Focus on German Studies 24 Nesselhauf Heine und der Kapitalismus. Geld, Börse und „Bankos“ in Heinrich Heines Leben und Werk Jonas Nesselhauf Universität Vechta ORCID ID: https://orcid.org/0000-0002-7102-1402 Abstract Das Thema des Geldes, der Finanzen und des Kapitalismus durchzieht das schriftstellerische Werk von Heinrich Heine (1797–1856): In seinen Reiseberichten besucht er Börsen in Berlin, London oder Paris und handelt selbst mit Aktien, später schreibt er pointiert und hochironisch gegen die Macht der Hochfinanz an. Ökonomische Beziehungen als ideales ‚tertium comparationis‘ nehmend, versucht dieser Artikel das polyvalente Verhältnis zwischen Leben und Werk, Geist und Geld nachzuzeichnen, die diesbezügliche Funktion religiöser Metaphorik aufzuzeigen und Heines Beziehungen zu James de Rothschild und Karl Marx zu analysieren. Der Themenkomplex des Kapitalismus1 durchdringt Heinrich Heines (1797–1856) Leben und Werk, seine Biographie und sein Schreiben wie wohl kaum ein anderer. Hier vermischen sich Geist und Geld, Freiheit und Abhängigkeit: Wie viele zeitgenössische Autoren verfügte er weder über die finanzielle Basis (wie etwa der Weimarer Geheimrat Johann Wolfgang Goethe sie hatte), noch über einen bürgerlichen Beruf (wie Jurist, Geistlicher oder Naturwissenschaftler) und war daher auf die Einkünfte aus seiner schriftstellerischen oder journalistischen Arbeit angewiesen. Nach dem Bankrott seines Vaters Samson Heine (1764–1829) im Jahre 1819 (Liedtke, Heinrich Heine 35) wird Heinrich Heine dauerhaft von seinem Onkel Salomon (1767–1844), einem Hamburger Bankier, finanziell unterstützt. Er handelt selbst mit Eisenbahnaktien und trifft in seiner Zeit in Paris auf Karl Marx wie auch den ‚allmächtigen‘ Jakob (alias Baron James) Rothschild, bei dem er immer wieder zu Gast ist — schreibt in seinem Werk aber ausgerechnet gegen diese Milieus an. Dabei hat der junge Heinrich selbst eine kaufmännische Ausbildung begonnen, Mitte der 1810er Jahre zunächst an einer Handelsschule, später in Frankfurt an einem Bankhaus, bei einem Gewürzhändler und bei seinem Onkel in Hamburg (Kruse 18ff.). In seinen Memoiren (1854) erinnert er sich, wie nach Wunsch seiner Mutter Betty (1771–1859) aus ihm „eine Geldmacht werden sollte“ und er „fremde Sprachen, besonders Englisch, Geographie, Buchhalten, kurz alle auf den Land- und Seehandel und Gewerbskunde bezüglichen Wissenschaften studieren“ (XV: 63)2 musste. Immer wieder wird es ihn in seinen Reisen zu den Börsen und den Orten der Hochfinanz 67 Focus on German Studies 24 Nesselhauf ziehen und mehr als nur einmal beleuchtet er das Milieu seines Onkels ironisch, exemplarisch etwa in Die Bäder von Lucca (1830) aus den ‚Reisebildern‘. Daneben sind es vor allem seine späten politischen Schriften und Traktate wie Ludwig Börne (1840) oder Lutetia (1854), in denen sich Heine dann auch dezidiert mit kommunistischen (beziehungsweise zu dieser Zeit eher: sozialistischen) und kapitalistischen Theorien und Ideen auseinandersetzt. Ein sehr widersprüchliches — oder vorsichtiger formuliert: polyvalentes — Verhältnis also, das einer genaueren Betrachtung bedarf. Im Folgenden soll daher zunächst Heines Faszination von der Börse als Raum des (abstrakten) Handels nachgegangen werden, die sich in auffälliger Wiederkehr in journalistischen Artikeln wie auch in seinen Reiseberichten findet. Ein Schwerpunkt liegt dabei auf der interessanten Metaphorik in seiner Beschreibung der Börse als einen in der Forschung bisher wenig beachteten Aspekt; Heine nimmt dabei in dieser Form erstmals eine AÄ sthetik vorweg, wie sie später beispielsweise von EÉ mile Zola aufgegriffen und ausgearbeitet wird. Heines schriftstellerische Thematisierung kapitalistischer Themen ist aber nicht nur von Besuchen der Börse beeinflusst, sondern ebenso vom durchaus ambivalenten Verhältnis zu seinem Hamburger Onkel Salomon sowie zahlreichen Begegnungen mit Personen der Zeitgeschichte in Paris. Das im 19. Jahrhundert aktuelle wie kontrovers diskutierte Thema des Kapitalismus3 stellt damit ein ideales tertium comparationis für die Verknüpfung von Heines Leben und Werk dar und eröffnet einen interessanten Blick auf die schriftstellerische Suche nach einer geeigneten AÄ sthetik für neue ökonomische Prozesse und Beziehungen. Heine zu Besuch in den ‚Kathedralen des Geldes‘ Bis zu seinem Umzug nach Paris zu Beginn der 1830er Jahre unternimmt Heinrich Heine immer wieder Reisen, die er in Berichten festhält. Auffällig häufig scheint er dabei von ‚Orten des Geldes‘ fasziniert: Es zieht ihn zu den Kaufmannsvierteln in Hamburg oder zur Judengasse in Frankfurt und auf seiner Harzreise (1824) besucht er die Silberhütten, in der Heine die frisch geprägten — „neugebornen, blanken Thaler“ (VI: 93) — bestaunt. Vor allem aber reist er immer wieder zu den Börsen der großen Städte, die für ihn den Hort der modernen Geldwirtschaft symbolisieren. Dort beobachtet Heine das Treiben und berichtet in seinem zugespitzt-ironischen Stil darüber, etwa in seinen Briefen aus Berlin (1822) während seiner Studienzeit in der preußischen Hauptstadt. Die Börse dort, bereits im späten 17. Jahrhundert gegründet, befand sich ab 1803 in einem eigenen Bau am Lustgarten, in unmittelbarer Umgebung zum Dom: Betrachten Sie lieber gleich rechts, neben dem Dom, die vielbewegte Menschenmasse, die sich in einem viereckigen, eisenumgitterten Platz herumtreibt. Das ist die Börse. Dort schachern die Bekenner des [A]lten und [N]euen Testaments. Wir wollen ihnen nicht zu nahe kommen. O Gott, welche Gesichter! Habsucht in jeder Muskel. Wenn sie die Mäuler öffnen, glaub’ ich mich angeschrieen: Gieb [sic!] mir all dein Geld! Mögen schon viel zusammengescharrt haben. Die Reichsten sind gewiß die, auf deren fahlen Gesichtern die Unzufriedenheit und der Mißmuth am tiefsten eingeprägt liegt. Wie viel glücklicher ist doch mancher arme Teufel, der nicht weiß, ob ein Louisd’or rund oder eckig ist. Mit Recht ist hier der Kaufmann wenig geachtet (VI: 11).4 Schon diese erste Schilderung des jungen, gerade 24jährigen Dichters erfolgt bestimmt, sehr wertend und geradezu verachtend — gleichzeitig stellt der ja aus einer jüdischen Familie 68 Focus on German Studies 24 Nesselhauf stammende Heine den Bezug zwischen Religion und Handelsplatz her. Die Börsen sind für ihn die ‚Kathedralen des Geldes‘, was er nicht nur an der ‚Geldverherrlichung‘ im Innern, dem Zusammenkommen zur ‚Anbetung‘ des Kapitalismus, festmacht, sondern auch in der Architektur dieser Gebäude, die sich zumeist entweder an antiken Tempeln oder christlichen Kirchen orientieren.5 Diese aufgeladene religiöse Metaphorik bedeutet im Umkehrschluss aber auch, dass der Kapitalismus für die Händler und Spekulanten eine Ersatzreligion und Geld ein (wohlgemerkt irdisches) Heilsversprechen darstellen. Die physiognomische Deutung der ‚fahlen Gesichter‘ und der in den Körper regelrecht eingeschriebenen Habsucht wirken natürlich einerseits zugespitzt, sind aber ebenso im Denken der bürgerlichen Gesellschaft (zum Beispiel durch Schriften von Johann Caspar Lavater)6, wie auch in der kunsthistorischen Ikonographie (etwa des Geldverleihers)7 angelegt. Ende der 1820er Jahre schreibt Heine in seinen Englischen Fragmenten (1828) aus der und über die Londoner Börse, die sich seit 1801 als „The Stock Exchange“ am Capel Court befand: Unter den Bogengängen der Londoner Börse hat jede Nazion [sic!] ihren angewiesenen Platz, und auf hochgesteckten Täfelchen liest man die Namen: Russen, Spanier, Schweden, Deutsche, Malteser, Juden, Hanseaten, Türken usw. Vormals stand jeder Kaufmann unter dem Täfelchen, worauf der Name seiner Nation geschrieben. Jetzt aber würde man ihn vergebens dort suchen; die Menschen sind fortgerückt, wo einst Spanier standen, stehen jetzt Holländer, die Hanseaten traten an die Stelle der Juden, wo man Türken sucht, findet man jetzt Russen, die Italiener stehen, wo einst die Franzosen gestanden, sogar die Deutschen sind weiter gekommen. [/] Wie auf der Londoner Börse, so auch in der übrigen Welt sind die Täfelchen stehen geblieben, während die Menschen darunter weitergeschoben worden und andere an ihrer Stelle gekommen sind, deren neue Köpfe sehr schlecht passen zu der alten Aufschrift (VII/I: 218). Die ‚globalisierte‘ Anordnung auf dem Parkett wirkt erneut ironisch zugespitzt, doch vielleicht hatte Heine bei diesen Sätzen auch den Bankrott seines Vaters im Kopf, der sich ja im darwinistischen survival of the fittest der kapitalistischen Marktwirtschaft gerade eben nicht durchsetzen konnte und Konkurs ging — wer nicht mit dem Markt geht, wird ‚weitergeschoben‘. Erscheint der Handel in London noch recht abstrakt, lernt Heine während seiner Zeit in Paris, wenige Jahre später, die Börse als ein regelrechtes „Thermometer“ (XII/I: 163) kennen, das unmittelbar auf politische oder ökonomische Veränderungen reagiert. In seinem vierten Artikel vom 1. März des Jahres 1832 prophezeit er mit Blick auf den Ministerpräsidenten Casimir Pierre Périer (1777–1832): Dieser Mann ist der Atlas, der die Börse und das Haus Orléans und das ganze europäische Staatengebäude auf seinen Schultern trägt, und wenn er fällt, so fällt die ganze Bude, worin man die edelsten Hoffnungen der Menschheit verschachert, und es fallen die Wechseltische, und die Kurse, und die Eigensucht und die Gemeinheit! (XII/I: 109) Périer, der selbst Bankier war und in den post-Napoléonischen Jahren die Banque de France leitete, wurde nach der Julirevolution von 1830 zunächst Minister unter (Bürger-)König Louis- Philippe und im folgenden Jahr schließlich selbst Ministerpräsident. In den unruhigen Monaten des Umbruchs, die Heine nun selbst als Korrespondent der Augsburger Allgemeinen Zeitung ab 1832 in Paris als Augenzeuge und Chronist miterlebt, versucht Périer, die Julimonarchie zu stützen, bevor er allerdings im Frühjahr 1832 an der Cholera stirbt. Heine ist von der Reaktion 69 Focus on German Studies 24 Nesselhauf der ‚Bourse‘ auf diese Nachricht geradezu enttäuscht, wie er in seinem achten Artikel vom 27. Mai 1832 schreibt: Der Tod Périers hat hier geringere Sensation erregt, als zu erwarten stand. Nicht einmal auf der Börse. Ich konnte nicht umhin, an dem Tage, wo Périer gestorben, nach der Place de la bourse zu gehen. Da stand der große Marmortempel, wo Périer wie ein Gott und sein Wort wie ein Orakel verehrt worden, und ich fühlte an die Säulen, die hundert kolossalen Säulen, die draußen ragen, und sie waren alle unbewegt und kalt, wie die Herzen jener Menschen, für welche Périer so viel getan hat. […] Anstandshalber hätte die Börse doch wenigstens durch eine kleine Baisse ihre Betrübniß an den Tag legen müssen. Aber nein, nicht einmal ein Achtel Prozent, nicht einmal ein Achtel Trauerprozent sind die Staatspapiere gefallen bey dem Tode Casimir Périers, des großen Banquierministers! (XII/I: 162ff.) Heine kommt in seinen journalistischen Berichten aus Paris nicht umhin, zu erwähnen, dass die im Palais Brongniart untergebrachte Börse einen architektonischen ‚Doppelgänger‘ besitzt — ausgerechnet eine Kirche: Ich ärgere mich jedesmal, wenn ich die Börse betrete, das schöne Marmorhaus, erbaut im edelsten griechischen Style, und geweiht dem nichtswürdigen Geschäfte, dem Staatspapierenschacher. Es ist das schönste Gebäude von Paris; Napoleon hat es bauen lassen. In demselben Style und Maßstabe ließ er einen Tempel des Ruhms bauen (XII/I: 162). Dieses zweite ‚identische‘ Bauwerk, von Napoléon Bonaparte als Temple à la Gloire geplant, wurde später tatsächlich in die Kirche Sainte-Marie-Madeleine umfunktioniert, die sich nahe Concorde befindet — und nicht wenig ironisch bemerkt Heine den (nun fast unfreiwilligen) Zusammenhang zwischen Geld und Religion, der ja bereits in seinen Reiseberichten zuvor auftauchte. Die Börse als Metapher In seiner Zeit in Paris setzt sich Heinrich Heine aber auch dezidiert mit dem ‚Innenleben‘ der Börse auseinander und beschäftigt sich erstmals ausführlich mit Wirkungen und Auswirkungen des Handels. Detailliert beobachtet er den Ablauf der Spekulationen auf dem Parkett, für den Heine in seinen Französischen Zuständen eine bemerkenswerte Wassermetaphorik findet: Hier, in dem ungeheuren Raume der hochgewölbten Börsenhalle, hier ist es, wo der Staatspapierenschacher, mit allen seinen grellen Gestalten und Mißtönen, wogend und brausend sich bewegt, wie ein Meer des Eigennutzes, wo aus den wüsten Menschenwellen die großen Banquiers gleich Haifischen hervorschnappen, wo ein Ungethüm das andere verschlingt, und wo oben auf der Gallerie [sic!], gleich lauernden Raubvögeln auf einer Meerklippe, sogar speculierende Damen bemerkbar sind. Hier ist es jedoch, wo die Interessen wohnen, die in dieser Zeit über Krieg und Frieden entscheiden. [/] Daher ist die Börse auch für uns Publizisten so wichtig (XII/I: 162f.). Nicht zufällig arbeitet Heine hier mit Isotopien aus dem Wortfeld ‚Wasser‘ (und Geld zu besitzen bedeutet ja nicht nur im Deutschen ‚flüssig‘ und ‚liquide‘ zu sein), die in literarischen Beschreibung kapitalistischer und monetärer Phänomene generell eine große Rolle spielen. Spekulationen sind und waren ein risikoreiches Unterfangen; Erfolg und Misserfolg, Aufstieg und 70 Focus on German Studies 24 Nesselhauf Untergang liegen so nah beieinander, dass der wagemutige Anleger, auf sich allein gestellt in den Weiten der Börsenhalle, wie ein Seemann auf sein pures Glück (oder eben Gott) vertrauen muss. Bemerkenswert ist dennoch, wie früh sein Artikel — immerhin aus den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts — die bildgewaltige Wassermetaphorik späterer Romane vorwegnimmt und gleichzeitig damit auch ein symbolisches Bild für die allgemeine Situation des Spekulanten generiert, schließlich erinnern die Schwankungen der Kurse und der unsichere Boden tatsächlich metaphorisch an ein Schiff in turbulenten Gewässern. Bereits die kurze Passage beinhaltet in gewohnt subjektivem und zugespitztem (Pöttker 40f.) Stil vier zentrale Beobachtungen, die den Status der Börse als paradigmatisches Muster für die kapitalistische Gesellschaft des frühen 19. Jahrhunderts unterstreichen: • Das Auf und Ab der Meereswogen steht sinnbildlich für die steten Schwankungen der Kurse: Auf die Wertsteigerung einer jeden Aktie wird zwangsläufig auch wieder ein Gewinneinbruch folgen, auf jede Hausse eine Baisse. • Die Wassermetaphorik symbolisiert aber ebenso auch die riskante Arbeit des Börsenspekulanten, der sich in unruhigen und turbulenten ‚Gewässern‘ befindet: Der unsichere Boden des Parketts, auf dem er sich bewegt, gleicht einem „Meer des Eigennutzes“, in dem der Einzelne selbst um sein Überleben kämpfen muss. • Gleichzeitig fließen an der Börse die Geldströme zusammen: Händler unterschiedlichster Schichten lauern wie ‚Raubvögel‘ auf die günstige Gelegenheit zum Kauf oder Verkauf, und profitieren dabei zu jeder Zeit von der Schwäche oder Fehlspekulation der Konkurrenten. • Und nicht zuletzt symbolisiert die Wassermetaphorik die Dynamik der anonymen Masse in der Börsenhalle, die kraftvollen Bewegungen und die mitreißende Macht der Spekulanten zwischen den Schaltern und Büros. Dabei handelt es sich um eine ausschließliche Kollektiverfahrung, in der das Individuum mit der Mehrheit anonym ‚mitschwimmt‘, der Einzelne in Heines Beschreibung geradezu ‚verschwimmt‘. Heinrich Heines dezidierte Auseinandersetzung mit der Pariser Bourse, vor allem aber auch sein Verständnis von Bedeutung und Auswirkungen des Börsenhandels, sind zu dieser Zeit noch eine literarische Ausnahme, und die ausgefeilte und mehrschichtige Wassermetaphorik kann als direkter Vorläufer des Naturalisten EÉ mile Zola verstanden werden, der diese gut sechs Jahrzehnte später aufgriff. Vor dem Hintergrund der verschiedenen Börsenkrisen des Zweiten Kaiserreichs schildert Zolas Roman L’Argent (1890/91) aus seinem Rougon-Macquart-Zyklus Aufstieg und Fall der von Aristide Saccard gegründeten „Banque Universelle“, die sowohl an die spektakuläre Pleite der „Société Générale du Crédit Mobilier“ 1866, als auch den verheerenden Crash der „Union Génerale“ im Jahre 1882 angelehnt ist.8 Der Kampf um die Schlusskurse wird im zehnten Kapitel des Romans mit einer ganz ähnlichen Wassermetaphorik wie in Heines Artikel zuvor geschildert: 71 Focus on German Studies 24 Nesselhauf Et, à mesure que l’heure de l’ouverture approchait, le piétinement sans fin, le double courant de foule, sillonnant la salle, l’emplissait des secousses profondes et du retentissement d’une marée haute. […] Depuis que le marché était ouvert, la foule ne ronflait plus seule, avec le bruit continu des grandes eaux […]. Entre le comptant et la corbeille, au-dessus de la tempête déchaı̂née des têtes, il n’y avait plus que les trois coteurs, assis sur leurs hautes chaises, qui surnageaient ainsi que des épaves, avec la grande tache blanche de leur registre, tiraillés à gauche, tiraillés à droite, par la fluctuation rapide des cours qu’on leur jetait (Zola, L’Argent 376-388).9 Die Börse erscheint also sowohl in Heines journalistischen Korrespondentenberichten, wie auch in Zolas Fiktionalisierung als ein Raum, in dem man — ähnlich auf hoher See — den Naturgesetzen und -gewalten ausgeliefert ist, gegen den eigenen Untergang ankämpfen muss. Die Börsenhalle wird damit beispielhaft zum Austragungsort hochkapitalistischer Verhaltensweisen, das Parkett exemplarisch zum Kampfplatz der ökonomischen Selektion. Ohnehin sind die ökonomischen Metaphern in Heines Werk interessant und eine eigene Untersuchung wert (vgl. Meyersiek 181) — so werden beispielsweise Zinsen in seiner späteren Schrift Lutetia (1854) als „leiser monotoner Tropfenfall“ (XIV/I: 37) und Kapitalisten als „edle[..] Geldritter“ (XIII/I: 29) umschrieben, und in einem Brief an Moses Moser vom Mai 1823 schreibt er an seinen Freund: „Deine Gefühle sind schwere Goldbarren, die meinigen sind leichtes Papiergeld.“ (Heine, Briefe 87) Geld trifft Geist: Heinrich und Salomon Heine Kritisierte Heinrich Heine die Spekulanten noch als „Staatspapierenschacher“ (XII/I: 162), als habgierig und „wenig geachtet“ (VI: 11), so handelte der Schriftsteller in den 1850er Jahren selbst (zumindest passiv) mit Aktien und Anleihen: Wie aus dem Briefverkehr mit seinem Bankier Julius Homberg in Paris hervorgeht, zeichnete er zunächst mit 4.000 Francs, die er von seinem Hamburger Verleger Julius Campe erhalten hatte, im Frühjahr 1852 Aktien der Eisenbahn Paris-Straßburg, später der Eisenbahnen Paris-Le Havre sowie Paris-Rouen. Neben österreichischen Staatsanleihen und Aktien der österreichischen Eisenbahngesellschaft besaß Heine auch Bodenobligationen — verfügte also insgesamt über ein ordentliches Portfolio.10 Und auch Heines Verhältnis zu den Bankiers und den finanziellen Unterstützern selbst ist höchst polyvalent: Zwar wird er von seinem Onkel Salomon, dem vermögenden Hamburger Bankier, über Jahrzehnte hinweg finanziell unterstützt, dennoch schreibt er immer wieder gegen die Geldaristokratie an, von der er sich gleichzeitig aushalten lässt. Die Entscheidung zum freien Schriftsteller ist damit auch eine durchaus existentielle, was der junge Heine beispielsweise in seinem Gedicht „Burleskes Sonett“ (1824)11 durchaus selbstironisch reflektiert: „Doch ach! mir Armen lächelt Mammon nie: / Denn leider, leider trieb ich dich alleine, / Brodloseste der Künste, Poesie!“ und dann resümiert: „Dann muß ich dürsten oder ich muß — pumpen.“ (I/I: 481) Allerdings wird diese Inszenierung als ‚ewig klammer Dichter‘, wie es Wolf Biermann in seiner Rede zum Heine-Preis 1993 nannte (49), in der Sekundärliteratur inzwischen auch kritisch beleuchtet. Ursula Stein etwa fasst pointiert zusammen: 72 Focus on German Studies 24 Nesselhauf Heine mimt den armen Poeten, lamentiert unentwegt über die Geldnöte, pumpt sämtliche Familienmitglieder und Freunde an — und trägt heimlich ein hübsches Vermögen zusammen. Er bezieht ein ordentliches Salär von Onkel Salomon, eine anständige Pension aus der französischen Staatskasse, leiert seinem Verleger enorme Honorare aus den Rippen, lässt sich von wohlhabenden Freunden aushalten und von sämtlichen Rothschild- Banken Europas mit nicht rückzahlbaren Darlehen und kostenlosen Aktien versorgen. Von Heines beißender Ironie blieb dennoch keiner seiner Gönner verschont (Stein 35f.).12 So verarbeitet er etwa das Hamburger Milieu seines Onkels in seinem fiktionalen Reisebericht Die Bäder von Lucca: 1829, ein Jahr nach seinem Aufenthalt in Italien entstanden, trifft der autodiegetische Erzähler auf den Badegast Markese di Gumpelino und seinen Diener Hirsch-Hyazinth — wohl zwei der skurrilsten Figuren in Heines Werk. In dem zum Christentum konvertierten, jüdischen Bankier Gumpelino erkennt der Erzähler einen alten Freund aus Hamburger Tagen wieder, Christian Gumpel. Dieser ist längst so umfassend vom Umgang und Handel mit Geld geprägt, dass alle seine Attribute und Eigenschaften damit in Verbindung stehen: Er wird auf seinen Reichtum reduziert: „Der Mann besitzt vortreffliche Eigenschaften, z. B. viel Geld“ (VII/I: 88). Dieser ökonomische Besitz macht ihn allerdings auch gesellschaftlich „mächtig“ (VII/I: 126). Trotz der überspitzten Darstellung des Hamburger Kaufmannsmilieus lässt sich biographisch allerdings nachweisen, dass Heinrichs Onkel, der in ähnlicher Weise reiche und mächtige Bankier Salomon Heine, sein Geld immer wieder für lokale Zwecke eingesetzt hat und nach der verheerenden Brandkatastrophe in Hamburg 1842 für den schnellen Wiederaufbau der Stadt spendete.13 Nicht zufällig wurde der Wohltäter als „Hamburgs Rothschild“ (Liedtke, Heinrich Heine 27; Wiborg 82) bezeichnet, und nach Salomons Tod im Dezember 1844 begleiteten mehr als 10.000 Hamburger den Trauerzug (Liedtke, Heinrich Heine 145). Das Verhältnis zwischen Neffe und Onkel, zwischen Schriftsteller und Bankier, war meistens positiv, wenn auch nicht immer frei von Konflikten: So hat Heinrich Heine einen nur zu „‚Repräsentationszwecken‘“ (Liedtke, Heinrich Heine 86) erhaltenen Kreditbrief seines Onkels schmerzfrei in London eingelöst, was das familiäre Verhältnis zwischenzeitlich deutlich belastete. Die Ambivalenz dieses Familienverhältnisses spiegelt sich auch in ihrem Briefwechsel — dort finden sich „gegenseitige[..] ‚Anpflaumereien‘“ (Windfuhr 43), die allerdings wohl „zum Umgangston in der Familie“ gehörten und „als witzig und geistreich durchaus akzeptiert“ (Windfuhr 44) waren. Trotz angeblich kritischer oder gar verächtlicher AÄ ußerungen14 konnte Salomon wohl doch über so manche literarische Satire seines Neffen lachen (Liedtke, Heinrich Heine 29f.) — und Heinrich erhält ab 1839 eine jährliche Rente (Liedtke, Heinrich Heine 121), die nach seiner Hochzeit mit Augustine „Mathilde“ Crescence Mirat (1815–1883) zwei Jahre später auf 4.800 Francs erhöht wird. Im Testament des Onkels wird er mit immerhin (oder ‚nur‘) 8.000 Mark Banko berücksichtigt, was Heinrich aber wiederum schwer enttäuscht (Liedtke, Heinrich Heine 146; Sammons 112f.), so dass es nach dessen Tod im Dezember 1844 zu einem Erbschaftsstreit kommt (Windfuhr 45). In Die Bäder von Lucca, im dritten Teil der Reisebilder (1830) veröffentlicht, taucht bereits auch die einflussreiche Bankiersfamilie der Rothschilds zum ersten Mal auf, an denen sich Heinrich Heine in den kommenden Jahren stärker abarbeiten wird, als am Hamburger 73 Focus on German Studies 24 Nesselhauf Kaufmannsmilieus seines Onkels. Im Gegensatz zur Darstellung des Markese di Gumpelino erscheint sein Diener, Hirsch-Hyazinth, eher satirisch überzeichnet — etwa in dessen Erzählung einer nachhaltigen Begegnung mit dem mächtigen Bankier Nathan Rothschild (1777–1836): Der Diener hatte die Ehre, ‚Nathan dem Weißen‘ (VII/I: 111) die „‚Hühneraugen zu schneiden‘“ (VII/I: 112): ,[…] und wie ich ihm währenddessen die Hühneraugen schnitt, dacht ich im Herzen: Du hast jetzt in Händen den Fuß des Mannes, der selbst jetzt die ganze Welt in Händen hat, du bist jetzt ebenfalls ein wichtiger Mensch, schneidest du ihn unten ein bisschen zu scharf, so wird er verdrießlich und schneidet oben die größten Könige noch ärger — Es war der glücklichste Moment meines Lebens!‘ (VII/I: 112) Und als Hirsch-Hyazinth darauf erzählt, auch Salomon Rothschild (1774–1855) habe ihn „‚ganz wie seinesgleichen, ganz famillionär‘“ (VII/I: 112) behandelt, beginnt der autodiegetische Erzähler, der sich am Ende als Doktor Heine zu erkennen gibt, über die Bankiersfamilie nachzudenken. Heine und der Kapitalismus: ‚Famillionäre‘ Begegnungen mit Rothschild Tatsächlich verbindet Heinrich Heine mit den Rothschilds eine regelrechte „Hass-Liebe- Beziehung“ (Assmann/Kuschel 73), wobei Die Bäder von Lucca die erste und noch sehr frühe Auseinandersetzung mit den wohl mächtigsten Bankiers des damaligen Europa darstellen. Denn während Hirsch-Hyazinth also ganz „famillionär“ mit dem Frankfurter Bankier Salomon Rothschild auskam und dessen Bruder Nathan, der die Londoner Außenstelle leitete, die Hühneraugen geschnitten hat, so stand Heinrich Heine in seiner Zeit in Paris tatsächlich in Kontakt mit Jakob Rothschild, genannt Baron James de Rothschild (1792–1868).15 Zentrum der „ökonomischen Macht“ (Höhn/Liedtke 67) ist dabei Rothschilds luxuriöses Comptoir: Der Bankier hatte sich in der Rue Laffitte — eine Seitenstraße, die Rue La Fayette und Boulevard Hausmann miteinander verbindet, etwa 10 Minuten zu Fuß von der Börse entfernt — ein Stadthaus errichten lassen. Wie Ferguson unterstreicht, trat Jakob Rothschild (noch stärker als Heines Onkel Salomon) in der französischen Hauptstadt als Kunstförderer auf, als Mäzen und Sammler (8, 339f.), der in seiner Residenz regelmäßig Soireen und Bälle abhielt. Heinrich Heine zählte nicht nur ab dem Jahre 1832 zu den Besuchern dieser Abendveranstaltungen, sondern pflegte darüber hinaus ein freundschaftliches Verhältnis zu Rothschilds Ehefrau und Nichte Betty (1805–1886), die vor allem seine Gedichte sehr verehrte.16 Auch in seiner politischen Schrift Lutetia findet Rothschild mehrfach Einfang — Heine bezeichnet ihn dort unter anderem als „Großrabbi der rive droit“ (XIII/I: 52), also der rechten Flussseite von Paris, später auch als „Zeichendeuter der Börse“ (XIII/I: 122), der die Aktienlage geschickt analysieren und daraufhin gewinnbringend anlegen kann: „Herr von Rothschild ist in der Tat der beste politische Thermometer; ich will nicht sagen Wetterfrosch, weil das Wort nicht hinlänglich respektvoll klänge.“ (XIII/I: 122) Die (durchaus pejorative) Umschreibung eines Thermometers ist ja bereits aus den Französischen Zuständen einige Jahre zuvor bekannt, und auch die religiöse Metaphorik findet sich in diesem Zusammenhang wieder. Und erneut hat Heinrich Heine keine Skrupel, die Residenz des Bankiers ausführlich zu beschreiben, sein Besuchsrecht für einige ironische Zeilen 74 Focus on German Studies 24 Nesselhauf womöglich zu gefährden: Jenes Privatkabinett des Herrn von Rothschild ist in der Tat ein merkwürdiger Ort, welcher erhabene Gedanken und Gefühle erregt, wie der Anblick des Weltmeeres oder des gestirnten Himmels: Wir sehen hier, wie klein der Mensch und wie groß Gott ist! Denn das Geld ist der Gott unserer Zeit, und Rothschild ist sein Prophet (XIII/I: 123). AÄ hnlich wie bei den Börsenbeschreibungen aus Heines früheren Reiseberichten scheint der Dichter von der Macht des Geldes regelrecht fasziniert, von der ‚Gefahr‘ des Kapitalismus gleichermaßen angezogen wie abgestoßen — schließlich geht aus seiner (klar für demokratische Bewegungen eintretenden) Perspektive die ökonomische ‚Macht‘ hierbei nicht vom Volk aus, nicht einmal von Politikern, sondern von Geschäftsmännern, die mehr den eigenen Profit als das Gemeinwohl in den Vordergrund ihrer Arbeit stellen. Dementsprechend pessimistisch ist Heines Blick auf die Bankiersfamilie Rothschild, die — als wahrlich ‚koloniale‘ Macht — mit ihren „Maklern, Diskonteuren, Spediteuren und Chefs de Comptoir“ (VII/I: 117) die Welt erobert. Im Mai 1843 rückt Baron James de Rothschild wieder in seinen Fokus. „In diesem Augenblick“, so Heine in seiner dann 1854 erschienen Lutetia, „ist der Stern Rothschild im Zenit seines Glanzes.“ (XIV/I: 60) Es mag zunächst überraschen, dass Rotschild hier wohlgemerkt als Stern und nicht etwa als Sonne erscheint, doch selbst der mächtige Baron wird vom allumfassenden Konzept des Kapitalismus (als die eigentliche systemische Macht) ‚nur‘ angestrahlt, kann von sich aus lediglich passiv ‚(er)leuchten‘. In dieser Phase versucht Heine auch wieder, sich dem Phänomen der Rothschilds aus dem religiösen Diskurs heraus zu nähern — die „antikapitalistische Bibelinterpretation“ (Liedtke, „‚…die überwuchernde Macht des Kapitals.‘“ 83) zieht sich durch sein Spätwerk: Aber die ganze Welt bettelt jetzt bei [Baron Rothschild], es regnet Bettelbriefe, und da die Vornehmsten mit dem würdigen Beispiel vorangehen, ist jetzt das Betteln keine Schande mehr. Herr von Rothschild ist daher der Held des Tages, und er spielt überhaupt in der Geschichte unsrer heutigen Misère eine so große Rolle, daß ich ihn oft und so ernsthaft als möglich besprechen muss. Er ist in der Tat eine merkwürdige Person. […] Wie unglücklich sind doch die Reichen in diesem Leben — und nach dem Tode kommen sie nicht einmal in den Himmel! — ‚Ein Kamel wird eher durch ein Nadelöhr gehen, als dass ein Reicher ins Himmelreich käme‘ — dieses Wort des göttlichen Kommunisten ist ein furchtbares Anathema und zeugt von seinem bitteren Hass gegen die Börse und die Hautefinance von Jerusalem (XIV/I: 59ff.). Reichtum und Gewinnstreben — die, wenn nicht Grundpfeiler, so doch zumindest eine der zentralen Bedingungen der kapitalistischen Idee — erscheinen hier als rein diesseitiges und keineswegs nachhaltiges Interesse, als Charakter des Eigennutzes. „Hartherzig sind die Reichen“ (XIV/I: 61), fährt Heine in biblisch aufgeladener Sprache fort, und kritisiert dabei (erneut Religion und OÄ konomie verbindend) am Beispiel eines fallengelassenen Bankiers die Auswirkungen des kapitalistischen Gewinnstrebens auf soziale Beziehungen. Und mehr noch: Das Geld habe, so Heines Beobachtung, längst die Funktion einer ‚Ersatzreligion‘ übernommen: Besteht nun die heutige Religion in der Geldwerdung Gottes oder in der Gottwerdung des Geldes? Genug, die Leute glauben nur an Geld; nur dem gemünzten Metall, den silbernen und goldenen Hostien, schreiben sie eine Wunderkraft zu; das Geld ist der Anfang und das Ende aller ihrer Werke […] (VIII: 221f.). 75 Focus on German Studies 24 Nesselhauf Diese (christlich-)religiöse Dimension der Kapitalismuskritik in Lutetia wird in seiner Denkschrift Ludwig Börne (1840) durch den eher historischen Blick abgelöst. Narratologisch besonders spannend ist dabei die Beschäftigung mit Rothschild: Auf einen Spaziergang mit Ludwig Börne (1786–1837) durch Frankfurt folgend ist ein mehrseitiger Exkurs — Heine nennt dies selbst „Zwischenbemerkung“ (XI: 27) — über die Macht der ‚Geldaristokratie‘ regelrecht in den Text hineinverwoben. „Diese Rothschilde“, setzt er an, „die Bankiers der Könige, diese fürstlichen Säckelmeister, deren Existenz durch einen Umsturz des europäischen Staatensystem in die ernsthaftesten Gefahren geraten dürfte, sie tragen dennoch im Gemüte das Bewusstsein ihrer revolutionären Sendung“ (XI: 27). Mit solchen Bemerkungen wirkt Heine, der ja regelmäßige Einladungen auf die Soireen bei den Rothschilds in Paris erhielt, durchaus etwas ‚unehrlich‘ und so ist sein Verhältnis als sicherlich ambivalent zu beschreiben (Hädecke 343) — einerseits distanziert und kritisch, ganz der engagierte Journalist, andererseits (wie Heine intertextuell in Ludwig Börne bemerkt) „ganz famillionär, wie Hirsch Hyazynth sagen würde“ (XI: 27f.). In seiner 1840 erschienenen Denkschrift bezeichnet er Baron James, den Pariser Bankier, darüber hinaus als „Nero der Finanz“, […] der sich in der Rue Laffitte seinen goldenen Palast erbauet hat, und von dort aus als unumschränkter Imperator die Börsen beherrscht, er ist, wie weiland sein Vorgänger, der römische Nero, am Ende ein gewaltsamer Zerstörer des bevorrechteten Patriziertums und Begründer der neuen Demokratie (XI: 27). Dass Heine nun das neuzeitliche Kapitalsystem als eine „Demokratie“ bezeichnet, mag überraschen (und wird gleich ausführlicher beleuchtet), wird dem Konzept des Kapitalismus jedoch prinzipiell gerecht: Durch die ‚Demokratisierung der Wirtschaft‘ kann nun — im Gegensatz zur Privilegienwirtschaft des Adels im Ancién Regime oder der Leibeigenschaft im Feudalismus — quasi jedes Individuum teilhaben, und wer nicht über das nötige Geld (die Währung des neuen Systems) verfügt, leiht oder lässt anschreiben, schließlich sind mit Investitionen verbundene Schulden ein weiteres Grundprinzip des Kapitalismus. Heinrich Heine und der ‚Kommunismus‘: Begegnungen mit Marx Die Börsen und Rothschild werden somit in Heines Werk aber auch zu Stellvertretern des kapitalistischen Systems generell, das in dieser Zeit nahezu in weiten Teilen Europas die Industrielle Revolution vorantreibt. Wenige Jahrzehnte später werden Soziologen wie Georg Simmel (320f.) oder Max Weber (78f.) beobachten, wie stark die kapitalistische Welt durch ökonomische (Geld-)Beziehungen bestimmt ist und den Menschen im Denken wie im Handeln beeinflusst — unter dem ‚neuen‘ und scheinbar demokratischen Wirtschaftssystem entstehen nun auch neue Beziehungen. Zwar sollten beide Partner eines Handels oder einer Transaktion eigentlich gleichgestellt sein, doch noch immer gibt es ungleich verteilte Abhängigkeiten, die zwangsläufig Konfliktpotential in sich bergen. Und nicht ohne Grund kritisiert der Sozialismus daher die Zerstörung von zwischenmenschlichen Beziehungen durch den Kapitalismus — „Die Geldgier oder Bereicherungssucht ist notwendig der Untergang des alten Gemeinwesen.“ (Marx 149) Doch genau in dieser ‚neuen Demokratie‘ sieht Heine ein regelrecht revolutionäres 76 Focus on German Studies 24 Nesselhauf Potenzial, das in seiner Denkschrift Ludwig Börne allerdings nicht positiv konnotiert ist: Ich sehe in Rothschild einen der größten Revolutionäre, welche die moderne Demokratie begründeten. Richelieu, Robespierre und Rothschild sind für mich drei terroristische Namen, und sie bedeuten die graduelle Vernichtung der alten Aristokratie. Richelieu, Robespierre und Rothschild sind die drei furchtbarsten Nivelleurs Europas (XI: 28). Heinrich Heine stellt also Rothschild einerseits in eine Reihe mit Kardinal Richelieu (1585– 1642), der unter Ludwig XIII. im 17. Jahrhundert den Absolutismus stärkte und gegen die Protestanten (vorwiegend Hugenotten) verteidigte. Andererseits zieht er ebenso Parallelen zu Maximilien de Robespierre (1758–1794), dem Hauptverantwortlichen der Schreckensherrschaft der Jakobiner, die keine fünf Jahre nach der Französischen Revolution das Land spaltete. Zu nachdrücklich sind Heine die Gefahren des neuen Systems und vor allem der Börsenspekulationen in Erinnerung geblieben, deren Kursschwankungen dem Einzelnen jegliche Sicherheit und Beständigkeit rauben und selbstbezogener agieren lassen — erneut benutzt er dafür in der Börne-Denkschrift wieder eine Wassermetaphorik: Er stiftete freylich dadurch eine neue Aristokrazie [sic], aber diese, beruhend auf dem unzuverlässigsten Elemente, auf dem Gelde, kann nimmermehr so nachhaltig mißwirken, wie die ehemalige Aristokrazie, die im Boden, der Erde selber, wurzelte. Geld ist flüssiger als Wasser, windiger als Luft, und dem jetzigen Geldadel verzeiht man gerne seine Impertinenzen, wenn man seine Vergänglichkeit bedenkt… er zerrinnt und verdunstet, ehe man sich dessen versieht (XI: 29). Heines Skepsis (noch immer geschickt eingewoben in den Bericht eines Spaziergangs mit Börne durch Frankfurt) richtet sich also nicht primär gegen das kapitalistische Wirtschaftssystem, sondern vielmehr gegen das Konzept dahinter: Seine Zweifel beziehen sich auf die Macht, die das Geld innerhalb dieser Idee erhält und die Abhängigkeiten, die dadurch entstehen können. Aufgrund dieser deutlichen Kapitalismus-Kritik in Heinrich Heines Werk ließe sich nun eine starke Affinität zum ‚Kommunismus‘ (beziehungsweise damals noch allgemein: Sozialismus) vermuten; zwar wurden solche Tendenzen gerade in der literaturwissenschaftlichen Forschung der DDR hervorgehoben — „Vom sozialen Anspruch des Proletariats ist Heine zutiefst überzeugt.“ (Jünger et al. 18) —, doch muss dies wohl deutlich kritischer gesehen werden (Hofrichter 82ff.; Victor 78ff.). Tatsächlich kannte Heine nicht nur Karl Marx (1818–1883) — beide trafen sich erstmals im Dezember 1843 in Paris und bis zum ‚Exil‘ von Marx und Engels in England im Jahre 1849 wohl regelmäßig (Hermand 86; Reeves; Tauber) —, sondern verfasste beispielsweise für die von deutschen Emigranten um Marx und Karl Ludwig Bernays (1815–1876) herausgegebene sozialistische Zeitschrift Vorwärts! das Gedicht „Die armen Weber“ als Reaktion auf die blutig niedergeschlagenen Weber-Aufstände in Schlesien.17 Dennoch muss auch Heinrich Heines Einstellung gegenüber dem Kommunismus als ambivalent (oder eher: polyvalent) bezeichnet werden (Hermand 100f.), ähnlich seiner bereits angerissenen Haltung gegenüber dem Kapitalismus — schließlich ließ sich der Dichter auch von den Sozialisten (oder: „pour nommer le monstre par son vrai nom, les communistes“, wie er in seiner Préface zur französischen Ausgabe der Lutetia im Frühjahr 1855 schreibt) nicht vereinnahmen. Wollte sich Heine somit schlicht nicht festlegen und lieber aus der ‚bequemen‘ Position des 77 Focus on German Studies 24 Nesselhauf ‚Unangepassten‘ heraus agieren? So konnte er einerseits gegen den Kapitalismus anschreiben, aber dennoch mit Aktien handeln, Kontakt zum hochkapitalistischen Milieu der Rothschilds halten und trotz seiner ironisch-zynischen Seitenhiebe gegen die ‚Geldaristokratie‘ an deren Soireen teilnehmen. Sein Verhältnis zu Geld und Kapitalismus ist wohl auch deswegen so zwiespältig, weil sich Heine, um die mächtige OÄ konomie kritisieren zu können, letztlich selbst den ‚Marktbedingungen‘ unterwerfen musste: So profitierte er von seinem hochkapitalistischen Onkel Salomon und verkauft die Rechte an seinen Werken noch zu Lebzeiten vollständig an Cotta (Hauschild/Werner 367; Liedtke, Heinrich Heine 134), um sich und seine Frau finanziell absichern zu können — die Stellung des freien und freischaffenden Künstlers hat schließlich seinen ‚Preis‘. Dennoch hat sich Heine dabei selbst nie abhängig von seinen Geldgebern gemacht — und so symbolisiert dieses scheinbar ambivalente Verhältnis zu Geld und OÄ konomie gleichzeitig vielleicht auch so stark wie kein anderes im Leben und Werk Heinrich Heines die Freiheit. Letztlich aber ist das Thema des Kapitalismus auch ein weiteres Beispiel für zahlreiche Ambivalenzen, Widersprüchlichkeiten (Trilse-Finkelstein) und ‚Ungereimtheiten‘18, bei denen die Selbstdarstellung des Künstlers (Werner 17ff.) auf die (ökonomische, künstlerische usw.) Realität trifft. 1 Die Bezeichnung ‚Kapitalismus‘ soll in diesem Aufsatz als Oberbegriff für verschiedene Bereiche und ökonomische Beziehungen innerhalb der modernen Finanzwirtschaft verwendet werden, die etwa sowohl die begriffsgebende Akkumulation von Kapital, Grundsätze von Krediten und Schulden als auch einen am Markt orientierten Handel mit Waren (Rohstoffe, Produkte), Wertpapieren (Aktien, Anleihen) oder anderen Finanzinstrumenten (Derivate, Effekte, Devisen) beinhaltet. 2 Die Literaturangaben beziehen sich — soweit nicht anders angegeben — auf die historisch-kritische Gesamtausgabe der Werke in 16 Bänden („Düsseldorfer Ausgabe“, DHA), herausgegeben von Manfred Windfuhr und erschienen bei Hoffmann und Campe (Hamburg 1973–1997). 3 Einerseits wäre die Industrielle Revolution (und hier vor allem die Gründung von Fabriken und die Anschaffung von Maschinen) in dieser Form ohne den Kapitalismus nicht möglich gewesen, andererseits kommt es gerade in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu einigen verheerenden systeminternen Krisen (vgl. Endnote 8). 4 Der Louisdor ist eine runde französische Goldmünze. 5 Auffällig viele Börsengebäude greifen historistisch auf vor allem Elemente antiker Architektur zurück; vgl. etwa die von Heine besuchten Börsen in Berlin, London und Paris sowie exemplarisch die im Zweiten Weltkrieg zerstörte Neue Börse am Tröndlinring in Leipzig, die Hamburger Börse am Adolphsplatz, das Wiener Börsengebäude im Stil der Neorenaissance, aber beispielsweise auch die Börse am Szabadság tér in Budapest. 6 Der Gedanke, dass der Körper auch unmittelbar und unzweifelhaft Ausdruck der seelischen Verfassung sei, das Innere sich also auf seiner äußeren Fläche spiegle, lässt sich bis zur antiken Vorstellung der kalokagathía zurückverfolgen, wurde allerdings im späten 18. Jahrhundert und dann im 19. Jahrhundert so populär wie nie zuvor und fand im Deuten von Scherenschnitt-Bildern Eingang in die bürgerliche Gesellschaft. Besonders die physiognomischen Schriften des Schweizers Johann Caspar Lavater (1741–1801) verbreiteten sich europaweit und beeinflussten nicht zuletzt auch die Schriftsteller und Künstler der Zeit nachhaltig. 7 Vgl. zum Beispiel die verschiedenen Darstellungen von Bankiers des flämischen Malers Marinus van Reymerswaele (ca. 1490–1567), darunter etwa De geldwisselaar en zijn vrouw (1539; OÄ l auf Leinwand; Museo del Prado, Madrid) oder Twee belastingontvangers (ca. 1540; OÄ l auf Leinwand; National Gallery, London). 78 Focus on German Studies 24 Nesselhauf 8 Die 1852 von den beiden Brüdern Isaac und Emile Péreire gegründete „Société Générale du Crédit Mobilier“ verspekulierte sich 1866 mit österreichischen Staatspapieren, welche nach der militärischen Niederlage bei Königgrätz rasant an Wert verloren. Heine hatte sowohl Kontakt mit Emile (Mende 251ff.) und besaß 1855 kurz vor seinem Tod zwischenzeitlich sogar Aktien der Bank (259), erlebte den Zusammenbruch aber nicht mehr. Die erst 1878 von Paul Eugene Bontoux gegründete Bank „Union Générale“ bricht durch riskante UÄ berspekulationen und gefährliche Kursmanipulationen bereits 1882 zusammen — mit verheerenden Folgen für die oftmals einfachen Anleger und Kleinsparer (Aliber/Kindleberger 74f.). 9 In der deutschen UÄ bersetzung von Leopold Rosenzweig: „Je näher die Eröffnungsstunde rückte, desto heftiger flutete der endlos hin und her stampfende doppelte Menschenstrom mit mächtigem Wogen und Brausen durch den Saal. […] Seit Eröffnung des Marktes vernahm man etwas mehr als das hochwasserähnliche, ununterbrochene Brausen des Menschenstromes […]. Zwischen dem Kassamarkt und dem Parkett waren die drei Kommissare auf ihren hohen Sitzen gleichsam die einzigen Trümmer, die aus den sturmgepeitschten Wogen jenes Meeres von Köpfen mit den großen weißen Flecken ihrer aufgeschlagenen Bücher herausragten und durch die raschen Schwankungen der ihnen zugerufenen Kurse bald nach rechts, bald nach links gezerrt wurden.“ (Zola, Das Geld 439ff.) 10 Vgl. zu Heines Aktienkäufen und -verkäufen den Briefwechsel mit seinem Bankier Homberg (exemplarisch Mende 225f., 235, 238, 253f., 259). Zur Verbindung von Kapitalismus und Eisenbahn, vgl. Liedtke („‚…die überwuchernde Macht des Kapitals‘“ 84f.), sowie zu Rothschilds Einfluss auf Eisenbahninvestitionen, vgl. Ferguson (428f.). 11 Das — ausgerechnet in der klassischen und künstlerisch anspruchsvollen Idealform des Petrarc’ischen Sonetts gehaltene — Gedicht erschien erstmals in der Zeitschrift Agrippina (Köln, Nr. 44 vom 9. April 1824, S. 173) mit der redaktionellen Bemerkung: „Aus Göttingen eingesandt“. 12 Dies reflektierte beispielsweise zuletzt auch die Ausstellung „‚Brotloseste der Künste, Poesie!‘ Schriftsteller in Geldnot“ im Herbst 2017 im Düsseldorfer Heinrich-Heine-Museum. 13 „Die Versicherungssumme für sein zerstörtes Haus am Jungfernstieg hat er der Feuerkasse gestiftet, er hat dem Senat einen zinsfreien Barkredit gewährt und sich großzügig an der Unterstützung der obdachlos Gewordenen beteiligt.“ (Liedtke, Heinrich Heine 145) Vgl. zu Salomon Heines Wohltätigkeiten nach dem Hamburger Großbrand 1842 etwa auch Windfuhr (42). 14 „‚Hätt’ er was gelernt, so braucht er nicht zu schreiben Bücher.‘“ (zitiert nach Liedtke, Heinrich Heine 30) — „‚Das ist ja mein Neffe Heinrich, der Dichter‘ und die Hand vor den Mund legend, flüsterte er, ‚die Canaille.‘“ (zitiert nach Raddatz 10f.) — Von Heinrich wiederum ist der Satz überliefert: „‚Das Beste, was an Ihnen ist, besteht darin, daß Sie meinen Namen tragen.‘“ (zitiert nach Raddatz 30) 15 Vgl. einführend zu den Rothschilds als Bankiersfamilie die ausführliche Untersuchung von Niall Ferguson sowie den reichhaltigen Ausstellungskatalog von Aspey/Collard; beide Werke beinhalten auch mehrseitige Stammbäume. 16 Immer wieder lässt er ihr gerade erschienene Gedichtbände — so etwa im Januar 1852 eine Ausgabe des Romanzero (Mende 226) oder im Juli 1855 die Poèmes et légendes (257) — und Werke im Entstehungsprozess zukommen, wie beispielsweise im Juni 1840 Teile des Rabbi von Bacherach (143). 17 Das Gedicht erschien erstmals unter dem Titel „Die armen Weber“ auf der Titelseite des Wochenblatts Vorwärts! vom 10. Juli 1844 und wurde deutschlandweit über verschiedene Flugblätter verteilt. Die von Heine stark veränderte und um eine Strophe erweiterte Fassung „Die schlesischen Weber“ wurde erstmals in der von Hermann Püttmann herausgegebenen Anthologie Album (Brüssel 1847, S. 145f.) veröffentlicht. 18 Ein geradezu ‚legendäres‘ Beispiel dafür ist der Besuch Heinrich Heines bei Johann Wolfgang von Goethe in 79 Focus on German Studies 24 Nesselhauf Weimar: Der aufstrebende Dichter hat bereits zu Beginn der 1820er Jahren seine ersten Veröffentlichungen an den Geheimrat nach Weimar geschickt (Mende 25, 32), allerdings wohl nie eine Antwort erhalten. Als er am Ende seiner Harzreise im Oktober 1824 in die Stadt an der Ilm kommt, wird er kurzfristig bei Goethe vorgelassen, doch die Unterredung mit dem ‚Dichterfürsten‘ scheint eher misslungen — Heine erwähnt den Besuch bei Goethe erst Monate später in einem Brief und stark verklärend dann Jahre später in seiner Schrift Die romantische Schule (1836), so dass davon ausgegangen werden kann, dass der junge (26jährige) Dichter nicht den Zuspruch erhielt, den er sich wünschte und die Begebenheiten daher in späteren Schriften etwas verdrehte (Decker 114ff.). 80 Focus on German Studies 24 Nesselhauf Literaturverzeichnis Aliber, Robert und Charles Kindleberger. Manias, Panics and Crashes. A History of Financial Crises. New York: Palgrave Macmillan, 2011. Assmann, Heinz-Dieter und Karl-Josef Kuschel. Börsen, Banken, Spekulanten. Spiegelungen in der Literatur – Konsequenzen für Ethos, Wirtschaft und Recht. Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus, 2011. Aspey, Melanie und Claude Collard (Hrsg.). 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