Focus Spring 1994.tif "Daß ich ei ne Sprache gefunden habe, daß ich mich jetzt nicht mehr herumquälen muß ... " I NTERVIEW MIT RUTil KLUGER & rba ra Memll'l (Comell UnivemtY)})Jell d,eses /lIten'Jew mit Rurb Klügerallj der Ir/omen m G"man Con/enmce 111 Greal &"11181011, Ma5~chllStrt5 am 30. Oc(o~r 1993. Das Gespräch handelt l!(m K{ü~ l'ingHem Blich l\'C'iter leben. Eine Jugend. ßarb.mt Mennel : \'<'ann haben Sie sich entschieden. das Buch zu schrei­ ben und warum zu diesem Zeitpunkt? Rutil Klüger: 1m Epilog, dem letzten Teil des Buches, beschreibe j,h, was den Anstoß 7.U weller 'e~tl gegeben hat: Ein Unfall hat mich zum Nachdenken gebracht, weil ich gelähmt im Kr:mkenhaus lag. Da,~ war der e igentliche und letzte ArlSloß. Man denkt jahrelang daran, daß man Zeuge \'011 etwas ganz Ungewöhnlichem "'ar und das man das doch aufschreIben sollte, Aber als die Jahre so b.ngsalll \"ergingen, da gab es mehr und mehr Bücher, die interes'ia.lll und wichtig waren. und ich hatte das Gefühl , es ist schon alles gesagt worden, Dann war ich im Kontakt mit Deut'ichen, diesen GÖllingern, deo nen ich das Bu~h gewidmet hahe und hatte LU'it, ihnen et wa~ aus Tllej ner Vergangenheit zu erzählen. Das war gar nicbt so leicht. Ich bin schließlich zu dem Punkt gekomTllen, wo mir etwas zur Technik cingefa.llen ist, das Gegen~'ärttge und das Vergangene so zu­ sammenzubringen, wie ich es in du:sem Buch getan habe. Da~ l1<1t mir genügend Spaß gemacln und mich bei der Stange gehalten. BM: Sie haben d iesen Sommer in Deutschland gelesen, wo noch? RK: Ein bißchen in Österreich. UM: Wie war die Reaktion? Focm Oll LilutJIllr Vo1 I. No. 1 (1994) lntervlew Ollt KUlh Kluger RK Die Reaktion ist ganz positiv, und das Buch findet immer mehr Leser und großen Anklang, Woran da.<: liegt, ist mir selber ein hißchen befremdlich. Ich hab das Gefühl, daß die \Y/rlle \'on Fremdenhaß etwas damit zu tun hat und das Buch auf ungute Weise aktuell geworden ist, Aber ich hoffe natürlich, daß das nicht der einzige Gnmd ist. Es scheim auch eine Kommunikationsmöglichkeit anzubieten, weil es deo Lesern und Leseri nn en, \'or allen den Lesel'innen nicht sclnver fällt, sich 7U identifizieren und eine Brücke zu einer Vergangenheit und zu Erlebnis­ sen 7 U finden, die SOllSt fremd wären. \'{'enn das der Fall ist, dann hat das Buch wirklich seine n Zweck erreicht, BM: Sie betonen Leserinnen. Sind unterschiedliche Reaktionen III Ihren Lesungen offensichtlich? RK: J a, die Männer ärgern sich immer üherdie Stelle im Buch, in der Ich schreibe, wer rechnet schon mit männlichen Lesern, die lesen doch nur was andere Männer schreiben. Dieser Satz ist e in richtiger Stein des Anstoßes. Weitaus mehr Frauen lese11 das Buth, aber nn:ht Ilur. ßM: \\'ie hat sich der Prozeß der Ennnerung \'erändert, nachdem SIe sich entschieden haben, zu schreiben? RK: Entscheidungen sind so et was, in da<; man remsch lItten und man am Anfang nicht weiß. wie lang. man weItermachen und ob man e<; wirklIch zu Ende hringen wird. Ich dadlle. Ich schreibe sechs t-.lonate und dann hab ich zwei Jahre lang daran ge'ichrieben. Natürlich hah ich auch anderes gemacht, ich war ja berufstätig, Ich hin oft an den Punkt ge kollllllen, wo ich nicht mehr weitermachen wollte. Aus ir­ gendeinel1l Gnmd, manchmal ermutigt durch Freunde und Freundin­ nen, hahe ich jedoch weitergesdmeben. Ich erwähne das, weil mall niclll so einfach sagt, ich schreibe jetzt ('111 Buch 'l.'on 285 Seilen, so und so Wird es aussehen. So war das nicht. Jeder t-. lensch erinnert sich an Dinge, die Im Alter \'00 drei oder "ier Jahren passiert sind, Ich werde oh gefragt, wie Ist es mäglich, daß Sie sich so genau erinnern? Aber eigentlich ennnert sich jeder. Dds. was vergessen LInd \'erdrängt ist, ist nalürlit:h 111 dem Buch nicht dnn. Wenn man sich hinsetzt und anfängt zu ~chrelbe l l, fällt einem mehr 90 Focur on Ltierdlur und mehr ein. Ich /tabe mich selbst gewunden, 311 n'i~\·jel ich micll erinnern konllrc, z. B. an die Zeit in \ViCIl , die Zeit, die anl weitesren zuriickljegl. Verändert hat sich nichts das Erlebte betreffend. Das Einzige, was sich " cr.indert l1at. und das ist natürlich gravierend. ist, daß jcll eine Sprache gefu nden habe, daß ich mich jetzt nicht mehr herumquäleIl muß, um den Leuten zu beschreib ... n, wie das oder jenes war, und rue Leute hören wohlmöglich nicht zu, und ich ärgere mich. Nun ist dieses Buch da , und ich kann sagen, lest es oder lest es nicht. aber ich habs gesagt und jetzt hab ich eigen tlIch meine Ruhe mit diesem Thema. ßM: Wird das Buch dann zum Ersatz rür Sprechen und Erzählen? RK: Die Leute haben jetzt ,-ielmchr Interesse daran. An sich waren die meisten Leute nicht illleressiert. Es gab die Reaktio n , die ich auch in dem Buch beschreibe, sie haben alles schon gehört und gesehen und möchten eher verschont werden nut KZ Erlebnissen. BM : Und Sie meinen. das hat sich geändert? RK: Die Leute lese n das Buch , ich muß es zugeben, in deutsch­ sprachigen Ländern mit großem Interesse. Ich habe da o ffensichtlich irgendeinen Nerv getroffen, aber ich verstehe die Reaktion nicht ganz. D er Erfolg ist weitaus größer als man in den kühnsten Träumen er­ warten konnte. BM: Ungewöhnlich fand ich den kritischen Umgang mit Illrer Mut­ ter und Ihrem Vater. RK: Mit der Muttergeschichte habe ich ein Tabu gebrochen. Es ist nicht so, als kö nnte man heutzutage keine schlechten Mütter und Töcb­ ter Beziehungen beschreiben, aber nicht in diesem Ko ntext . In diesem Ko ntext ist es so ungewö hnlich, daß es viele lese r schocki ert. Diese Reaktio n ist jedoch richtig in dem Sinne, daß da wirklich etwas ist , was a nders ist. ß M: Glauben sie, daß dies ein 'echleres' Bild ist oder ein 'spezifisches'? ~\ \\.K.: Es ist me'me Geschlcnte. \0 a\esem Smne '\St es enrYIc\'. Ene ~e· schönl,&un'tc.\er Mutter-l ochter-ßC'Z.iehunt würde au\ ein Retuschieren meiner Vergangenheit \unau'ite\auien. kh bi.n natürlich nicht die E.in- 7ige, viel eklatanter hat das Corde\ia Edvardson gemacht, die natürlich einen " je! größeren Bruch mit ihrer Muner erlchte. D.l~ BUl:h von Cordelia Eth-ardson war auch sehr wichtig für mich, be,·or ICh meme .. geschrieben hane. leh fand es .. ehr gut und .. ehr beeindruckend. ßM: Würden Sie sagcn, daß Ih r Buch wichtig ist, weil es Vergangenheit als Erinnerung und Realität darstellt, aber nicht als die eU17igc \X'ahr­ heit? RK: Ob das Buch wichlig ist. sollen die Leser clll'>cheldell. Aber die Beantwortung der Frage ist OIcht gan7 so einfach. Es ist mir enorm w ichtig, daß ich nicht gelogen habe. \\fenn ich einen Roman ge­ schrieben häue, dann wär es Fiktion. kh hab nicht be~\'lIßI gelogen. Ich habe sicher Fehler gemacht, denn h in Men .. ch erinnen sich so wie alle anderen, aber ich hahe bewußt nicht geloge n. Ich habe niclm reingeschrieben. was I1jcht in meiner Erinnerung festliegt. so \\'ie es beschrieben ist. Aus diesem Grund mag ich es auch überhaupt lIIeht, wenn das Buch als eine An Komplimem als Roman dargestellt WIrd. Denn ein Roman ist er funden, und das ist eU1 Gattungsumerschied zwischen Autobiographie und Roman.