Focus Spring 1994.tif 92 Focti~ on Literatur Das Fremde und das Vertraute I NTER VIEW MIT HANS CIIRISTOPH B UCH Kallshat)'Q K ruhllamoort.hy von der UnllJcrsu)' O!PILISb,lrgh haI Ham ChY/Sloph Blich 1111 NO'l.!t'mIYr 1992 m [nd/eil mun.'leu:t. 511! sprach mit Ihm iikrdlt J-Ialll· Thematik m seinen Romanen, K:1Ushalya Krishnamoorth)': \'('arum hahen Sie das Haiti-Thcma ge­ wählt?-weil Sie mit den Darstellungen früherer I laiti -Autoren (Heinrich von Kleist, Anna Scghers und B einer Müller) nicht t"inver­ standen waren. oder weil Sie die wehhistorische Bedeutung der l laiti­ an ischen Revolution bekannt machen wollten, oder ist es eine Mi­ schung aus heiden? 11a11S Christoph Bucb : Ja, es ist eine Mischung aus heiden, aber es ist mehr als das. Ich war nicht einverstanden mit Kleisls Darstellungen der Revolution. aber "nicht eim·erstanden" klingt etwas komisch bei ell1E'm Schriftsteller, der vor zweihundert Jahren gelebt hat, und es ist ~icher nicht wie bei einem Zeitgenossen. Ich war auch angeregt durch K.leisls No\·elle, und ich habe überhaupt alles gelesen, was über Il aiti geschrieben worden ist, nicht alles aber sehr vieles. Vor a llem von deut"chen Schriftstellern, und da war Kleist der Wichtigste. Das politi­ sche Illleres~e an dem Thema hängt zusammen mit der '68er Zeit , a150 mit der Studentenrevohe und der Entdeckung der Dritten Weil. Oa­ mal5 wurde die Dritte \Velt zu einem wichtigen Thema im Bewußtsein der ~Iemchell in Europa, hesonderö im Bewußtsei.n der linken Stu­ denten. Und ich war ül:-err.\scht, daß es sowas wie eine \'ergessene Revolution gah, ein Vorgang, wie Sie sagten, von welth is lot"i~(;her Be­ deutung, den dLe meisten Deutschen, auch die deutsche Linke gar nicht wahrgenommen hat und nicht kannte, und es schien mir wie ein Vor­ läufer der kuba nischen Revolution und des Krieges in Vietnam, der damals gerade aktuell war. Unter diesem Gesichtspunkt habe ich dieses Kapitel der Ge~chichte sllldiert. in llaiti und später in Deutschland, dilnll noch viel gelesen , und das hat mich nicht mehr losgelassen. Ich Foclls 0'/ Lit~ratlfr Vo1. \, No. 1 (1994) Interview mit H ans Christoph Buch 93 habe dann als erstes eine historische Dokumentation zu diesem Thema geschrieben, die also rein politischen Charakter hat, nicht fiktiv ist, sondern dokumentarisch und das war mein erstes Herangehen an ddS Thema Haiti, Vorher haue ich im übrigen schon Reportagen über Haiti geschrieben nach meiner ersten Reise dorthin. KK: Nac h der chronologischen Darstellung von Ereignissen durch Dokumente in Die Scheidung vorl Sa" Domlt/go folgte Die Hochzeit 'L'Otl Porl aN Prinee als ein Gegenbuch dazu. Aber auch hier und Ln Haiti Cherlc wird die Chronologie einigermaßen auIrecinerhalten . Ist der Kolumbus-Roman mit derumgekehlten Chronologie als ein neues Experimf'nt, als ein Gegenbucb zu den anderen Haiti-Romdnen 1"U H'rste hen? H C B: Nein, nicht als ein Gegenbuch, eher als die FortSetzung und vielleicht der Abschluß, wobei ich mIr noch nicht ganz sicher bin, ob ic h noch ein Buch 7.U dem Thema schreiben werde. Vielleicht wird es noc h eins geben . Aber die umgekehrte Chronologie ist nur insofern ein Gegenbuch, wei l ich keine Lust halte, immer alles in der histori­ schen Reihenfolge zu erzählen, \·on A nach B nach C. Und es ging mir in dem Kolumbus-Slück auch dartlln, einen Beitrag zur Fünfhun­ dertjahrfeier der Entdeckung Amerika5 711 leisten, Also Haiti war nur der Ausgangspunkt für eine weitausgreifende Arbeit, die ja viel mit Europ"- 7U tun hat und insbesondere mit Frankreich und Deutschb.nd. Frankreich war die Kolonialmacllllll I laiti, Deutschland war sozma­ gen als Neokolon ialmacht präsent, in Gestal t meines Groß'·'ller; 7,B. Aber es gab "iele Deutsche in llaiti vor dem ersten ''i:?eltkrieg, und der Kalumbus-Roman kehrt nochmal an die Anfänge zunick, also zur Entdeckung Amerikas-Entdeckun g meine ich in Anführung<;­ zeichen-dle ich schOll In HaIti O'ene ge5(·hildcrt habe. Aber der gehl dann noch weiter als Haiti ehene. d.l<; endet Ilut dem Ende der Dlk· tatur, mit der Flucht von Bahy Dae m<; EXIL Und In dem Kolumhu~· Roman habc ich gleich eine leider wahre Geschichte an den Anfang gestellt in Form einer Reportage. die ich für GED geschrieben habe. Das war das ~ l assaker bei den Wahlen im November 1987, das war sc hon ei n Jahr oder anderthalb Jahre nach der Flucht von Baby Ooe, und Sie sehe n, da jq also der Bogen noch weiler gespannt , die jungstc Vergange lL heit, 31so die unmittelbare Gegenwart, cl.h. die Wahl \'011 94 f(,cUf on Lttern/llr Arimde 7um fril:"idencen 1'(111 H.I/ll und ~em Sturz durrh die M'/iürs, ci.1,( komm! :wch in diesem Roman Olein [l'Or]. KK: A I" Kritiker und Sdlri(,slcller wird es h:iufig dazu kommen, daß ihre Werke an dcn eigenen J\J.Iß<;täben gCllles_~efl werden. W'enn Sie Ihre \'('crke ~e l hst beurteilen. \\ 1(;' weit <:iml Sie da nach eige uen Maßstähen gelungen? Können Sie den von Ihnen selbst proklamierten Amprüchen gerecht werden? l i eß: Das IS1 eine schwierige Frage. Jeder Sdlrifmeller beurteilt sich selbsl Lmmer nach dem, was er schreiben möchte und die anderen Schriftstellern nach dem, wa .. ~ic gesdlriehcn haben. Also ('~ nützl dasselbe: was man schreiben willlllld was 111:111 \\'irklich gesc hri eben hat. Aber ich bin mit den drei I bi l; Romanen sehr 7Ufriedcn-sehr \'iel mehr und sehr viel ander~ h:ille ich cl.ts nicht machen können, und würde es heute auch nicht viel ander~ machen, abgesehen \'on ei­ ni~en kleinen Details, und wichtig ist nu r daran einmal die historische Dimension. Das ~ind ja alle historische Romane oder besser ge~agt poSt-lustorische Romane. \'('ir miis<;ell keine tradilionellen hIStorischen Romane sehen, ("ben im An~pruch des Realmnus.lch tue nicht so. als könnte ich sagen, so und so ist es gewesen, und ich war dabei-cm Anspruch. der unglaubwürdig ist, auch in anderen Romanen. Auch in der Geschichtsschreibung ist e<; ja fr:lglich, denn nicht nur die li­ teratur, sondern auch die Geschichtsschreibung belUhl ein Stück weiler auf Fiktion. N iemand weiß genau, wie es gewesen ist. Jeder gibt eine andere Perspektive eines Ereignisses wieder, einen anderen Aspekt, und für mich war das Gan7e nicht nur eine Auseinandersetzung mit einem Land der Dritten \'('ell, seiner Geschichte und Gegenwart, sond,.rn auch ein Versuch über meine Identität als Deutscher mit einer Familie nachzudenken, die zum Teil in der Karibik ,·erwur7eh i~t und über meine Identität als Schriftsteller. Und Sie wissen vielleic ht, ein Sch riflSteller sucht inuner einen Ort, an dem er sich niederlassen kann, wie ein Nomade, der ein P!:ttz für sein Zeh findet. Und für mich ist I laiti dieser Ort geworden. fast wider Willen-ich hab' das nicht so geplant, ich wollte ul'sprünglich nur ein Buch über Haiti schreiben. Aber der Gnmd, daß ich mich so lange damit beschäftigt habe und es viel leicht noch länger tun würde, ist, daß Haiti mir gleich­ zeitig fremd und vertraut ist. Ich habe also eine größere Distanz, als wenn i.cb über deutsche Prob\eme schrei.be und t\ei.ch7..ei.üv, doch ei.ne tewisse Vertrauthei.t, wei.\ 1.ch das Land taIt7.. tut 'kenne, i.n7..wiscnen seine Geschichte und seine Ku\tur, seine Re\iv,ion und die Verha\­ tensweisen der Menschen einigermaßen beurteilen kann. K.K: Ihre komplexe Schreibweise imitiert und parodien verschiedene literarische Gattungen und setzt daher \·iel e~ ... orau~. Da die Alnualislc­ rung des Textes sich durch den Leser vollZieht, könn te erden nichtein­ geweihten Leser in die Irre führen? Könnte dann die Autorintention feh lschlagen? H eB: Ja , ganz sicher kann das passieren. Das passiert auch oft. le~er, die nichts wissen über diesen Teil der Welt, den ich beschreibe; Leser, die nur ei ne spannende oder umerhallsame Geschichte erwarten, wer­ den irritiert. Sie wissen nicht genau, was ist Ironie, was ist Ernst, was ist wirklich passiert, was ist an der Politik, Aber genau diese Irritation ist beabsicllligl. Auch Leser, die nichts über I laiti wissen. können aus diesen Büchern Cl was lemen über dieses land, und Sie sind ja das beste Beispiel dafür. Sie sind indische Leserin und Sie wissen sicher wenig über d iese kleine lnsel in der Karibik, und doch haben Sie meine Bücher gelesen, wenn auch sicher mit Schwierigkeiten. leh glaube, daß auch ein Leser. der die literarischen und historischen Anspielungen nicht versteht, trotzdem die Bücher nicht nur lesen, sondern sogar ge­ nießen kann, wen n er offen ist, und wen n er einen Sinn für Ironie hal, lind überhaupt für das Spiel mittel der li terarischen Formen. Ich glaube. kein l eser kann alle Anspielungen entsch lüsseln-ich kann es seihst auch nicht. leh bin manchmal überrascht, wenn ich german­ iSlische Arbeiten über meine Bücher lese--da werden Anspielungen gezeigt oder analysien, die mir gar nicht be\\-ußl waren. Das heißt nicht, daß das falsch ist; es gibt sehr oft im Text eine unbewußte oder unterbewußte Ebene. Ebenfalls kaIlll das fehlschlagen; es kann sein, daß ein Leser dami t nichts anfangen kann. Das ist übrigens sein gutes Recht, denn Literatur ist in diesem Sinne demokratisch, wenn man ein bestimmtes Buch lesen muß, kann man es auch lesen, wie er oder sie will. KK: "Aber ich wiU die Geschichte von Anfang an erzählen, so wie sie sich wirklich zugetragen hat."-"Aher ich will die Geschichte vom J'OCll5 on L iteratur Ende her erzählen, so wie sie sich niemals zugetragen hat." Warum hat sich der Satz im dritten Roman geändert? I ICB: Der SalZ ist ein Leitmotiv in allen drei Romanen, und im Grunde ist das ein Satz, der aus der mündlichen Erzähhradition kommt. Mit diesem Satz ~'erden o ft Gesch ichten eingeleitet, und ich habe übrigens auch vorher etwas vari iert. Ich habe nicht immer geschrieben "so wie sie sich wirk lich zugetragen hat"-ich habe kleine Variationen vor­ genommen, d.h. genom wie es formuliert war-"so wie sie sich zu­ getragen haben könnte" oder "so wie sie sich niemals zugetragen hat"­ das ist die letzte Variante. Das liegt ganz nahe, denn diese Behauptung ist auch nicht sehr ernSt gemeint-das ist ja auch wieder lronje. Ich wei ß nicht, ob sich die Geschichte überhaupt jemals so zugetragen hat. Andererseits ist sie nicht vollkommen frei von Gründen. Alle Geschichten, die diese Romane enthalten, haben einen histo­ rischen Kern, einen realen Kern_ Und deshalb dieses Spiel mi t dem Wahrheitsgehalt des Schreibens. So lche Sätze könnten auch ande re Autoren sagen oder schreiben , denn das gilt für jede Fikt ion-dieser SalZ. Ich habe z.B. geschrieben in Haitl Cherie: "diese Geschichte ist wahr, denn sie stammt au<; einer Zeit, in der die Kunst des Liigens noch nicht erfunden war." Es ist ein Satz, den ich in Afrika gehöl1. habe. Das sagen die mündlichen Erzähler, die Märchenerzähler auf den Märkten, und das hat mir sehrgUl gefallen. Und so ist auch dieser Sa1Z-"SO wie sie sich wirklich z.ugetragen hal," "so wie sie sich niemals zugetragen hat." Die Absicht dabei ist jeweils, den Leser etwas zu ver­ unsichern. Wenn ich sage: "es hat sich wirklich zugetragen," kann es sein, daß als nächstes ein mythische oder märchenhafte Erzählung kommt, die sich so nicht wirkl ich zugetragen haben kann. Und im Umgekehrten in dem Kolumbus-Roman an der Stelle, wo ich sage: "so wie sie sich niemals zugetragen hat" erzähle ich eine Geschich te, die sich so ähnlich wirklich zuget ragen hat: die Biographie eines emi­ grienen Juden und vorher noch das Massakerder Militärs anl \VIah ltag in Port au Prince, und das hat sich wirklich so zugetragen. Das habe ich sogar damals für eine deutsche Zeitschrift, nämlich GEO, berichtet. Es wurde auch von den Medien, vom Fernsehen, von der Presse welt­ weit verbreitet. K.K: Betrachten Sie sich als Grenzgänger, der zwischen zwe i Kulturen Steht? lnterllt~w mIt Hans Lhnstoph tiuch ~7 H e B: Ja und nein. Grenzgänger klingt etwas übertrieben, denn ich bin natürlich hundertpro7..entig Deutscher. Ich bin aber ein Deutscher, der im AushInd gelebt hat, nicht nur in Haiti, sondern auch in Frank­ reich und in den USA. Ich habe Fremdsprachen gelernt und fühle mich in mehreren Kulturen zu H ause; im Unterschied zu den anderen deutschen Schri ftstellern, die nur Deutsch sprechen und nu r über deut­ sehe Probleme schreiben. Das ist fast die Definition des deUl'ichen Schriftstellers, und diese Definition stön mich, denn sie ist faJsch. Sie hat im Übrigen nie gesümmt, denn deutsche Schriftsteller haben immer auch über andere Teile der Welt geschrieben. Indien z.B. ist ein wich­ tiges Thema in der deulSchen LileralUr, und ich möchte mjell nicht einsperren lassen in dieses Ghetto. Ich bin \·ielleicht ein Grenzgänger, aber nielli in dem Sinne, daß ich eine doppehe Identität häue, oder nur eine halbe Identität. Ich bin ein Deutscher, der neugierig ist auf andere Kulturen, und auch das hat eine Tradition in Deutschland. Es gibt gerade unter den deutschen Schriftstellern und besonders Ln der Wissenschaft neugierige Leute, die weitgereisl sind. Ich nenne nur Alexander von Humboldt aber auch Goethe. Und das Reisen und die Beschäftigung mit dem Anderen oder den Anderen hat in der deUl­ schen Literatur eine Tradition, die viel z.u wenig bekannt ist. KK: Das zweite Buch von Die Hochzeit von POYl all Pm/ce (Erinne­ rungen an die Unteremwicklung) setzt sich ausschließlich aus Doku­ menten zusammen. \'(/e lche Auswahl- und Anorclnungspri nzipien haben SIe? IJ CB: Das Buch ISt eigentlich ein Plagiat, denn ich habe es einfach nur abgeschrieben. Es gibt ein Buch von einem ehemaligen Außen­ minister H aitis, Salon Menos, der diese Dokumente gesammelt hat. Ich habe dieses Buch mit großem Interesse gelesen und deshalb, weil es um Deutsch land geht und ein diplomatischer Krieg zwischen Deut ­ sch land und Ilaiti ",ar-damals das deutsche Kaiserreich-und ich wurde schon am Thema interessiert. Und dann war dieser Text von einer unglaubl ichen Komik und zwar unfraglich komisch, weil hier über die Mechanismen der Kanonen berichtet wurde. AJso die diploma­ tische, poli tische und zwischenmilitärische intervention war sehr deut­ lich dargestellt, und ich habe diese Dokumellle nur gekür.a, d.h. ich habe den Kommentar des Autors, Salon Menos, weggelassen. Er hat 98 FOCtl5 on Literatur das sehr weitschweifenJ kommentiert, d.h. er ist kein Freund der Deut­ schen-das ist verständl ich, wenn man den Fall rekonstru ien. T rOl z.­ dem hat er auch auf seine Weise Voruneile und zum Teil groteske Fehleinschätzungen der deutschen Politik und der Rolle I laitis in der Welt vorgenommen, d.h. ich habe mir nicht sei ne Sicht zu eigen ge­ macht, sondern hahe mir erlaubt, d iese Dokumente etwas anders:zu lesen. Ich habe sie gekürzt und dann. montiert; also in einer Art Mon­ tage und Collage habe ich die Texte arrangiert, so daß sie für sich selbst sprechen. Dabei [habe ich] eine b(!stimnilC Dr,unaturgie im Kopf gehabt, d.h. näm lich, daß es einfach nicht langweilig werden darf (ii! den Leser, und daß der Mechanismus deutlich wird-wie aus kleinen Ursachen große \'('irkungen hervorgehen. also die Ursache ist ganz. gering fügig-eine Ohrfe ige. die ein deu tscher Kaufman n einem baitiallischen Polizisten gibt, führt schließlich z.ur Entsendung der Kriegsflotte nach H aiti, und das habe ich in dieser Weise rekonstruiert. Außerdem habe ich noch einige Dokumente dazu genommen, die nicht in dem Buch von Menos stehen, die ich selbst in den Archiven in Berlin gefunden hahe-also Zeitungsartike l vor allem aus der Vossischen-ZellUng. Icb War selbst überrascht. als ich mich mit diesem Thema befaßte, wie absurd die Politik sein kan n, besonders die dama­ lige Kanonenpolitik. Das war auch die Zeit, als im deutschen Reichstag die G lockenpolitik studiert wurde, d.h. Deutschlalld wollte eine Weh­ macht werden, und das ist ja eine Seemacht vor allem; die konkurriende Seemacht war England, und Deutschland brauchte eine starke Floue. Das war damals die Devise der Regierung und auch die sozia l­ demokratische Opposition hat sich nicht geweigert, sondern hat d iese Polit ik mehr oder weniger unkritisch mitgetragen, obwo hl es auc h kritische Stimmen gab. Das ist der politische I lintergrund d ieser De­ monstration der Stärke vor der Küste von H :Ul i, es dienle ei nem ganz anderen Zweck, nämlich die Kredite für die Kriegsno tte im Parla­ mem durchzubringen. Also dieser Ort einer außenpolitischen Inter­ vention hat eigen tlich ei nen innenpolitischen Zweck-das kann man am Golfkrieg lernen und an anderen vergleichbaren Ereignissen. K.K: Die gesamte Dokumentation in diesem Buc h illustriert die T hese vom 'Theatercharakter der Wi rkl ichkeit' (Hei ner Müller). Auch das Wirkliche scheint i.nszen iert zu sein . Was meinen Sie duu? lntervltw mit Hans l,.llflSlOpn OUl.:n I JC B: Ich habe diese These noch nie gehört, aber ich finde sie einleuch­ tend. Das ist in der Tat so, daß die Politik Theater ist. Man spricht ja auch von der Bühne der Politik, man spriclll vom Kriegsschauplatz., als sei das eine An Freilicht·Theater des Krieges, und das einzige was mich an der Metapher StÖrt, ist, daß die Wirklichkeit sehr ernst ist. Auf dem Theater nießt kein echtes Blut, aber in der Politik und im Krieg fließt "or allem wirk liches Blut von wirklichen Menschen--es wird wirkJich gestorben-das ist der Unterschied, der mir in dieser Meta pher zu kurz. kommt. Aber was ist überhaupt Wirk lichkeit, es ist eine lange philo· sophische Debatte, es gibt bis heute keine Antwort dar.auf. Wahr­ scheinlich ist der ganze Begriff fragwürdig, denn die Wone, auch die Ideen der Menschen sind Teil dieser Wirklichkeit, auch ihre Illusionen, ihre Irrtümer, und \Va<; Mü ller wahrscheinlich dabei im Auge hat, ist der Anspruch des Realismus, die Wdt abzubilden so wie sie ist oder der AllSpruch des soziaJislischen Realismus, die Wdt so abzubilden, wie sie sein soll. Beides ist fragwürdig geworden, und deshalb ist im r"loment der Realismus nicht hoch in Diskursen der Literatur. \'{/enn man vom Magischen Realismus redet, also \'om Realismus der Latein · amerikaner, dann hat das eigentlich mit Realismus wenig zu lun-das ist eine Art z.u erzählen, d ie Träume, Phantasien, Phantasmagorien miteinschließt oder wo das Wunderbare wirklich wird und trotzdem­ und das ist das Beglückende-sagt diese Phantastik mehr aus über die W irklich keit, als ein Zeitungsanikel oder ein historisches Dokument. KK: Ist der Voodookult (nach Ihren Schilderungen) immer als das Verdrängte, das Unbewußte, das Traumhafte zu verstehen? H C B: Das sind europäische Begriffe-das verteilt das Unbewußte, das T raumhafte. Das sind Begriffe von Freud. Und den Voodookult gibt es schon viel länger, auch in Eu ropa gibt es vergleichbare Formen des Aberglaube ns, der ~chwarzen Magie, und der Voodoo kult ist mehr als nur das Verdrängte. Der Voodookult ist im Grunde eine uralte Re­ ligion, die \'ergleichbar ist mir den großen Wehreligionen-etwa der griechischen Mythologie, wah rscheinlich auch de r Hindu-Mytho­ logie-ich kenne sie nicht genug. Aber die Jugendväter findet man unter anderen Namen, auch in anderen Religionen. Das ist der Galt des Donners, der Gou des Meeres, rocus on LllerdCur die Göttin der Liebe usw. Und die Voodoo-Anhänger glauben noch an einen obersten Gon, der mächtiger ist als diese Götter. Und insofem könnte der Voodoo auch eine Verbindung mit dem Christemum, be­ sonders mit der katholischen Kirche eingehen. Die Heiligen der Kirche ~urden dann identifiziert mit den Voodoo-Göttern oder umgekehrt dIe Voodoo-Götter mit den Heiligen der Kirche z.B. der Kriegsgolt Papa Ogoun mit St. Georg-das ist der Drachentöter, der Heilige in der katholischen Kirche, der den Drachen mit seinem Schwert tötet. Warum stelle ich das so als Wiederkehr des Verdrängten oder als Traumsymbol dar?-eigentlich nur deshalb, weil die Helden dieser Geschichten, von denen die Rede ist, die Helden meiner Romane, alle Eur~päe~ si~d. Sie verstehen diese Religion nicht. Sie haben Angst "or .Jlr, sie sllld aber auch faszin iert von ihr. Das ist bis heute die Hal­ tung der Europäer, auch der Amerikaner, also der Touristen, die nach Haiti kommen, und diese Mischung aus Angst und Faszination führt zu dieser merkwürdigen Verdrängung, die sich dann im Traum manisfestiert. . Ich habe einfach die Symbole Freuds wörtl ich genommen, aber Ich würde nicht sagen, daß die T heorie von Freud einfach so auf Afrika oder auf andere Ku lturen übertragbar ist. Sie ist wirkl ich ein Produkt Europas und zwar Europas zu einer bestimmten Zeit Oahrhunden­ wende, 20er, 30er Jahre). Sie ist inzwischen schOll modifiziert worden von den Schülern und Nachfolgern von Freud. Und außerdem ist si~ sogar ein Produkt eines bestimmten Wiener Milieus gewesen. Die Psychoanalyse stanunt bekanntlich aus Österreich. Das ist einfach njcht universell übertragbar. Aber der Voodookult ist sicher ein ganz andersgearteter Versuch mit den Dämonen des Unbewußten umzu­ gehen, also mit den Kräften des Unbewußten, die dann als Dämonen oder als Götter symbolisien werden. KK: Das Gefühl des Deja-vus t ritt zweimal im Kolumbus-Roman auf. Haben Sie auch so was erlebt, wenn Sie nach Haiti gefahren sind? H eB: Deja-vu ist eine psychologische Erfalmlllg, die jeder Mensch irgendwann gemacht hat. Das sind meist Erinnerungen an frü hkind­ liche Erlebnisse, die auch im Traum eine Ra Ue spielen----diese Sicht ist übrigens für die Psychoanalyse sehr interessant. Sie hat die franzö­ sischen Surrealisten auch beschäftigt und fasziniert. Es gibt eine ganze lntervtew ffilt Mans l.,nnstopn nucn IUI Kunstrichtung, die mit diesen Symbolen spielt, nämlich den Surrealis­ mus. Ob ich das selbst erlebt habe, kann ich so einfach nicht beant wor­ ten . Ich habe sicher auch solche Momente erlebt, aber meine Romane beruhen njcht auf irgendwelchen abergläubischen oderübernatürlichen Erlebnissen.leh bin eher Rationalist. und ich glaube nicht an Wunder oder an Geister und so etwas. Trotzdem habe ich wie jeder Mensch Schlüsselerlebnisse gehabt, die einen Charakter des Deja-vus tragen. Im Roman sollten Sie das nicht so ernst nehmen, das ist einfach ein er­ zählerischer Trick, die Wiederholung bestimmter Ereignisse und die Wiederholung des Immergleichen. Das ist ja die geschichtsphiloso­ phische T hese des Romans. Es ist rational, d.h. nicht, daß ich an die Reinkarnation glaube, wie das gerade in indien wein'erbreitet ist. KK: Ln Hochzeit von Port alt Pnnce werden Paulincs verdrängte sexuelle Inhalte durch das Tropisch-Exotische und die kultischen Elemente des Voodoo aktualisiert. Sie verkörpert den Mythos 'Krankheit-Frau,' der festgeschrieben wird, statt unterlaufen zu werden. Tante Erzulie in Ha/ti Chene tritt zwar als ei ne Verbesserung dieser Figur an, aber auch ihre Darstellung könnte als eine Art exotistische Projektion ver­ standen werden----die schwarze tropische Frau, die dem Weißen sexuell attraktiv erscheint. In beiden Darstellungen tritt die Grenze zwischen der Parodie und dem Bruch dieser Parodie nicht kl:ar hervor. Was meinen Sie dazu? H CB: Die Grenze tritt nLcht klar hervor?-das ist ja die Definition der Ironie, daß sie nicht klar wird. Es ist keine Ironie, wenn jemand sagt, ich glaube das und das, und das glaube ich nicht. Das ist das Ge­ genteil von Ironie, und diese Mehrdeutigkeit, diese Ambivalenz ist ja gerade die Absicht des Textes. Und sicher haben Sie recht, das sind auch Projektionen. Ich behaupte ja nicht, daß ein Schreiben ohne Vorurteile oder ohne Projektionen von Klischees möglich ist. Ich möc hte nur den Leser immun machen gegen diese Klischees und Erz.ulie ist natürlich nicht einfach eine naive Projektion der sexuelJen \'/?ünsche der Weißen oder der Europäer, sondern sie ist eine vieldeutige Figur. Sie spielt mjt ihrer Sexualität, sie benutzt sie für ihre Zwecke. Sie ist z.B.-das widersp richt ihrer These-sie ist durchaus politisch engagiert, würde man heute sagen, sie kämph nämlich für die Ab­ schaffung der Sklaverei. Sie ist aber wie die Voodoo-Götter überhaupt J02 FoCIIs on LiierattIr weder gut noch böse-sie ist launisch-sie ist manchmal freundlich und manchmal zornig. Sie kann helfen oder auch bestrafen. Das sind die typischen Eigenschaften der Voodoo·Götter, ebenso wie die der griechischen Götter. Die Unterteilung in 'gut' und 'böse'-die ist typisch chrisLiich­ daß die Göuer nur noch eine Eigenschaft haben, und, daß das Böse dann dem Teufel zugeschrieben wird, d.h. das Böse wird verdrängt. Er7Ulie ist eine Hexe und eine gute Fee 7ugleich und das entspricht genau ihrer Rolle im Voodoo und das ironische Spiel mit ihrer Sexuali­ läl-eben daß .. ie viele Männer V"crführt-das entspriclll auch der Folk­ lore in Haiti, wo Sexualität ..ehr oft und sehr spielerisch im Bewußtsein des Volkes vorhanden ist. Das heißt die Verdrängungen, die Lypisch sind für Europa, daß also über sexuelle Fragen nur hinter vorgehaltener Hand gesprochen wird-jffienfalls war das so bis vor kurzem-gibt es in diesem Teil der Welt nicht. Auch das Amoralische, nicht Immo­ ralische, sondern Amoralische, die egoistische Seite von Erzulie-das ist wenn ich so sagen darf-typisch für Haiti. So sehen die Haitianer sich selbst und so möchten sie sich auch in ihren Götteru wieder­ erkennen. Diese Götter sind wie gesagt keine l leiligen wie in der katho­ lischen Kirche, aber auch keine Teufel, sondern beides zugleich. KK: Was wollen Sie mit dem kreolischen Kochbuch vermitteln? HeB: Das ist eine Art Epilog zu dem ganzen Buch und das ist eine, natürlich, ironische Verfremdung, sogar eine Karikatur, eine bösartige Parodie eines Kochbuchs, wobei nochmal einige Stationen des Ro­ mans historisch Revue passieren, von der "Entdeckung" Amerikas bis zu den TOnlon Macoute5, den Geheimpolizisten, die don gelyncht werdl'n, d.h. verbrannt werden auf den Straßen und aU das ist flicht erfunden. Übrigens spielt die Küche in der kreolischen Literatur eine große Rolle. Das Kochen, d:ts Essen ist ein wichtiger Bereich der Ku ltur und gerade in Haiti. Und ich habe ja im Roman ei.n Gedicht Olm Anfang zitiert, ein Gedicht eines haitianischen Autors, was genau diesen Inhalt hat-das ist ein Liebesgffiicht und gleichzeitig ein Kochrezept und das Gedicht ist sehr populär in Haiti. Es ist fast unübersetzbar, deswegen habe ich es auch uicht übersetzt, denn es enthäh Wöner, Anspielungen auf Gedichte, also Essen, das es nur in Haiti gibt und das in Deut.schland unbekannt ist: Gewürze oder Ingredienzen, die man in Europa nicht Intc:rvu;:w IIiH Ild.-ll::l .... ", '"'''t''' ....... ~ .. findet. Auch gleichzeitig ist es ein Lieb~sgedicht und die Tatsache. daß dieses Gedicht anl Anfang steht und das Kochrezept am Schluß­ das ist auch kein Zufall, sondern absichtlich. Das ist eine An Rahmen, oder Ornament besser gesagt, das den Roman wie ein Bild umspannt. KK: Wie steht Einsteins Relativitätstheorie im Zusammenhang mit dem Abschnitt, "Nachruf auf einen Kometen"? H eB: Diese Theorie wird zusanUllengefaßt in einer mathematischen Formel: Energie ... Masse x Geschwindigkeit1, und das ist das Gesetz. nach dem sich der Halleysche Komet durch das Weltall bewegt. Er kommt auf dem \'{leg, auf der Umlaufbahn dann alle siebenundachtzig Jahre, glaube ich, in die Nähe der Erde und wurde dort schon ftiiher­ besonders in früheren Jahrhunderten-als Unheilbringer von den aber­ gläubischen Menschen früherer Epochen gesehen. Das Auftauchen des Halleyschen Kometen in Haiti fiel zusammen mit dem Sturz der Diktatur, die immerhin neunundzwanzig Jahre geherrscht hatte. Gleichzeitig gibt es in diesem Text ein Wonspiel-der Präsident er­ scheint .. e1bst als eine Art Komet. Er war, wie Sie vielleicln wissen, besonders dick und besonders dumm-Baby Ooc, im Gegensatz 7U seinem Vater, Papa Doc. D:ts war eine Familjenherrschaft. die auf der Macht der Geheimpolizei beruhte. Sein Vater hatte die Dynastie auf· gebaut und begründet, und er (Baby Ooc) verliert sozusagen an Masse auf seiner Umlaufbahn. Jetzt spreche ich von Baby Doc und nicht von dem Kometen, und dann am Ende stürzt er ab . Und das ist ein Spiel mit. dem Aberglauben der Haitianer, die wirklich vom Halley. sehen Kometen erwarteten, daß er die Regienmg stür.ct-und mit dieser mathematischen Formel von Einstein. Aber nehmen Sie das nicht wörtlich. Ich bin kein Naturwissenschaftler. Das ist eine literarische Metapher. KK: "Those who have not understood the past are condemned lO repe:tt it."-I laben Sie dieses Zitat aus anderen gleichbedeutenden Zita­ ten irgendwie umgefonnt oder ist das Ihre Erfindung? lIeB: Nein, das ist nicht meine Erfindung. Das stammt von dem amerikanischen Philosophen, Santay:tna. Und das ist so bekannt, daß das schon Gemeinplatz ist. Viele glauben, daß sei ein Zitat von Marx, 104 roms on Literatur weil Marx einen ähnlichen Gedanken geäußert hat, im 18. ßrumaire, einer seiner bekanntesten Schriften über die Machtergreifung Napo­ leons des Dritten, und Napoleon der Dritte war der Neffe von Napo­ leon dem Ersten, und hat 1848 nach der Revolution in Frankreich die Maclll ergriffen, und da gibt es dann Parallelen zur Machtergreifung Napoleons nach der französischen Revolution 1799. Dort sagt Marx, die Geschichte wiederholt sich das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce oder Parodie. Wobei dann Napoleon der Dritte die Par­ odie Napoleon des Ersten ist. Aufgrund dieser vielzilierten Sätze Marx' glauben viele, der andere SalZ sei auch VOll Marx. Aber der stammt, wie gesagt, von dem amerikanischen Philosophen Santayana und es ist ein Satz, den ich schon lange im Kopf hatte, und den ich auch oh 7itiel1 habe in anderen Zusammenhängen, und der als Motto über allen drei Romanen stehen könnte.