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Frankfurt : In~I , 1993. Die Komposition der Kisch-Reportage in Paradies Amerika Ana Djukic-Cocks .... ls 1930 der Reportageband p(lrad,esAmerika in Berliu erschienen D! ist, kannte bereits jedermann seinen Autor. Egon Erwin Kisch. Noch als Lokalreporter in Prag machte er sich 1913 einen Namen, in­ dem er die Spionageaffäre um Oberst Redl enthüllte. Weltberühmt wurde er 1924 nach der Veröffentlichung des Reponagebandes Der raset/de Reporter, der seitdem zu seinem ßeinanlen geworden ist. Er galt als der Reporter der "Neuen Sachlichkeit," der seit Anfang der zwanziger Jahre seinen festen Wohnsitz in Berlin haue, bis er in der Nacht des Reichstagsbrandes wrbahet, in den Kerker geworfen und au f Ersuchen der tschechjschen Regierung nach Prag abgeschoben wurde. Es folgten 13 Jahre des Exils: zunächst Aufenthalt in Frank­ reich, dann Teilnallme 3m Spanischen Bürgerkrieg und nach dem Aus­ bruch des Zweiten Weltkrieges Übersiedlung nach Mexiko. Nur zwei Jahre nach der Rückkehr aus dem mexikanischen Exil ist Egon Erwin Kisch am 31. März 1948 in seiner Geburtsstadt Pmg verstorben. Obwohl die Sekundärliteratur über Kischs Leben und Werk i.n den letzten zwei Jahrze hnten gewachsen ist, fand der Band Paradies Amerika lediglich als Teil einer thematisch breiteren Arbeit Beachtung. 1 Die meisten Diplomarbeiten und eine Dissertation aus der ehemal igen DD R zum T hema der Komposition der Kisch-Reportage sind unge­ druckt geblieben.1 Zur Gattung Repo rtage bei Kisch gibt es mehrere grü ndliche Studien sowohl aus dem östlichen als auch aus dem west­ Ijchell Teil Deutschlands.' Nachstehend wird lediglich die Komposition der Kisch.Reportage in seinem Band Paradies AmerIka untersucht. Die Komposition eines literarischen Werkes ist Bestandteil der künstlerischen Form. Darunter versteht man allgemein den Aufbau der Arbeit, die Disposition, die Art und Weise der Anordnung größerer oder kleineren Sinnein beiten, die zu ei nem Ganzen zusammengefügt werden. In halt und Form stehen somit in wechse\c;eitiger Beziehung, FOCIIJ Oll Lifrraf l/r Val. J, No. \ (199.) FOCU5 on Li/eratur wohei dem Inhalt die bestimmende RaUe zukommt. Die Komposition der Reportage wird vom Wesen des darzustel­ lenden Inhalts und von der Funktion der Reportage bestimmt. Da die Bausteine der Reportage T lmachen sind, geht es bei der Komposition einer Reportage um die Art und Weise der Anordnung und Verknüp­ fung dieser Einheiten. Von der kompositorischen Gestaltun g, die dem Inhalt und der Funktion der Reportage direkt umerliegt, hängt deren Wirku ng ab. Bei der Einzeluntersuchung ist die Reportage als einheitliches Gan7cs aufzufassen. Die Idee der Reponage bildet den zentralen Punkt, auf den sich alles zu beziehen hat. je besser der Reponer das dal"Zuslel· lende Material kennt. d. h. je tiefer er in die Wirklichkeit eindrtngt und die Zusammenhänge einzelner Vorgänge dar.Uls erfaßt, um so klare r wird seine Idee. Um diese Idee wi rkun gsvoller zu machen, muß er die ell1zelnen Elemente der Reponage kompositorisch miteinander sinnvoll verknü pfen und sie künstlerisch zu einer Iltllldlung gestalten. Als Begründer des Genres "litenrische Repoluge" und deren uno übertroffener Meister gilt bis heute Egon Erwin Kisch. Mil41 Repor­ tagen des Bandes Parad,es Amerika zielte er auf die Zerschlagung der Illusionen des in Deutschland heftig propagierten Amerikanismus. Die gezielte. auf die Emhüllung des Wesens gerichtete Komposition wird in diesem Reportageband zum allgemeinen Gestaltungsprinzip Kischs. Dieses Prim.ip hängt eng mit seinem ideologischen EntwicklungsSland in der 7wellen Hälfte der zwanziger Jahre zusammen. Kisch, der seit 1919 der KommullJstischen Partei Ö~lerreic h ~ angehörte, bestand bl~ Milte der zwanziger jaJlre auf dem Ohjektivismus und Un\'oreigenom­ menheit des Reporters. "Der Reporter hat keine Tendenz, hat nichts zu rechtfenigen und hat keinen Standpunkt. Er hat unbefangen Zeuge zu sein und unbefangene Zeugenschaft zu li efern," stein im \1on\'on zu seinem wohl beb,nnteslen Band Der rasende Reporler. Kisch seihst hat durch die Auswahl sei.ner Stoffe und durch seine Schreib weise die These VOll einem "standpunktlosen" Reporter widerlegl. Als entschei­ denden Wendepunkt in seinem Schaffen bezeichnete er das jah r 1926, die Zeit seiner ersten Rußlandreise. Im darauffolgenden Jahr erschien der erSte Band se iner Rußlandreponagen Ztmm, Popen, Bol.schewlkrm. Neu ist daran, daß er von seinem früheren Standpunkt der "Tendenzlo­ sigkelt" und neusachlichem Objektivismus Absclued nimmt und .. ich voll und gan7 zum Prinzip der "sozialen Erkenntnis" bekenm.4 Im Artikel "Soziale Aufgaben der Reportage" erläuten Kisch, daß Kisch-Reponage in Parad,es Amerika 25 ·jeder Reporter, will sagen der SchriftSteller und Journalisl, ~'elcher Umstände oder Begebenheiten um ihrer selbst Willen aus eigenem Augenschein wahrheitsgemäß darzustellen sich bestrebt" habe, ~etzt­ endlich "bei dieser empirischen Beschäftigung wohl oder übel zu emem Endergebnis gelangen" würde, daß alle ·scheinbar so heterogenen Ereigmsse und das von ihnen und durch sie her\'orgerufe~le ln~eresse auf gemeinsamer Basis fußen."\ Kischs Liebe zur Sa~hll.chkelt. und Wahrheit, ergänn durch Willen zur sO"l.lalen ErkenntniS fllld~~ Ihre~l Niederschlag im Parad,es AmeTllra. Kisch verhehlt sein: Par:eiltchkelt durchaus nichl und, wie Michael Geisler bemerkt, "es Ist diese Partei­ lichkeit, welche dem Buch se ine Schärfe lind aggressive Brillanz ver­ leiht" (266). Schon der ursprüngliche irollische Titel des Buches Ego,. Erwm Ki5Ch beehrt Sich daTZllb,etm: Parad,es Amenka signalisiert. Kischs klare Absicht hinter die Kulissen der amerikanio;:chen Wirklichkeit zu schauen ~nd die Illusion des Paradieses zu zerstören. DiNer Schlenstedt interpretiert. ihn als einen ironischen "mit dem FiLnankün­ digungsSlil spielende[nl Titel" (299). Ähnlich sieht a~ch Erhard Sc.hlitz darin die Imitation der "damals gängigen Ankundlgung und Prasen­ tation vo n Filmen" (102). Es stein außer Frage, daß die Enl\ncklung der Form und Kompo­ sition der Kisch-Reponage ohne die Voraussetzung des Mediums Film nicht zu denken ..... äre. Kisch be\'orzugte das Auswahlpnnzip im Sinne des Films: Großaufnahme, Abblenden (damit verschiedene Stadien der Deutlichkeit erreichend). Schnitt, Montage. Die von ihm ange­ wandte Montagetechnik leitet o;;lch direkt aus der Absu:ht her, den Film literarisch 7U imitieren. In ellle!ll Intef\'iew f\ir die Prager Zeit­ schrift "Imernalionale Filmschall~ \'om 10. O klohe r 1927, in welchem el'" sich über die 7eilgenössischen Filme äußerte, sagte Kisch. unter an­ derem, folgendes: Der Ruttmann-l;llm MBt'rlin, die Sinfonie COllier Großsladt~ wdl das auf die Lcoinwand prolilieren, wa.~ Ich seit Jahren in der Lite!':llUr versuchl habe: die konslruiertt' Ilandlung durc h einfaches Tatsachenmaterial zu ersetzen, die Spannung durch kontrapunktorischr- Gegenüberstellung von sOl.jalen und ästhetISchen GegemJtzen herzustellr-n.' Die Reportagen des Bandes Parad,es Ammka zeug~n davon, daß Kisch eine ganze Palette \'on T~hnikell fllnuscher Be~lch~e~taltu~g beherrschle, sie gehen, l':ie Ulnch Ou b~rnerkt hat, "eil ubcr die roms on Llterat"r Ebene bloßer Faktogr2phie hinaus" (206). Kischs Stärke war in Aufrin­ dung des Stomichen, im Konkreten und Autbentischen der Darstel lung. Wo immer es jedoch der Veranschaulichung diente. scheute er nicht davor zurück, solche spezifische künstlerische Mittel zu wählen, wie phalH:J.stlsche Fiktionen. Wenn diese Millel dem Inhalt ellt­ spnchen, wie zum Beispiel in der Episode, in welcher sich der liebe GOtt in Ilollywood umschaut, um zu sehen, was so aus den Ge­ schöpren geworden ist, die er nach seinem Ebenbilde gemacht halte. So mischen sich im Band die Form der sachlich-objektiven Dokumen­ tarliteratur und die Form der Prosadichtung. Insgesamt 5 Reportagen widmete Kisch der "Traumfabrik" 1101- Iywood, die nicln hintereinander abgcdmckt, sondern "kompositorisch ei ngestreut" sind-"wie \'(/erbespots in da~ Programm" (SChÜ17 110). lkoi näherem llmsehen stellt sich ebenralls heraus, daß auch <.1.e anderen Reportagen, die anscheinend ohne jedes Ordnungsprinzip aneinander­ gereiht sind, doch in einem ideologischen Kontext IIItegnert sind. Als Kisch die Vereinigten Staaten vom Oktober 1928 bis April 1929 besuchte, standen sie noch im Ruf, das Land der eWigen Prmperi­ tit zu sem. In DeUlschland glaubte man in den USA die Garantie der eigenen Zukunft jenseits VOll Klassen zu sehell. Die IInmense Kapital­ kraft dieses Landes, der relative Wohlstand ~iner Arbeiter und 3m meisten die Prognosen der rationaliSierten Technik legten nahe, daß eine T ransfonllaLion des Kapitalismus aus~inelll gegenwärtlgschlec.h­ ten Zustand In eine schöne Zukunft möglich wäre, ohne den Weg der gefürchteten Re"o lut ion gehen zu müssen. Noch bevor der Börsen· krach vom "schwarzen Freitag" die Stabilität erschütterte und die Träume von unbegrenzten Möglichke iten zerplatzen ließ, enthi.il lte Kisch das andere Gesicht dieses Amerikas, die rücksichtslose Spekula­ tion, die bis zum Wahnsinn gesteigerte Pro filgier, die Ausbeutung der Arbeiter mit :lJl ihren Folgeerscheinungen wie Arbeitslosigkeit und Elend, die I lerabwürdigung des Menschen zum Objekt der Spcku­ l:nion und die Zerstörung seiner Individualität. Die äußere Form des Bandes ist einfach: Ein allwissender Ef7ähler macht den Leser am Anfang des Buches mit dem I leiden bek:mnt: "Der Doktor Becker, so sei unser Mann gen:mllt, ist mit schwankenden Gefü hlen an Bord des englischen Passagierdamprers" (7).' Diese fiktive Reporterfigur reist durclI Amerika, macht die gleichen Stationen wie Kisch (New York. Phillldelphia, WashingLOn D. c., HolI)'wood, De­ troit und ChicllgO) und erzählt über seine Reiseeindrucke und ·erleb- Kisch.Reportage in Parad,es Ammk.:z 27 nisse. Es gilt jedoch, die für jede literaturwIssenschaftliche Analyse grundlegende Unterscheidung 1,wischen Autor.' Erzähler und hteran­ scher Figur i.m Auge zu behalten, um zu vermelden, daß den amerIka­ bezogenen Äußerungen des SchriftStellers derselbe Stel.l~nwe,: z.uer­ kannt wird wie den entsprechenden Kommentaren selller rlkll\'en Figur Dr. Becker. Als weitere Berichterstllller treten noch ein "ich," "wir" und -man" auf. Für den Beginn einer Reportage nutzt Kisch lllle Möglichkeiten, den Leser auf das Thema vorzubereiten und 11m emotion:tl einzusum­ men. Zum Beispiel: dozierend-"Die Kaugummifabrikanten behaup­ ten: Zentralarnerikas Ureinwohner hätten die harzartige Absonderung des Sapolillbaumes (ach ras sapou) auf ihren Jagdzügen un Munde gehalten, um die S~eichdbildung zufördern un.,d solcher~ den Durst z.u überwIllden. Diese Behauptung Ist unwahr (142); marchenhah­ "Es war einmal vor vielen, vielen Jahren, als es auf der Erde noch überhaupt kein Kino ga.b ... " (189); witzig-"Eines Tages hatte der liebe Gott schlecht gesdllafen, und sich übellaunig im Bette wälzend, vernahm er die Gebete der Menschen" (12::\); einfach--Auf Wunsch bleibt die Straßenbahn nutten auf der Queensborougb Bridge stehen" (59); reporterhaft-"Es war der Tag, an dem Doktor Bec~er ~ Chl­ C:Jgo angekommen war. Die Interviewer hatten kaum sem ZImmer verlassen, als ihn eine Redaktion ankhngelte, ob er eUle Gaslreponage über die heute :Jbend stattfindende Hinrichtungschreiben wolle" (185); oder sarkastisch: Der weiße Mann hat die Neger zur Annahme des Christ· entums veranlaßl, indem er sie lehne, alle Menschen seien Brüder und solhen ein:tnder lieben; der weiße Mann hat den Negern den Schnap~ beigebracht, auf ~ sie den lichten Söhnen der Kullurgleichen. Und ;/I1s e5sowelt "Q.f3r, ve~'en­ deteer dIe Negel"" als unbezahlte oder ~tahlte Sklaven, wIe er es vorher getan, stieß sie aus seinen Wohnbcllrken und nahm ihnen so~;a.rden mühsam beigebrachten Schnaps. (48) Andere Einstiege sind ironisch, deskriptiv, den Ort oder den Tag beschreibend oder memoiren haft angelegt. Kisch beginnt seine Repor­ tagen ohne lange Umschweife und steuert direkt auf die Idee zu. Die Reportage "Getreidebörse" beginnt mit dem ~at7.: "Deme ~cbe.~sl·5, die verhandelt ("er~handelt) wird aur der Clucagoer Getreldeborse, Board ofT cade of ClUcago, dem entsCheidenden Platt des ErdlWls" (24 J).' 40 /'oms on Ltlerdlllr Inde~l de.,. Reporter den Leser mit "du" anredet, zieht er ihn bewußt auf dlC~ Seite der Betroffenen und deutet somit den ideologischen Blick­ punkt an. Für seine Sl~tegie ,der Desillusionienmg bediente sich Kisch gerne der Form.,der ~atlre. ~I~ Reportage "' ndi\'iduaJitäl, erzeugt Olm laufen­ den, Band bCgllUlllllJt: KJar. daß Me Sears seine gedruckte Biographie bes'tz~. denn, er hat em großes Geschäft gemacln und ist daher ein Herrlicher, ein Nachahmenswerter. flören wir, wie das Genie in Me ~ears erwachte. _ ." (tU). Dieses "klar" deutet auf eine Selbstverständ_ lichkeit der amerikanischen lebensaurfassung, den Maßsl2b. mit dem d,er \'(Iert des Menschen gemessen wird: Mr. Sears ist ein J lerrlicher, ein Nacltahnlenswerter, 'Wf!d erem großes Geschäft gemacht hat.' Nach­ dem er den Leser mit einigen Sl'llistischen Daten VOll "Sears & Roe­ buck" bekannt gemachll~at. :en~e~ er sich nun dem Katalog 7U, "dem Namenskataster der Nation, wei l Jeder dort etwas einmal bestellt ha­ ben muß, und schild~n. ironisch die Folgen für denjenigen, der nicht zu den Kunden des fleslgen Warenhauses gehön: Dann I~t er sein! laus vom Baumeistel"" bauen und nicht vom Post ... ersandhaus, dann kauft er seine Bücher beun ~uchhändler und seine Bilder beim ßilderhändler ... dann Ist ~r also ein Bolschewik geworden, einer von jenen öden Gleichmachern, dann hat er aufgehört, ein freier Ameri kaller. etn lndt .... idualist zu sein, l\'ie es alle anderen mit der­ sel~n Individualität sind. (116) . Kisch nahm sich mit besonderer Liel~ vor die IndividuahtälSidee In.der amerikanischen Gesellschaft zu verspotten. Den Zeitschriften mit den Namen " lndi~iduaJity~ un~ "Personality," der all gemeinen Vorstellung, der Amerikaner sei frei, weil er ein "Individualist" kein "Bolschewik" ist, stellt er den herrschenden Standard in allen ScI;ichten und G~genden gegenüber, in welchem die Rede von der Individualität als soz.lale Phrase wirkt: (Die Amerikaner} lesen genau dieselben niveaulos aufge­ machten Zeitungen, genau dieselben hirnverbrannten Maga 7.llIe, dlesellx-n phantasielos-abenteuerlichen K urzgeschich­ len, alle sehen dieselben Kit~hfilme. und 311e hören das uniformiene Programm des Radios, des Grammophons und der Sonmagskirche. (94) ltIsch-K.eportage III I~arad,es AmenRa Eine der obligatorischen Besuchsstauoneo deI"" BerichteTSlauer aus Amerika in den zwanzigel"" Jahren war Detroit, Hauptstadt der Auto-­ mobiJindustrie.lm November 1923 ist in Deutschland die Übersetzung Mein Leben und Werk von Henry Fords Buch erschienen. In kUr2er Zeit wurde das Buch z.um Bestseller und löste eine Bewunderungswelle aus. IO Besonders großes Echo fand Fords These im Lager der Weimarer Koalition sowie der Unternehmer, Techniker,Ingenieure und Gewerk­ schaften, die besagt, daß sich in einer nOlch kapitalistischen Prinz.ipien organisierten Gesellschaft mit ei.ner auf der Grundlage des T aylorumus rationalisierten und optimierten Produktion alle soz.ialen Konflikte lösen ließen_ Diese Vorstellung weckle sowohl beim liberalen Bürger­ tum, als auch bei konservativen Nationalökonomen die Hoffnung auf einen "Weißen Sozialismus" (Lethen 20). I linzu ging Fords eigene Karriel""e vom Farmersohn zum Automobilkönig der Erneuenmg und der Fasz.intioll des "American Dream" in Deutschland an die Hand. Noch bevor der Ford-Mythos durch den Ausbruch der Weltwirt­ schaftskrise zerstön wurde, schrieb Kisch seme lndustl""iereportage "Bei Ford in Delroit" (259), in der er die Kehrsene des Ford-Betnebes ent­ hüllt. Die Reportage bestell[ ;1U$ 13 ~Iomemaufnahmen, In denen Henry Ford nicht als "Diener an der Allgemeinheit," sondern als \\'ill­ kürlichel"" Herr dargestellt wml. Der ganz.en Belegschaft Wird das Rauch\'erbot aufgez.wungen, weil Mr. Ford kein Raucher 1St. Der Satz., "Mr. Ford ist Nichtraucher," Wird mehrmals Wiederholt und durch neue Informationen ergänzt, wodurch eine kontinuierliche Steigerung erzeugt wird. Einleitend hat der Leser erfahren, daß Ingemeure und Beamte in deI"" Cafeteria zu Mittag essen. Nun erfähn er, daß sich die Arbeiter ihr Essen von den Nahrungsmillelkarren holen müssen lind in deI"" Reihe stehend die Häl fte ihrer ohnehin spärlich bemessenen Miu~gs­ pause vergeudcn mÜSsen. Aus Mangel an Bänken und Stühlcn verz.erren sie ihre Verpflegung innerhalb der MomagehaUen "stehend oder auf der Erde kauend» (260). Kischs Kommentar über die<;e Zuständen lau­ tet: "Denn Mr. Ford ist nicht nur Nichtraucher, sondern el"" ist auch Nichtslaffimgast der Nahrungsmillelkarren" (260). Weiler durch die Hallen gehend reglstrien der Be<;ucher. daß die Arbeiter in ihrer Alltagskleidung arbeiten und so \·erschwnz.t und \"er­ schmulzlll3ch I lause gehen. Der Gnmd: an Stelle von ah~chließbaren Fächern stehen ihnen lediglich unbewachte Garderoben mit Kleiderbügeln zur Verfügung. Außerdem gibt es nicht genug sanitäre roctl.s on LtieralUr Anbgen. Die Feststellung dieser Mißstände beendet K..isch Jenmo­ tivisch: "Denn l\lr. Ford ist nicht nur Nichtraucher und Nichtst:unm­ g-a5t der K-arren, sondern auch Nicht-Kleideableger und Nichtbenutzer der Aborte in seinen Werkstätten" (260). Den Ilöhepunkl der Reportage bildet die Beschreibung des Iler- 5lellung~prozesses am Fließband und der dabei herrschenden ArbeItS­ verhältnisse. Erneut setzt Kisch l\tiuel der Komrasllerung VOll Schein und Sein erfolgreich ein. Der äußere Schein der sauberen und glän­ zenden rvlaschinenanlagen und des laufenden Bandes, das ·wie ein Alpenbach funkelt" erweist sich bei der näheren Anlayse al~ trügeri~ch. Die ArbeiLSplätze sind aufs Äußerste knapp bemessen, m daß die Arbei­ ter, die "knapp vor dem Gesicht des linken Nachbar~ die Behandlung des Stückes in Angriff nehmen, unm inelbar vor dem Ge<;icln des rechten Nachbars vollenden müssen n (264). Die durch den Einsatz des Fließbandes ("Final Assembly Line") gepriesene Rationalisierung des Arbeitsprozesses Wird von Kisch als Ilöhepunkt der Emmenschlichung geschildert. Die Redu71enmg des ArbeiLSellls:llus auf elllen Gnff-Kisch veranschaulicht dies durch das sechsfache \X'iederholen der Formel "ein Griff nach der Ketle" {264}­ hat zu der \·ölligen Verdinglichung des Men~chen geführt. Mensch und Maschinen sind nur noch eines, wobei die führende Rolle der Maschine zugeschrieben wird. ·Jetzt zeigt sich, daß das Fließband das Tempo der Arbeit bestimmt, nicht aber die Arbeil das Tempo des Bandes" (265). Die Diskrepanz zwischen dem In Deutschland pro­ pagienen Fordlsmus und der Wirklichkeit in den Ford-Werken ist so groß wie der Unterschied zwischen Alpenbach und Fließband. Die von Kisch efolgreich eingesetzte Montagetechn ik im Dienste der Elllhi.illung wahrer Zustände wird später von Günter Wall raff in seinen Indlmnereportagen Anwendung finden. Es war Kischs unbe­ irrbarer Mut, sich um der Wahrheit Willen sogar in Gefahr 7U begeben, der Wall raff so beeindruckt und beein nußt h atte. In dem 1977 erschie­ nenen Aufsatz "Kisch und ich heute" schrieb Wallra(f: Er (Kisch] scheut die Beriihrung mit dem ·Schmutz der Epoche~ nicht, sondern er sucht sit" ständig: In Asylen, Ge­ fängnissen, F;abriken, Vorstädten, Börsens31en. Und wenn er sich mit Repriisemanten der Oberschicht einbßt, dann nie wie herkömmliche Reporter, ihnen nach dem Munde redend, sondern um Sie in ibrer Funktion zu entlm·en. (100) Kisch-Reportage 111 ParadIes Amtrtka .\1 Ein anderes, von K..isch Immer wieder aufs ne~e aufgegriffenes Thema ist der Strafvollzug. Seit seiner Anfängenelt In Prag hat er sich für einen humanistischen Strafvollzug emgese1zt_ Insgesamt 5 Re­ portagen sind diesem T~lemenk~l11pl~x ~ewidmel. Am Beispiel der Reportage "Vierzehn Dmge III SIIlj?, SIIlt? (274) s~lI veransch~u;llcht werden, wie Kisch den praktizierten Stufvollzug 111 den Vereinigten Staaten demaskiert. . Die Komposition der Reportage ist bis 1115 ein7.e1ne Detail auf die Emhüllung des Wesens dieser Erscheinung gerichtet: Beretts durch den einleitenden SaLZ wird der Leser darauf vorbereitet, lunter der goldglänzenden Fassade eben das Gegenteil zu erv.~~rten. "Wir wi~~n nicht, warum das Ginertor, das von den Kamle lraul1len aus ab"arts führt, goldgestrichen iSt, wir treten ein durch das goldgestnchene Tor und sind starr vor Enlset7.en" (274). . Es folgt die Beschreibung der l laftanslalt, die den Ha~pttell ~er Reponage bildet. Kisch beginnt mit dem äußeren E~chel~ungsblld der Gebäude und j?,eht langsam auf die Lebens- und A rbettsbedingungen der Gefangenen über: Der Felsen ist kein naturlicher Felsen: vor hundert Jahren 9..urde er aus grauem Stein aufgerichtet, solcherart, daß die Höhlungen frei bliebt"n, nicht erst gehackt werden mußten. Diese Arbeit leiSleten Sträflmge. nellelcht Diebe, '·Iellelcht Räuber, vit"lleicht Betri.iger und \'ielleicht Meuchelmörder. an jener Stelle des Hudsonufers, ..... 0 t"inSl die Smck-SlI1ck­ Indianer bestohlen, beraubt, betrogen undgt"meuchelt wor­ den waren von Menschen, die sich und Ihren Na.chkommen d;ldurch Reichtum, Macht, Ehre und Su.ndesbewußtsem und vor allem das Recht errungen hauen, Verbrecher un­ nachsichtig zu strafen. (274) Jedes Wort dieser Mittei lung ist sehr durchdacht ~cwählt. D.ie volle Bedeutung der Informationen wird in deren Bez.lehung zuemander klar: D ie Taten der SträfliJlge sind mit dene n der Vorfahren herrschen- der Klasse vergleichbar. . Anschließend gibt Kisch eine Beschreibung der Ze~len und der~n Einrichtung: -Darin ist ngsüber ein KJappbeu und em ~chemel, I~ der Nacht auch ein mit Exkrementen gefüllter Eimer und elll Mensch (275). Durch die Reihenfolge der "GegenStände" ,,-ird :mch der Stellen- wen. des Menschen gegeben. rocm on LIteratur _ Den Ilöhepunkt der Reponage bildet die Beschreibung der Hin­ nchtungsstätte, des elektrischen Stuhls, "der den Geist des Mittelalters mit der grö~ten Erfindung der Neuzeit, der Elektri7ität, vereinigt­ (280). Um dIe Abscheu auf den Leser zu übertragen bezieht ihn Kiscb durch Aufforderungen in das Geschehen ein. "Auf diesem Stuhl­ bitte, Sie könn~n ruhig darauf Platz nehmen, der Strom ist nicht einge­ schaltet-auf diesem Stuhl haben schon \'iele Männer und Frauen ge­ sessen- (280). Nachdem der Gefängnisführer seine stolze Demonstra­ tion heendet hat, schließt er die Tour mit den Worten ab: Das ist :'Illes, l','as in Sing Sing sehenswert ist. Ich empfehle Ihnen. dr:l.U&n noch einen Blick zu werfen :auf den m;ajest,;i­ tIschen Iludson, der mIt funkelnden Op;alen Fangball spl(.1t. während druben hmter den herrlichen Felsenpalis3den die Sonne untergeht. dIe Forste stn.hlen. alles Frieden und Frei­ heIt atmet. Es ist eine Lust zu leben. (282) Die Aufforderung das leben zu gen.ie~n, nachdem eine Todeseinrich­ tung g~zeigl wurde, wirkt geschmacklos, wenn nicht sogarempörend. r::>le \'e~schiedene_n komposi~orischen Millel dieser Reportage, \'on der zleigenclllelen Emlellung bl~ zum Schluß, in dem der Leser emo­ tional einbezogen wird, bilden ein geschlossenes System und sind der Idee der Reponage untergeordnet. Je nach Art der Idee und des vorhan­ denen .T atsachenmaterials wähh Kisch die Methode, die ihm geeignet erscheull, das \'(fesen der jewt'i llgen Erscheinung auf7Udecken. . KontraSt ist das wiederhohe kompositorische Millel, das Kisch emsetzt, um seiner Kritik Nachdruck 7U \'erleiht'n. So ste llt er in der Reportage "Friedhof reicher Hunde" (167) dem "Canine Cemetery," dem "feudalste{n] Ilundefriedhof von Amerika" (169), den Armenfried­ hof auf Ilan's Island, gegenüber. Er will "den Gegensat7 z,vischen armen Hunden und reichen Hunden sinnfäl liger hervortreten lassen" (169). Es gelingt ihm durch diese Methode, an Tatsachen wie den hohen Kosten der Grabdenkm:i.lcr und den Grabinschriften für Ilullde die sozIale Problem3tik des Landes sichtbar zu machen: der Friedhof reicher I funde und der Armenfriedhof sind zv,'ei Seiten ein und der­ selben Sache. So schließt Kisch seine Reportage mit der Erkenntnis: "Der reiche Ilund ist hier so begraben, wie er gelebt hat, und drüben auf POllersfield geht es dem armen Menschen ebenso" (171). Kontrast dient auch häufig als Gestahungsform des Schlusses in Jer Kisch-Reportage. $0 schließt die Reportage "Getreidebörse" (243) " mit der Sune, in der die Börsianer die Tauben {ünem. "luvor wa.re~ sie als profitgierige Spekulanten charakterisien, als "Menschen, die den Menschen Wölfe stnd" (250), die rücksichtslos ein paar ~un~ert KJeinbauern nÜnien haben . Der wirkungsästbetische UnterschIed hegt auf der Hand. . .. Kischs Paneilichkeit und Vorliebe zur "soz.ialen Erkennlllls steben im Parad,cs Amt"nka außer Frage. Daß der Band in diesem ide­ ologischen Kontext auch tatsächlich rezipiert wurde, dokum~ntl~ren zeitgenössische Rezensionen. Tucholsky schrieb: "Egon E.rwm ~sch zeigt uns, daß es hohe Zeit ist, die deutsche StraßenmelOung uber Amerika zu revidieren, 7um Beispiel über seinen Charakter als Para­ dies. Der Autor zeigt nämlich: Amerika ist ein Paradies. Der UOler­ nehmer" (13). Kisch verließ Amerika im April 1929 ohne zu ahnen, unter welchen Umständen er nur zehn Jahre später WIeder auf Ellis Island auf die Erlaubnis warten wird, den amerikanischen Boden be~reten zu dürfen. Davor resümierte er noch eUlmal seine Eindrücke mIt den Wonen: .. Amenka ist Olein mehr das Land der unbeschränkten l\:tög­ lichkeiten-Amerika ist das Land der unmöglichen Bescbränkthelten. Ich habe viel gelacht, und mein Leser wird wohl viel lachen mü~sen, obwohl ich sachlich zu bleiben bemüht war und Im Grunde mehts lächerlich ist. Es ist auch I1tchtläeherlich, daßdte Amerikaner lächerltch sind. Drei sind davon ::IU'iwnehmen: Chaplin. Upton Sinclair und em Mädchen namens Ines. "lI UlIl't'trJIIY 0/ C,nClllnall ANMERKUNGEN I So 7. B. bei Theresa Ann ~h.yer I bmmond, Am~lC.·an Paradu~: C~r, mall Trat'tl L!lerttlll~from Dudell to Kucb. diss .. U of California, ßerke1ey, 1977, oder bei Ulrich Olt. Amenka ISI anden. Stffdlt1l 214m Amenb-Blld In delltJcMn Reueb.!rlchlnl des 10. jahrl'underls. (Frotnkfurt: Peter Lang: 1991). ) So 7,. B. die Dis§ertation \"on Günter Queiuer. "Die KompoSItion der Kisch.Reponage" von der Uninr5lt;it lelpz.ig (196J). 1 So sind erschIenen: Christlan Siegel. Egon Erwl1l Kuch. Reporl4ge lind polltlSdvr JournalISmus (Bremen: Schünem2nn. 1973); den .• D,t R~rt4~ (Stuugart: Metzler, 1978)i Erhard Schütz, Knnk dtr I,uranschm R~port4ge. Reportagen lind RtUtbvlC"httalls der Wem/al'er Rtpub!lk ubtrdle USA lind dIe hxus on literatur S01.L~lUmOn (Munchen: \ViI helm Fink, 1977); Rudolf Geissler, Die Fnt'UJ/ck­ hmg der Rtporta~ Egon Erwm Kuchs m dv Ir'tmM'Fn" RtpublJt (Köln: Pah1- R~genSlelll, 1982); Michael Geisler, Oie Iltvansclv Rqx)rtage m Dtuuchland. Moghchlullm und GrtT/zm emti opvallvtn Genres (Königsteinrrs.: Scriptor, 1982) und D,eter Schlemtedt, Egon Fmm Kuch. Le~n und IVerk {Berlin­ \'(lest: das europ:ilsche buch, 1985). • Siehe dazu ht'i Geissler, Du! Entu'/ekltmg, 59 sowie bel Diett'rSchlemledl "Sa.chllchkeil-W2hrheit-so7.iales Gefühl. Dit' Repollage Egon Frwin Kischs zWIschen Endt' der "lw.nziger und Mille der dreißiger Jahre," lf'tT schrtlbe. handelt. S,rattglm ,md V~ahrtrlllltTanschtr Arbm vor und nach /933 hng v. Silvla Schlt'nstedt (Berllll: Aufbau, 1983) 119-62. ' \ Egon Erwin Kisch, "So7.ialt' Aufgaben dt'r Reponage," Du: nrue Blieher­ SChall -4 (1916): 163-66. Abgedruckt im B.lnd IX der Gnammt'lrt{n} U7trke m E",ztlausga/~n, 9-12. • "Der rast'nde Reponrr über den Film von heute" [mentallomt/t' Fdm. SChall 10. Oktober 1927: 8-9. Abgedruckt Im Band X der Gnammlrt{nj Werke m F",zelausga~n, -489-91. 1 Alle Zitate \"on Kisch sind aus Band 4 der Gesammeltt{nj Werke m Emzel. allsgaMI. I KUI"Si\' Im Original. , Melße Hervorhebung LG Zur Fordrezeption 111 Deutschland der 20er Jahr~ vgl. 1 I ~lmut L~then, N~le Saehltchkeu 1924-/931. SllId,en 711r Llltralllr des ·Wty'lm SozIalumus" (Stutlgart: Met7Jer, 1970) 20-25. 11 Egon Erwin Kisch, "SeJbstanzeige: 'Paradies Amerika, '" Oas Tagebuch 47 (1929): 2000-2001 Abgedruckt im Band IX ckr Gnammeltt{n} Ir~e m Elnulausgaben,247-48. LITERATUR VERZEICHNIS Geisler, Michael. Oll! lIteraruche Reportagt m Det/t.schlalld. Mög{,chlwten IUtd Grt"Zttl e/1/es o~ratiVt1l Genm. Königstein/Ts.: Scriptor, 1982. Geissler, Rudolf. Die Emu.·Ieklfing d" Reportage Ego'l Eru'''' K15chs m der Welmam- ReplIbilk. Köln: Pahl-Rugt'llstein, 1982. Hammond, Tllrrc:s:a Ann Mayer. Amtnean ParadlSe: Germa11 Trat.'tl L"va. ufYtfrom Dudm toK15ch. Diss. Berkeley V, 1977. Kisch, Egon Erwin. Parad,~Ammlta. Berlin: Aufbau. 198-1. Bel. 4 der GeJam­ meltt{n} Itrerke", Elnzelausga~n. Ifrsg. v. Bodo Uhse u. Gisela Kisch. 4. Au fl . 10 Bde. 1960-1985.5·300. -. Mtm ubrnfürdle Ztltlmg 1916-1947:Joumalutl$che Texte 2 Berlin: Aufbau, 1983. Bd. 9 der Cesammdtt{n} Werke m Einzt!lallsga~". J Irsg. v. Bodo Uhse u. Gisd. KlSch 10 Bdt'. 196Q.1985. Kisch-Reponagt' in Parfldu'( Amenka 35 -.lAllstall/dem Mark!. VermISchte Prosa. Berlin und Weimar: Aufbau, 1985. Bd. 10 der GnammeJu{nj Werke", Emu/auJgabtn. Hrsg. \'. Bodo Uhse u. Gisela Kisch 10 Bde. 1960-1985. Lethen, 1!t'lmut. NelltSachlichktllI9U·/931. SlIIdlen ZlIrLll"aturdti ·Wty'lm SOZIalumus. 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