Microsoft Word - Final_Hezel_Deutschpflicht.docx focus on German Studies. https://journals.uc.edu/index.php/fogs (ISSN 1076-5697) 98 Issue 29 (2023) Book Review Deutschpflicht auf dem Schulhof? – Warum wir Mehrsprachigkeit brauchen by Heike Wiese, Rosemarie Tracy, and Anke Sennema, Duden Verlag, 2020. 80 pp. $ 11.67 Annemarie Hezel Universität Mannheim & University of Waterloo How to Cite: Annemarie Hezel. “Book Review: Deutschpflicht auf dem Schulhof? – Warum wir Mehrsprachigkeit brauchen by Heike Wiese, Rosemarie Tracy, and Anke Sennema.” focus on German Studies, no. 29, 2023, pp. 98–103. doi: 10.34314/fogs2022.00007. focus on German Studies. https://journals.uc.edu/index.php/fogs (ISSN 1076-5697) 99 Deutschpflicht auf dem Schulhof? – Warum wir Mehrsprachigkeit brauchen by Heike Wiese, Rosemarie Tracy, Anke Sennema, Berlin: Duden, 2020. 80 pp. Annemarie Hezel Das vorliegende Buch Deutschpflicht auf dem Schulhof? – Warum wir Mehrsprachigkeit brauchen vertieft in unter 100 Seiten, warum und inwiefern Mehrsprachigkeit an unseren Schulen in Zukunft stärker thematisiert und gefördert werden sollte. Prof. Dr. Heike Wiese ist bekannt für ihre Publikationen zum Kiezdeutschen, Prof. Dr. Rosemarie Tracy ist Expertin für Mehrsprachigkeit und Spracherwerb und Dr. Anke Sennema forscht in den Themenbereichen Deutsch als Zweitsprache (DaZ) und Deutsch als Fremdsprache (DaF). Die drei Autorinnen liefern mit aufschlussreichen Erkenntnissen aus ihren jeweiligen Forschungsgebieten einen abgerundeten und perspektivenreichen Überblick zum Thema Mehrsprachigkeit im Bildungskontext und regen die Leser:innen gleichzeitig zu einer intensiveren Auseinandersetzung mit dem Thema Sprache im Allgemeinen an. Das Buch ist inklusive der Einleitung und der Schlussbemerkung in fünf Kapitel gegliedert, welche thematisch aufeinander aufbauen und schrittweise zu dem zentralen Anliegen der Stärkung von Mehrsprachigkeit an Schulen hinführen. In der Einleitung wird hervorgehoben, wie die Sprachwahl eines Menschen mit bestimmten Wertvorstellungen in Verbindung gesetzt wird. Unsere Wahrnehmung und Einschätzung einer Sprache oder Sprachvarietät ist nicht nur abhängig von Faktoren wie dem sozialen Prestige, sondern auch unmittelbar an Vorurteile und Stereotypen gegenüber bestimmten sozialen Gruppen geknüpft. Als Beispiel wird angeführt, dass die Verwendung des Hochdeutschen in der Regel mit einem höheren Bildungsgrad gleichgesetzt wird, während der Gebrauch eines Dialekts meist Assoziationen mit einem niedrigeren Bildungsniveau hervorruft. Über das ganze Buch hinweg illustrieren focus on German Studies. https://journals.uc.edu/index.php/fogs (ISSN 1076-5697) 100 konkrete Beispiele die beschriebenen Konzepte, Phänomene und Methoden. Diese Veranschaulichungen leisten einen wichtigen Beitrag, um die Argumentation nachvollziehen und verstehen zu können. Bereits in der Einleitung wird die Forderung nach einer Deutschpflicht auf dem Schulhof infrage gestellt. Befürworter:innen einer solchen Regelung wollen dadurch gegenseitiges sprachliches Verstehen aufrechterhalten, die Identitätsbildung der Schülerschaft verbessern, einen Zerfall in Kleingruppen verhindern und häufiges Code-Switching unterbinden. Die Autorinnen sehen solch eine Verpflichtung allerdings äußerst problematisch und betonen stattdessen, dass die Thematisierung und Wertschätzung eines umfangreichen sprachlichen Repertoires an Schulen sowohl Lernprozesse als auch den sozialen Umgang miteinander verbessern können. Im Mittelpunkt des zweiten Kapitels steht die Frage, ob Einsprachigkeit der Normalfall ist. Dies wird ausdrücklich verneint, indem ein prägnant formulierter historischer Überblick über die Rolle der Mehrsprachigkeit in Europa, welche bis ins Mittelalter zurückverfolgt werden kann, dargelegt wird. Des Weiteren wird konstatiert, dass die Mehrheit der Weltbevölkerung mehrsprachig ist, wobei der Begriff der Mehrsprachigkeit nicht nur verschiedene Sprachen, sondern auch Dialekte inkludiert. Die Sprachlandschaft in Deutschland wird dennoch von vielen als „monolingualer Habitus“ (16) charakterisiert. Solch eine Einschätzung legt Deutschland als einsprachig fest, wobei das Standarddeutsche als leitgebender Maßstab vorausgesetzt wird. Die Autorinnen sprechen sich gegen eine solche Auffassung aus und beschreiben das sprachliche Repertoire eines jeden Individuums - wozu Stile, Register, Dialekte und Sprachen gehören - als dynamisch, anpassungsfähig und kontextabhängig. Außerdem wird die fehlerhafte Vorstellung einer „doppelten Halbsprachigkeit“ (25) ebenso wie die Auffassung, dass sich Heritage-Sprachen negativ auf die deutsche Sprachkompetenz auswirken, widerlegt. Unter dem Begriff Heritage-Sprache versteht man die zuerst focus on German Studies. https://journals.uc.edu/index.php/fogs (ISSN 1076-5697) 101 erworbene Sprache einer Person, die in einem Umfeld aufwächst, in welchem die Mehrheitsgesellschaft eine andere Sprache spricht. Die Autorinnen befürworten den Erhalt und die Einbeziehung von Heritage-Sprachen in Schulen und thematisieren sowohl kognitive als auch gesundheitliche Vorteile einer Mehrsprachigkeit. Im nächsten Kapitel entkräften die Autorinnen den Mythos eines Zusammenhangs zwischen Mehrsprachigkeit und schlechteren Noten in der Schule. Die Annahme einer Korrelation zwischen der Mehrsprachigkeit und mangelnden Deutschkenntnissen wird schon deshalb angezweifelt, weil der sprachliche Standard des „Bildungsbürgertums“ als Ausgangspunkt vieler Sprachtests genommen wird und dieser laut den Autorinnen ein falscher ist. Die Autorinnen weisen stattdessen bei der Evaluation von Deutschkenntnissen beispielsweise auf die Relevanz des sozioökonomischen Status hin. Appelliert wird zudem an die Akzeptanz sprachlicher Heterogenität und an den Ausbau ausreichender kommunikativer Möglichkeiten, welche aufgrund der hohen Anzahl an Schüler:innen in den Klassen oft zu kurz kommen. Die Autorinnen sehen in der Integration von in Deutschland weit verbreiteten Sprachen, wie etwa dem Türkischen, in den Fremdsprachenunterricht eine Chance, Vorurteile gegenüber Heritage-Sprachen zu beseitigen. Des Weiteren warnen Wiese et al. vor einer im Bildungskontext äußerst problematischen, aber dennoch vielfach verbreiteten Dichotomie von „deutsch“ und „nicht-deutsch“, die auch mit einer ethnischen Ausgrenzung von Schüler:innen einhergeht. Das abschließende Kapitel „Wie Mehrsprachigkeit Schulen stärken kann“ liefert eine Reihe an praktischen Vorschlägen für eine effektive Integration von Mehrsprachigkeit in den Schulalltag. Die Autorinnen zählen dabei die folgenden Maßnahmen auf: die Toleranz gegenüber dem Codeswitching in Relation mit dem Translanguaging, mehr Gelegenheiten für Sprachmittlung und die Durchführung von Immersionsprogrammen, eine enge Kooperation zwischen Schule und Elternhaus, was focus on German Studies. https://journals.uc.edu/index.php/fogs (ISSN 1076-5697) 102 unter anderem den Einbezug von Heritage-Sprachen in den Schulalltag begünstigen soll und nicht zuletzt die Ausdehnung von kommunikativen Situationen im Unterricht. Obwohl die Vorschläge nur in sehr komprimierter Form angeführt werden, gelingt es den Autorinnen, ihre Ideen effektiv und nachvollziehbar zu kommunizieren. Die wohl innovativste Forderung der Autorinnen ist die Etablierung eines Schulkurses „Sprache“, welcher bereits in der Grundschule eingeführt und später in der weiterführenden Schule vertieft werden soll. Im Rahmen dieses Kurses soll der Fokus auf sprachwissenschaftlichen Themen, Minderheitensprachen, dem Gebrauch unterschiedlicher Stile und Register, dem Codeswitching und den unterschiedlichen Wirkungen sprachlichen Handelns liegen. Sinnvoll erscheint solch ein Kurs nicht nur aufgrund einer allgemeinen sprachlichen Sensibilisierung, sondern auch, weil Kinder dadurch über Mehrsprachigkeit und Sprache so aufgeklärt werden, dass bereits im jungen Alter der Verbreitung von Vorurteilen und falschen Annahmen gegenüber sprachlicher Diversität entgegengewirkt werden kann. Alle Vorschläge der Autorinnen sind zweifellos begrüßenswert, jedoch stellt sich die Frage, inwiefern diese in der Realität umgesetzt werden können. Für viele Ansätze bedürfte es einer Umstrukturierung des bestehenden Schulsystems, was flächendeckend in Deutschland nicht zuletzt aufgrund der Souveränität der einzelnen Länder in Bildungsfragen nur sehr schwierig realisierbar scheint. Gerade weil die Bildungshoheit bei den Ländern liegt, ist es beinahe unmöglich, bundesweit einheitliche Regelungen einzuführen. Des Weiteren ist es aufgrund der in weiten Teilen fortbestehenden Perspektive eines monolingualen Habitus in Deutschland sowie einer zunehmenden Spaltung zwischen „Deutschen“ und „Nicht-Deutschen“ teilweise schwierig, bestimmte Neuerungen einzuführen. Beispielsweise ist fraglich, inwiefern die Einführung der türkischen Sprache als Fremdsprache, welche im Vergleich zum focus on German Studies. https://journals.uc.edu/index.php/fogs (ISSN 1076-5697) 103 Englischen oder Französischen ohnehin ein niedrigeres soziales Prestige genießt, auf Anerkennung stoßen würde. Obwohl konkrete Vorschläge hinsichtlich der praktischen Umsetzung zu kurz kommen, liefert das Buch insgesamt ein gut durchdachtes, überzeugendes und zeitloses Plädoyer für die Thematisierung von Mehrsprachigkeit im Bildungssektor und leistet folglich einen wichtigen Beitrag für die sprachliche Sensibilisierung der Leser:innen. Das Buch eignet sich auch hervorragend für diejenigen, die sich nicht auf akademischer Ebene mit Mehrsprachigkeit auseinandersetzen, sich aber dennoch einen Überblick über die Relevanz und die Chancen einer Förderung von Mehrsprachigkeit in Schulen verschaffen wollen. Die leichte Zugänglichkeit zum Text wird durch die verständliche Sprachwahl und den überwiegenden Verzicht auf Fachtermini erreicht. Außerdem bildet die Methode, einen sprachlichen Mythos darzulegen und ihn unmittelbar zu entkräftigen, eine wiederkehrende Struktur, die sich durch das ganze Buch hindurchzieht. Zwar fokussieren sich die Autorinnen auf die Mehrsprachigkeit im Kontext deutscher Schulen, die grundlegende Argumentation ist hingegen eine universale. Zentral ist die Fragestellung, wie wir als Gesellschaft Mehrsprachigkeit bewerten und wie wir die teilweise tief verankerten Vorurteile und Stereotypen so beseitigen, dass wir Mehrsprachigkeit als das erkennen, was es ist: ein Phänomen, welches Toleranz, Kreativität und Flexibilität hinsichtlich sprachlicher Diversität ermöglicht.