesehen und erlebt: Wandern in den Smoky Mountains, das herrliche bed&breakfast-Hotel, in dem wir dort unterkamen. Später die Reise durch das Land der Amish People, der Weißkopfseeadler in der Ontario Lake-Region und am Ende eine Woche Manhattan. Aber ehrlich gesagt war das eigentlich Unvergessliche, Besondere und Bereichernde doch eher die Zeit in Cincinnati: Der Alltag in einer ganz normalen amerikanischen Stadt, das Campusleben mit dem wunderbaren „rec center“, die kleinen Ausflüge mit dem 1983er Daimler. Überraschend und schön der Kontakt zu so vielen freundlichen Menschen, die praktische Erfahrung der viel gerühmten amerikanischen Unkompliziertheit und Offenheit, die tatsächlich vieles leichter macht. FOGS: Zuletzt, sagen Sie bitte, was Sie als nächstes vorhaben; woran arbeiten Sie im Moment? TvH: Ich arbeite an einem Projekt zu modernen Lexikon-Romanen. Das sind Romane, die das alphabetische Format des Lexikons adaptieren und dies für ein nichtlineares, experimentelles Erzählen verwenden. U.a. hat der deutschsprachige Gegenwartsautor Ror Wolf in seinen Raoul Tranchirer-Büchern so etwas gemacht. Durch die Form – die 280 alphabetisch, nicht nach inhaltlichen Kriterien organisierte Abfolge einzelner Artikel – entsteht ein Erzählraum voller Lücken, der den Leser aktiviert: Dieser nämlich muss selbst entscheiden, wie, wann und wo er weiterliest. Anders gesagt: Bei den Lexikon-Romanen handelt es sich um Möglichkeitenromane, die viel stärker als traditionelle Prosatexte den Leser miteinbeziehen. Die spezifische Präsentationsweise der Lexikon- Romane zielt umgekehrt häufig ausdrücklich und programmatisch gerade auf eine Vermeidung der Bevormundung des Rezipienten, dem im üblichen linearen Roman immer eine fertige Geschichte in ihrer gültigen einen Form präsentiert werde. Dies zumindest meint Andreas Okopenko, der 1970 den ersten Lexikon-Roman vorlegte. --Das Interview führte Matthew Bauman am 08.10.2012 per E-mail EIN INTERIVEW MIT TANJA VAN HOORN 281 FOCUS ON GERMAN STUDIES 19 282