Focus on German Studies 23 Guo Erinnerung: Die unvergängliche Vergangenheit in der Novelle Schweigeminute von Siegfried Lenz Jing Guo Christian-Albrechts-Universität zu Kiel ORCID ID: https://orcid.org/0000-0002-7109-1742. Abstract Erinnerung bildet ein zentrales Thema in den literarischen Werken von Siegfried Lenz. Die Novelle Schweigeminute ist ein Alterswerk von ihm, in dem es um die individuelle Erinnerung des achtzehnjährigen Schülers Christian an die vergangene Liebesbeziehung mit seiner jungen Lehrerin geht. Die Arbeit versucht, die Nähe-Distanz-Gestaltung der Erinnerung des Protagonisten durch die Analyse des Wechselspiels zwischen Gegenwart und Vergangenheit und zwischen der zweiten und dritten Person Singular wie auch des Verhältnisses von Schweigen und Intimität in der Novelle zu untersuchen und das Verständnis des Ich- Erzählers Christian über die vergangene Liebe zu interpretieren. Dabei soll nicht nur die starke Emotion seiner Liebe im Schweigen der Erinnerung zum Ausdruck gebracht werden, sondern die Zuverlässigkeit der „Ich-Erinnerung” soll auch in Frage gestellt werden. Es ist zu erklären, wie die vergangene Vergangenheit durch die Erinnerung unvergänglich wird. 1. Einleitung Kollektive und individuelle Erinnerung sind in der Literaturwissenschaft in den letzten Jahrzehnten zu einem wichtigen Forschungsgegenstand geworden, insbesondere die Erinnerung an geschichtliche Ereignisse, verbunden mit Kriegen und sozialem Wandel. Siegfried Lenz ist einer der bedeutendsten Schriftsteller der deutschen Nachkriegsliteratur, vor allem berühmt durch seinen überaus erfolgreichen Roman Deutschstunde, der zur Schullektüre in Deutschland wurde. Zur Forschung zum Werk Lenz’ zählen auch mehrere biographische Darstellungen des Autors und seiner Werke, z.B. Wilhelm Johannes Schwarz’ Der Erzähler Siegfried Lenz (1974) und Erich Maletzkes Siegfried Lenz. Eine biographische Annäherung (2006). Trotzdem „beschränkt sich die Majorität der literaturwissenschaftlichen Arbeiten auf die populären Romane, wie z.B. 51 https://orcid.org/0000-0002-7109-1742. Focus on German Studies 23 Guo ,Deutschstunde’ (1968) und ,Heimatmuseum’ (1978), sowie auf die Suleyker Erzählungen aus dem Jahr 1955“ (11), wie Melanie Keutken feststellt. Die im Jahr 2008 veröffentlichte Novelle Schweigeminute, die auf den deutschen Bestsellerlisten stand, war nach dem Urteil vieler Kommentatoren ein Werk, in dem Lenz Liebe und Erotik stärker in den Vordergrund stellte als zuvor. UÜ ber die Gestaltung der Erinnerung und die Darstellung von Liebe und Verlust in diesem Alterswerk von ihm bestehen bisher wenige wissenschaftliche Interpretationen. In meiner Arbeit geht es um die individuelle Erinnerung des achtzehnjährigen Schülers Christian an die Liebesbeziehung mit seiner jungen Lehrerin in der Novelle Schweigeminute von Siegfried Lenz. Diese Arbeit versucht, die Eigenschaften der Erinnerung und den Zusammenhang zwischen Erinnerung und Vergangenheit im Text mithilfe theoretischer UÜ berlegungen zur Erinnerung zu analysieren und zu interpretieren. Dabei soll gezeigt werden, wie die für die Novelle charakteristische Nähe-Distanz- Gestaltung der Erinnerung des Protagonisten durch die Verschachtelung von Vergangenheit und Gegenwart, die Benutzung von zweiter und dritter Person Singular wie auch das Verhältnis von Schweigen und Intimität literarisch gestaltet wird. Es wird versucht zu erklären, wie die Vergangenheit durch Erinnerung für den Protagonisten unvergänglich wird. 2. Erinnerung 2.1. Erinnerung, Vergangenheit, Identität Im deutschen Wörterbuch Wahrig wird „Erinnerung“ folgendermaßen definiert: „Erinnerung ist das Sicherinnern, bewusstes Wiederhervorbringen von Vergangenem, Gelerntem, Erlebtem durch das Gedächtnis“ (430). Siegfried J. Schmidt verweist auf Nietzsche, um die zentrale Bedeutung der Erinnerung für das menschliche Leben zu verdeutlichen: „Schon Nietzsche bestimmte den Menschen als das Tier, das sich erinnern kann“ (10). Die Erinnerung ist zwar mit der Vergangenheit eng verbunden, aber nach Schmidt „[hängt] die Erinnerung […] nicht von Vergangenheit ab, sondern Vergangenheit gewinnt Identität allererst durch die Modalitäten des Erinnerns“ (42). Die Eindrücke der Vergangenheit werden nicht einfach wiederholt, sondern zu einem bestimmten Zeitpunkt im Geist angeordnet und zu einem bestimmten Zweck rekonstruiert. Daher kann man das Verhältnis von Vergangenheit und Erinnerung folgendermaßen beschreiben: „Nicht Erinnerungen entstammen der Vergangenheit, sondern die Vergangenheit [...] verdankt sich der Erinnerung und Erinnerungselaboration“ (Rusch 275). Aus dieser Perspektive entsteht Vergangenheit erst durch Erinnerung. 52 Focus on German Studies 23 Guo Erinnerung, Erzählen und Identität stehen in engem Zusammenhang. Schmidt fügt mit Blick auf die moderne Psychologie hinzu: „Die Rolle, die Gedächtnis, Erinnern und Erzählen für Aufbau und Erhalt individueller Identität spielen, ist in der Psychologie seit langem bekannt“ (44). Man erinnert sich, man erzählt, damit man eine Identität in der Vergangenheit herstellen kann: „Das episodische Gedächtnis umfasst den im individuellen Leben erworbenen Erinnerungsschatz und ist der Rückhalt für eine gelebte Identität“ (Assmann 204). Die Erinnerung an ein bestimmtes Ereignis bietet uns die Chance, dieses Ereignis im Kopf noch einmal zu durchleben und die Identität der erlebten Vergangenheit zu bestätigen. 2.2. Die Unzuverlässigkeit der Erinnerung Mit der Mitwirkung der Subjektivität weicht die Erinnerung unvermeidlich von der Wirklichkeit ab und erweist sich als sehr unzuverlässig. Aleida Assmann schreibt daher: Unsere Erinnerungen, so versichern uns die Psychologen, sind alles andere als zuverlässig. Sie sind kein exakter Spiegel eines vormaligen Geschehens, sondern immer schon gebrochen durch die Beschränkung unserer Perspektive, unserer Wahrnehmung, unserer Bedürfnisse und Emotionen. Sie verändern sich [...] durch Rekonstruktionen, die die Erinnerungen an das Selbstbild in der jeweiligen Gegenwart anpassen (183). Das heißt, dass die Erinnerung sehr stark vom Zustand und der Perspektive des Subjekts in der Gegenwart abhängt. Wegen der verschiedenen Beobachtungsstandpunkte oder der unterschiedlichen emotionalen Bewertungen können sich Erinnerungen voneinander unterscheiden: „Jeder Mensch nimmt andere, subjektiv bedeutsame Ausschnitte der Wirklichkeit wahr und misst ihnen vor dem Hintergrund seiner bisherigen sozialen Erfahrungen Sinn bei“ (zit. n. Moller). Nach Schmidt führen die Unterschiede zwischen der Erinnerung von Individuen und das Nachdenken über den Zusammenhang von Vergangenheit und Erzählung zu einer Skepsis in Bezug auf die Zuverlässigkeit von Erinnerung (39). Aleida Assmann fügt hinzu, dass es viele Faktoren gibt, die unsere Erinnerung beeinflussen können: Deshalb richtet sich das, was wir erinnern, nicht nach dem, was eigentlich gewesen ist, sondern danach, wovon wir später eine Geschichte erzählen können (und wollen). Was aus der Vergangenheit erinnert wird und was nicht, hängt deshalb nicht zuletzt davon ab, von wem und wozu diese Geschichte in welcher Situation gebraucht wird (191). 53 Focus on German Studies 23 Guo Hier wird der enge Zusammenhang von Erleben, Erzählen und Erinnern deutlich. Was wir erinnern, ist nicht unbedingt das, was wir wirklich erlebt haben. Assmann zufolge hängt unsere Erinnerung eng mit unserem Erzählwillen und unserer Erzählfähigkeit zusammen und passt sich zugleich an einen bestimmten Zweck und eine bestimmte Situation an. So wird das Erlebte durch das Erinnern rekonstruiert und zum Erzählen gebracht. 2.3. Darstellung der Erinnerung in Werken von Siegfried Lenz Hans Günter Hockerts weist darauf hin, dass jeder Mensch Geschichte erlebt und dass wir uns an die jüngere Geschichte selbst erinnern: „Jeder Mensch ist ein potenzieller Zeitzeuge. Egal wann und wo er geboren wird, er erlebt Geschichte. Das eigene Erleben – die Primärerfahrung – ist der grundlegende Zugang zur Zeitgeschichte“ (zit. n. Moller). Sehr oft war es die Zeitgeschichte, die Siegfried Lenz zum Schreiben animierte. Dabei waren Geschichten für ihn der Schlüssel zum Verständnis der Welt. „,Ich bekenne, ich brauche Geschichten, um die Welt zu verstehen’, hieß einer seiner Leitsätze, als ,Selbstversetzung’ bezeichnete er sein Verhältnis zum Geschichtenerzählen“ (Bartels). Wie im Werk anderer Angehöriger der „Gruppe 47“, z.B. im Werk des nicht lange nach Lenz verstorbenen Nobelpreisträgers Günter Grass, bilden bei Lenz Erinnerung und Geschichte zentrale Themen. Deutschstunde, sein erfolgreichster Roman, wird retrospektiv erzählt und im Rahmen der Erinnerung strukturiert. Durch die in Form einer Strafarbeit präsentierte Erinnerung eines jungen Mannes namens Siggi, der „im Prozess des Erzählens zu sich selbst kommt und zu leben lernt“, wird „die Perversion des Pflichtbegriffs während des Dritten Reiches“ (Wagener 336, 338) gezeigt und die schwierige Vergangenheitsbewältigung der Nachkriegsgesellschaft thematisiert (Greiner u. Sußebach). In Der Spielverderber (1965), in der es um das Verständnis der Welt geht, verleiht Lenz seiner Hauptfigur sogar ein „absolutes Gedächtnis”, mit dem sich diese an alles erinnern kann (Lenz, „UÜ ber das Gedächtnis“ 11). Hans Wagener stellt nicht nur in Bezug auf die zeitgeschichtlichen Romane von Lenz fest: „Er zwingt seine Leser zum Nachdenken, indem er sie mit moralischen Grenzfragen und Entscheidungssituationen konfrontiert“ (336). Die in Schweigeminute geschilderte Beziehung wirft auch eine moralische Grenzfrage auf und zwingt die beiden Liebenden zu einer Entscheidung. 54 Focus on German Studies 23 Guo 3. Nähe und Distanz bei der Erinnerung 3.1 Die Überblendung der Vergangenheit mit der Gegenwart Marcel Proust nennt es die Aufgabe des Dichters, „ein Ineinander von Gegenwart und Vergangenheit herzustellen“ (zit. n. Fiebach 150), was Siegfried Lenz in Schweigeminute durch eine UÜ berblendung der vergangenen Zeit mit der gegenwärtigen Gedenkfeier leistet. Durch bestimmte Stimmen und Personen, die während der Gedenkfeier auftreten, schweift der Schüler Christian immer wieder in Gedanken vom Geschehen in der Aula ab und erinnert sich an die Vergangenheit mit seiner Englischlehrerin Stella. Das Strandfest, die Regatta, der Unterschlupf in der Hütte des alten Vogelwarts, das UÜ bernachten im Hotel, der Beischlaf mit Stella in der Mulde bei den Kiefern, die erste Englischstunde nach den Sommerferien und andere Erinnerungsfragmente verbinden sich miteinander im Rahmen der Gedenkfeier in der Aula. Die dabei benutzte Erzähltechnik kann man mit den Schnitten und der Rückblende im Film vergleichen. Wie Aleida Assmann schreibt, „findet Erinnern [...] ausschließlich in der Gegenwart statt und zerfällt in diskontinuierliche Akte“ (182). Die ganze Erinnerung an die Zeit mit Stella wird in Christians Erinnerung in kleine Abschnitte sowie einzelne Szenen zerlegt und mit dem Gegenwärtigen verbunden. Mit diesem Zeitwechsel zwischen der nahen Gegenwart und der fernen Vergangenheit erscheint die individuelle Erinnerung Christians an die vergangene Zeit mit Stella in bruchstückhafter Form, denn sie wird jeweils von der Begegnung mit Menschen, die mit einem bestimmten Ausschnitt aus der Vergangenheit verbunden sind, und zugleich von Geschehnissen in der Gegenwart ausgelöst. Als z.B. Christians Mitschüler Ole Niehus mit einem anderen Jungen verspätet in die Aula kommt, kehrt Christian gedanklich zur Regatta zusammen mit Stella zurück, denn Ole ist der Junge, der „die Regatta der Optimist-Jollen bei unserem Strandfest gewonnen hatte“ (Lenz, Schweigeminute 26). Ein anderes Beispiel ist der vermeintliche „Ruderschlag“ (30), mit dem er während der Schweigeminute in eine andere Erinnerungsarbeit gerät. Dieses Geräusch erinnert ihn an die erste körperliche Annäherung an Stella, als sie in der Hütte des alten Vogelwarts einen Unterschlupf finden. Keutken weist auf die wichtige Bedeutung der Metapher des Fernglases für die Beziehung der Zeitebenen hin (179). Christian erklärt: „Ich behielt dich im Fernglas“ (Lenz, Schweigeminute 19). Das ist der Anfang der Annäherung der beiden Figuren. Keutken verweist auf den letzten Blick auf Stella: „Der letzte detaillierte Blick auf Stella bzw. ihre Asche erfolgt ebenfalls durch ein Fernglas: Die Vergänglichkeit des Bildes wird somit pointiert“ (180). Mit dem „Fernglas der Erinnerung“, durch das das weit Entfernte 55 Focus on German Studies 23 Guo näher erscheint, versucht der Protagonist, das sich entfernende Vergangene noch einmal „näher heranzuholen“. Die Vergangenheit wird wieder gegenwärtig, aber sie rückt gleichzeitig auch immer weiter in die Ferne. 3.2 Wechsel zwischen der zweiten und dritten Person Singular Eine besondere Eigenschaft dieser Novelle ist, wie Heinrich Detering richtig beobachtet, „der Wechsel zwischen der intimen Anrede mit Du und der Distanz der dritten Person“ („Die Meerfrau und der Steinfischer“). Weil mehrere Schulstunden Stellas ausfallen, sorgt Christian sich um sie und fährt zu ihr nach Hause, wo sie mit ihrem Vater zusammenwohnt. Aus Angst vor der Entdeckung der heimlichen Liebesbeziehung und vor der Trennung ist Stella tief in Gedanken versunken. In einem Satz wechselt Christian vom distanzierteren „sie“ zum intimeren „du“: „Ich wartete darauf, daß sie sich zu mir setzte, doch sie tat es nicht, sie trat ans Fenster und blickte hinaus, gerade so, als suchtest du etwas, einen Zuspruch, eine Eingebung“ (Schweigeminute 62f.). Auch hier ist der Wechsel zwischen Distanz und Nähe zu erkennen – wie bei der Erinnerung, die durch die Metapher des Fernglases veranschaulicht wird. Während der Ich-Erzähler mit der dritten Person eine Distanz zu der Erinnerten wahrt und das Ereignis distanziert-sachlich beobachtet und erzählt, neigt er mit dem „du“ dazu, der Erinnerten seine intimen Gefühle anzuvertrauen. Diese ungewöhnliche, verwirrende Liebesbeziehung zwischen der Lehrerin und ihrem Schüler beglückt und belastet beide. Stella ermahnt Christian, über die Zukunft ihrer Beziehung nachzudenken: „Du mußt dir nun überlegen, was besser ist für uns [...] es kann nicht so sein wie früher“ (37). Zwischen Stella und Christian besteht ein Ungleichgewicht. Stella ist eine junge Lehrerin, aber deutlich älter als Christian mit seinen achtzehn Jahren. Sie verfügt über mehr Lebenserfahrung und eine höhere Bildung, sieht ihre Beziehung skeptischer und hält eine gemeinsame Zukunft für unwahrscheinlich. Lenz äußert in einem Interview dazu wie folgt: „Das besondere Problem besteht darin, dass die Autorität der Lehrerin für den liebenden Schüler zum Problem werden muss“ (Greiner u. Sußebach). Die beiden Liebenden befinden sich also nicht auf einer Ebene. Der Kontrast der Haltung Stellas in und nach den Sommerferien ist evident. Während der Sommerferien erscheint sie sorglos und Christian sehr nahe. Im Gegensatz dazu tritt sie ihrem Schüler Christian in der ersten Englischstunde nach den Sommerferien wieder in ihrer Lehrerinrolle distanziert gegenüber (Keutken 178). Doch Christian erkennt die Autorität Stellas als Lehrerin an, obwohl sie seine Geliebte ist: „Ich unterließ es, weil ich 56 Focus on German Studies 23 Guo merkte, daß du mir überlegen warst und alles zutraf, was du mir entgegenhieltest“ (Schweigeminute 64). Verstand und Gefühl stehen bei beiden laut Keutken in Konflikt: „Ratio und Emotionen befinden sich bei beiden Personen im Widerstreit, da aus Sicht beider bereits ein ,uns’ existiert“ (179). Die gemeinsame Erinnerung an den vergangenen Sommer verändert schon die Einstellung zum Partner bzw. der Partnerin und beeinflusst die weiteren Handlungen der beiden Figuren. Christians starke emotionale Beziehung zu Stella wird durch das Zwiegespräch mit ihr in der Erinnerung betont (Fiebach 152). Bei einer Konferenz wird Stella als Ersatz für den Simultanübersetzer eines schottischen Experten gebraucht und sie fordert Christian auf, sie zu begleiten. Als Christian von einem Sicherheitsbeamten beim Eintritt in den Saal für die Konferenz zur Seite gezogen wird, zischte sie [Stella] die Männer an: ,Mein Referent, lassen Sie ihn sofort los’, [...] Du nahmst mich an die Hand, die beiden Ordnungskräfte schauten sich unschlüssig an, jedenfalls ließen sie von mir ab, und wir gingen, als gehörten wir zueinander, in den großen Saal (Schweigeminute 91). Das ist das erste Mal, dass Stella sich auch öffentlich zu Christian bekennt, nicht durch Worte, sondern durch eine Geste (89). Der Schüler lässt die Vergangenheit Revue passieren und versucht, um die Wirklichkeit der Liebesbeziehung mit Stella durch die Erinnerung zu bestätigen, Beweise für das „Wir“ zu finden. 3.3. Intimität und Schweigen Schon der Titel Schweigeminute „impliziert Erinnern, denn eine Schweigeminute hält man für eine Person ab, der man gedenken möchte“ (Fiebach 149) und deutet auf die Rahmenhandlung der Trauer und Ruhe des Gedenkens hin. Dieses Schweigen ist jedoch ein „beredtes Schweigen“, durch das der Protagonist eine verbotene Liebe mit seiner Lehrerin und die Erinnerung an sie gegenüber dem Leser enthüllt und all seine Emotionen und Leidenschaft bei seiner ersten Liebe in diesem Schweigen erzählt. Mit dem Satz „Wir setzen uns mit Tränen nieder“ (Schweigeminute 7), dem Schlusschor aus der Matthäus-Passion von Johann Sebastian Bach, in der das Leiden und Sterben Christi dargestellt werden, entsteht schon am Anfang der Novelle eine Atmosphäre der Trauer. Am Anfang wissen die Leser nicht, für wen diese Gedenkfeier abgehalten wird, sie kennen die Vorgeschichte nicht. Bei dieser gemeinsamen Schweigeminute aller Schüler und des Lehrerkollegiums im Lessing-Gymnasium entfaltet sich die geheime Erinnerung Christians, der die gemeinsamen Erlebnisse mit seiner 57 Focus on German Studies 23 Guo Geliebten in der Ich-Erzählung preisgibt. Mit der Erzähltechnik in medias res, die ein typisches narratives Element der Novelle ist, beginnt Lenz die Erzählung unvermittelt am Ende der Handlung. Während des Schweigens erinnert sich der Protagonist Christian an die verlorene Liebe und erzählt diese laut Eckhard Fuhr „diskrete“ (zit. n. Keutken 177) Liebesgeschichte. Christian erinnert sich an alle erotischen Begegnungen mit Stella und daran, dass zwischen ihnen nicht viele Worte fielen. Marcel Reich-Ranicki, ein Freund von Siegfried Lenz, nennt Christian und Stella in seiner äußerst positiven Rezension der Novelle „wortkarge Menschen“ („Bettgeschichten hatten für ihn nie Beweisqualität“). Die beiden sprechen beim Zusammensein nicht viel. Doch Kleinigkeiten verraten die starke, heimliche Liebe, die sie bei Begegnungen miteinander auch nur zurückhaltend zeigen. Sie kommt z.B. durch die Metapher des Funkens von der Zigarette, der Stella unabsichtlich auf die Decke des Betts im Hotel fällt und schnell gelöscht werden muss, zum Ausdruck (Schweigeminute 35). Im Hotelbett verbringen die beiden dann ihre erste Liebesnacht. Hitze und Feuer als traditionelle Metaphern für sexuelles Begehren und Sexualität deuten hier gleichzeitig auch auf die Gefahr eines Brands hin – und somit auf die Gefahr, die in dieser geheimen Beziehung für beide liegt. Auch Stellas erste Einladung an Christian, sich in dem Hotelzimmer zu ihr ins Bett zu legen, erfolgt wortlos, indem Stella die Hälfte des Kopfkissens für ihn frei macht: Sie wollte nicht, daß ihr Kopf in der Mitte des Kopfkissens lag, es war ein breites, geblümtes Kopfkissen, das Platz für zwei bot, mit einer beherrschten Bewegung warf sie sich auf und gab die Hälfte des Kopfkissens frei oder trat sie mir ab, ohne ein Zeichen, ohne ein Wort, dennoch bewies mir das Kopfkissen eine unübersehbare Erwartung (36). Dieses Kopfkissen, das die beiden teilen, wird als Beweis der gemeinsamen Zeit mit Stella und auch als ein wichtiger Erinnerungsgegenstand betrachtet, der die Erinnerung Christians auslöst, während er noch bedenkt, ob er etwas auf der Gedenkfeier für Stella sagen soll (126). Beim Abschied nach dieser Nacht im Hotel, in dem Stella während der Sommerferien vorübergehend wohnt, nennt Christian sie zum ersten Mal bei ihrem Vornamen und drückt somit die größere Nähe zwischen ihnen aus – Stella ist darüber nicht erstaunt. Innerlich möchte Christian sagen: „Ich liebe dich, Stella!“ (37) Doch er sagt es nicht. Es könnte etwas schwülstig klingen, fürchtet er. Er verzichtet somit darauf, das zu sagen, was er empfindet. Diese verpasste Liebeserklärung bleibt tief in seinem Herzen und die Szene im Hotel bleibt tief in seiner Erinnerung. Während er noch bedenkt, was von ihm als 58 Focus on German Studies 23 Guo Redner bei der Gedenkfeier erwartet wird, stieg eine Erinnerung in mir auf, so heftig, so beherrschend, daß ich sie nicht verdrängen konnte: Ich sah das Kopfkissen vor mir, das Territorium, das wir für uns entdeckt hatten und das wir teilten. Ich begriff, daß ich diese Entdeckung nicht in der Schule preisgeben durfte, einfach, weil mit einer Preisgabe etwas aufzuhören drohte, das mir alles bedeutete – vielleicht muß ja im Schweigen ruhen und bewahrt werden, was uns glücklich macht (Schweigeminute 126). Das Kissen ist also auch ein Symbol für das neue „Territorium“ der Sexualität, das Christian hier erstmals betritt und das er anderen gegenüber nicht preisgeben möchte oder darf. In der schweigenden Erinnerung versucht er alles, was mit der gemeinsamen Vergangenheit mit Stella verbunden ist, vor Entdeckung zu schützen und das Gefühl des vergangenen Glücks länger zu bewahren. Er fürchtet, dass er diese Erinnerung verlieren kann, wenn er das Geheimnis seiner Beziehung in der Schule preisgibt. 4. Der Ich-Erzähler in der „Ich-Erinnerung“ 4.1. Die Idealisierung der „Ich-Erinnerung“ Es gibt keine Vorgeschichte zu diesem Liebespaar. Reich-Ranicki erläutert: „UÜ ber die Vergangenheit des Schülers Christian wissen wir nichts; über Stella, die junge Lehrerin, die er liebt, die er plötzlich liebt, erfahren wir sehr wenig“ („Bettgeschichten hatten für ihn nie Beweisqualität“). Was die Leser über die geheime Geschichte der beiden erfahren, ist nur das, was von Christian erzählt wird. Die Figur Christian lädt die Leser ein, sich in ihn einzufühlen, an seinen Erlebnissen Anteil zu nehmen und seine Gefühle nachzuempfinden. Was Christian aber erzählt, sind nur wenige Ausschnitte oder einige Erinnerungsstücke aus der ganzen Zeit zusammen mit Stella – aus personaler Erzählperspektive. Die „Ich-Erinnerung“ (Assmann 183), in der der Ich-Erzähler Christian als Subjekt auftritt und die Rolle von Regisseur und Schauspieler zugleich spielt und das Geschehen rekonstruieren kann, ist nicht vollkommen zuverlässig. Beispielsweise erscheint diese ungewöhnliche Liebesbeziehung idealisiert. Obwohl diese geheime Liebe sehr leidenschaftlich und intensiv ist, erscheint sie in bestimmter Hinsicht moralisch fragwürdig. Ein Schüler ist im Allgemeinen von einer Lehrerin abhängig und neigt aufgrund seiner Unerfahrenheit zu Naivität. Zudem ist eine objektive Bewertung des Schülers durch die Lehrerin unmöglich und eine Bevorzugung des Geliebten gegenüber anderen Schülern und Schülerinnen wahrscheinlich. Wegen des Schüler-Lehrerin-Verhältnisses haben die beiden Figuren nicht nur in der Schule, sondern 59 Focus on German Studies 23 Guo auch außerhalb Schule viele Hindernisse zu überwinden. Aus Angst vor Entdeckung verhalten sie sich möglichst vorsichtig, um die Beziehung zu verheimlichen. Es gibt aber mehrere Hinweise darauf, dass andere Figuren möglicherweise von der Beziehung wissen. Klassenkameraden Christians begegnen Christian und Stella einmal zufällig und geben ihm ironische Ratschläge, ein paar Mitschüler pfeifen ihnen sogar hinterher (Schweigeminute 75). Auch Sonja, die beste Freundin von Christian seit der Kindheit, bemerkt die ungewöhnliche Beziehung der beiden und fragt ihren Freund: „Habt ihr euch lieb?“ (97) Eltern sind oft sensibel, was die Veränderung ihres Kindes betrifft. Bei Entdeckung des Fotos, das Stella und Christian am Strand machten und das Christian in seine englische Grammatik steckte, bemerkt Christians Mutter, wie sich die beiden darauf anschauen, und meint, „sie hätten aufeinander gewartet“ (87). Nach der Seebestattung bittet der Schuldirektor Block Christian als Klassensprecher, zu der Gedenkstunde für seine Lehrerin einige Worte zu sagen, und fügt die Andeutung hinzu: „Wenn ich mich nicht irre, ist dieser Verlust Ihnen auch persönlich nahegegangen“ (128). „Der Verlust dieser hochgeschätzten Lehrkraft“ (128) bedeutet „persönlich“ für Christian nicht nur einen Verlust einer geschätzten Lehrerin, sondern auch den Verlust seiner ersten Liebe. Weiß der Direktor wirklich von der Beziehung zwischen den beiden oder ist es nur eine Vermutung oder eine Befürchtung Christians? Vielleicht legt Christian jede Bemerkung so aus, weil er große Angst vor der Entdeckung hat. Es bleibt am Ende offen, was andere Figuren tatsächlich wissen oder nicht, so dass Christian auch nach dem Tod Stellas Ungewissheit und Angst empfindet. Aus der Erzählung Christians erfahren die Leser, dass Stella bei dem Seeunglück schwer verletzt wurde, das Erinnerungsvermögen verlor und kurz darauf verstarb. Herr Kugler jedoch, der Kollege Stellas, spricht die Tote während der Trauerfeier folgendermaßen an: „Warum, Stella, [...], warum mußte das geschehen? [...] Hat es denn keinen anderen Ausweg für dich gegeben?“ (19) Mit dem Ausdruck „Ausweg“, der auf eine bewusste Entscheidung verweist, deutet er auf die Möglichkeit eines Suizids hin. Das wirft die Frage auf: Verheimlicht Christian dem Leser etwas? Stirbt Stella durch einen Unfall oder beendet sie ihr Leben aus Verzweiflung, weil sie eine schlimme Zukunft voraussieht? Hier wird die Zuverlässigkeit des Ich-Erzählers und seiner Erinnerung in Frage gestellt. Der Text lässt am Ende auch offen, wie Stellas Tod zu erklären ist, als Unfall oder Selbstmord. 60 Focus on German Studies 23 Guo 4.2. Die Vergänglichkeit des Glücks und die Verewigung der Liebe Mit Euphorie und Leidenschaft beginnt der Junge, das zukünftige Leben zusammen mit Stella zu skizzieren. Er hat vor, die Hütte des alten Vogelwarts umzubauen und zu dekorieren und er fragt seinen Vater, ob er für seine Arbeit einen Lohn erhalten kann. Er möchte unabhängiger sein, ganz erwachsen. Alles scheint sich sehr positiv zu entwickeln. Der glücklichste Zeitpunkt der Liebesbeziehung markiert jedoch gleichzeitig der Anfang des Unglücks. Dann folgt die plötzliche Wende der Geschichte, das Seeunglück, das „ein jähes Ende“ (Detering) der Liebesbeziehung mitbringt. Es erscheint tragisch, dass an der Stelle, wo vorher die letzte Last der Steine von Christian selbst versenkt wurde, das Schiff, auf dem Stella von der Reise zurückkehrt, von einer unerwarteten Kraft über das Hindernis hinweggerissen wird (Schweigeminute 102). Das blaue Meer, das ihren Tod herbeiführt, symbolisiert hier die unbesiegbare Naturgewalt. In der Novelle wird zudem die Meerfrau mehrmals erwähnt. Beim Strandfest wird Stella von dem Krakenmann als Meerfrau ausgewählt. Außerdem porträtiert der schottische Experte seine Simultanübersetzerin Stella als Meerfrau. „Meerfrau“ ist hier eine Anspielung. In Andersens Märchen Die kleine Meerjungfrau (1837) erfährt die Meerjungfrau sowohl das Glück als auch den Schmerz der Liebe am eigenen Leibe und sie geht nach ihrem Liebeserlebnis zugrunde, ebenso wie Stella. Heinrich Detering präsentiert in seiner Rezension der Novelle die für manche Leser ohne Hilfsmittel zu erkennende Interpretation des Namens Stella (zit. n. Keutken 177): Denn als Stella Maris wird sie, [...], für den heranwachsenden Schüler und Geliebten buchstäblich zum Polarstern über jenem Meer, an dem sie selbst zugrunde gegangen ist. [...] Eine Undine ist sie zugleich, diese doch ausdrücklich „märchenhaft“ Schöne: eine Andersensche Meerfrau, die stirbt, weil sie ihr Element verlassen hat. [...] Wenn dann am Ende ihr Körper verwandelt in dieses Element zurückkehrt, realistisch motiviert in jener Szene, in der ihre Asche ins Meer gestreut wird: Dann steigt Stella, als „Stern“ eben, auf zu den Töchtern der Luft, in die luftige und enthobene Welt der Erzählung („Die Meerfrau und der Steinfischer”). Somit deutet die Meerjungfrau auf Stellas frühen Tod hin und der Name Stella für „Stern“ verweist darauf, dass sie für Christian auch nach dem Tod noch ein Orientierungspunkt, ein Fixpunkt, ist, aber sehr weit entfernt, nicht mehr greifbar. 61 Focus on German Studies 23 Guo Auf der anderen Seite erlaubt dieses Ende Christian, die Liebe im Rückblick zu idealisieren. Die beiden müssen sich nicht wegen ihrer großen Meinungsunterschiede oder wegen einer moralischen Verurteilung durch Andere, sondern aufgrund eines Unglücks für immer trennen. Die Novelle zeigt, wie plötzlich ein Liebesglück durch den Tod der geliebten Person enden kann, so dass dann nichts mehr als die Erinnerung bleibt. Das größte Glück und den tiefsten Schmerz einer Liebesbeziehung kann Christian nur als Erinnerung aufbewahren und empfinden. Nach dem Tod Stellas bekommt Christian beim Besuch bei Stellas Vater einen Brief, auf dessen Rückseite mit einem Delfin nur ein Satz steht: „Love, Christian, is a warm bearing wave” (Schweigeminute 118). Eine „Welle“ der Wärme des Glücks und gleichzeitig der Melancholie, wegen des Verlusts dieses Glücks, erfasst Christian daraufhin. Hier erscheint das Meer, das die Liebe verkörpert, in der Erinnerung erneut als Schicksalsmacht. Vor dem Foto von Stella und Christian liegt ein Stück Bernstein, in dem ein Käfer und eine Mücke aufbewahrt sind. „Beide haben nicht aufgepaßt, als die Harzträne hinabrollte, und jetzt werden sie für immer drinbleiben im Bernstein“ (96f.), so schildert es Christian beim Betrachten dieses Bernsteins. Die Entstehung eines Bernsteins bedeutet hier gleichzeitig das Zugrundegehen der Insekten, aber dieser gemeinsame Moment wird bleiben, was auf den Widerspruch von Liebe und Tod bzw. Vergänglichkeit und den Widerspruch des höchsten Glücks und der größten Trauer im Text übertragen werden kann. Die Position des Bernsteins vor dem Foto deutet früh auf ein tragisches Ende für die beiden hin. Das Leben Stellas geht zugrunde. Die Liebesgeschichte endet. Die Liebe ist nicht von Dauer, muss wegen eines unerwarteten Unglücks für immer „unvollendet“ bleiben. Aber die gemeinsame Zeit wird durch Erinnerung immer wieder lebendig und für Christian „unvergänglich“ bzw. unvergesslich. 4.3. Die Aufbewahrung der Vergangenheit in Form der Erinnerung Reich-Ranicki schreibt in seiner Rezension: „Jeder liebt auf seine Weise. Und jeder, der sich verliebt hat, versucht zu verstehen, was mit ihm geschehen ist“ („Bettgeschichten hatten für ihn nie Beweisqualität“). Durch seinen „Monolog der Erinnerung“ gibt der Protagonist die vergangenen Szenen wieder und erlebt die vergangene Zeit noch einmal, damit er ihr im Rückblick einen Sinn geben und auch sich selbst in der Gegenwart besser verstehen kann. Beim letzten Abschied winkt Stella Christian vor der Haustür zu, „nicht flüchtig, nicht 62 Focus on German Studies 23 Guo beiläufig, sondern langsam und so, als sollte ich mich abfinden mit dieser Trennung. Vielleicht wollte sie mich auch trösten. Damals dachte ich zum ersten Mal daran, mit Stella zu leben“ (Schweigeminute 75). Das ist ein Gedanke, der, wie Christian selbst verrät, nur aus der Angst vor der Trennung oder einem unvorhersehbaren, schlimmen Ende entstehen kann. Seine starke Sehnsucht nach Dauer dieser Beziehung bleibt jedoch unerfüllt und er muss ertragen, dass seine Liebe mit dem Ende des Sommers auch ihr Ende findet. Nach der Gedenkfeier stiehlt er das Foto von Stella, um einen Gegenstand als Erinnerung bei sich zu behalten. Am Ende der Seebestattung möchte er die Blumen für Stella aufsammeln und trocknen, damit er den Rest, der ihn mit ihr verbindet, als konkreten Gegenstand für schöne Erinnerungen für immer bewahren kann. Die Erinnerung versteht Christian nach dem Verlust seiner Liebe besser: „Alles, was Erinnerung aufgehoben hat, wird dann wiederkehren. Was Vergangenheit ist, ist dennoch geschehen und wird fortdauern, und begleitet von Schmerz und einer zugehörigen Angst werde ich versuchen, das zu finden, was unwiederbringlich ist“ (122). Die unvergängliche Vergangenheit bleibt als Erinnerung und soll paradoxerweise zurückbringen, was unwiederbringlich ist. 5. Schlussfolgerung In der Novelle Schweigeminute steht das Wechselspiel von Nähe und Distanz bei der Erinnerung im Vordergrund. Vor allem wird eine filmische UÜ berblendung zwischen der Schweigeminute und der Erinnerung verwendet, die zusammen mit der Fernglasmetapher in der visuellen Dimension den Zeitwechsel zwischen der erinnernden Gegenwart und der erinnerten Vergangenheit darstellt. Der Wechsel zwischen der distanzierten und intimen Anrede „sie“ und „du“, also zwischen Nähe und Distanz zwischen den beiden Liebenden, deutet den Widerspruch zwischen Verstand und Emotion angesichts der Ungleichheit in der Schüler-Lehrerin-Beziehung an, wobei Christians große Liebe zu seiner Lehrerin durch die Suche nach Beweisen für diese gegenseitige Liebe in der Erinnerung nach ihrem Tod dargestellt wird. Außerdem ist das Schweigen bei den intimen Szenen in der Erinnerung auffallend. Mit seinem Verschweigen der Affäre nach dem Tod der geliebten Lehrerin versucht der Protagonist auch, die Erinnerung vor Verlust zu schützen. Durch die Rekonstruktion der Vergangenheit versucht Christian, sowohl die Vergangenheit als auch sich selbst besser zu verstehen. Aber wegen seiner Ich- 63 Focus on German Studies 23 Guo Perspektive scheint diese idealisierte „Ich-Erinnerung“ auch fragwürdig zu sein, denn Stellas Perspektive bleibt dem Leser bzw. der Leserin verborgen. Als Symbole der Vergänglichkeit deuten die Meerfrau und der Name Stella schon auf das tragische Ende der Liebesbeziehung hin, das zu einer Idealisierung dieser ungewöhnlichen Liebe führt und auch zu einer „Verewigung“ in Christians Erinnerung. Die scheinbar vergangene Vergangenheit setzt sich mittels des Erinnerns wie auch in Form der Erinnerung in der Gegenwart fort und wird daher unvergänglich. 64 Focus on German Studies 23 Guo Literaturverzeichnis Assmann, Aleida. 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