Angewandte Botanik. Einführung Die Erfahrungen des Weltkrieges haben gelehrt, daß die erfolgreiche und für Deutschland so bezeichnende Verbindung von Wissenschaft und Praxis, wie sie in der Physik und Chemie besteht und zu einer glänzenden Entwicklung geführt hat, auf dem Gebiete der Biologie bei verschiedenen Zweigen noch nicht so eng geknüpft ist. Die Nachteile dieses Zustandes haben sich oft sehr empfind lich fühlbar gemacht und Zersplitterung von Kräften und Geld mitteln veranlaßt. Der so schnell eingetretene Mangel an vielen wichtigen, der Industrie unentbehrlichen Rohstoffen aus dem Pflanzen reich und die Notwendigkeit, Ersatz dafür zu finden, haben in viel fach überraschender Weise gezeigt, wie lückenhaft die botanische Kenntnis zahlreicher bei uns in Deutschland einheimischer oder gar ausländischer Pflanzen ist. Es hat sich herausgestellt, daß die Verwertungsmöglichkeiten mancher Gewächse am Ende des 1 8 . Jahrhunderts besser bekannt waren a ls vor dem Kriege, weil die Technik im letzten Jahrhundert sich vielfach an käufliche fremde Rohstoffe gewöhnt hatte und daher der Anreiz fehlte, sich hier im Lande eingehender mit ihnen zu beschäftigen. Die Folge war, daß die botanische Erforschung zahlloser Nutzpflanzen arg in den Hintergrund trat. Die chemische Zu sammensetzung oder die physikalischen Eigenschaften der Rohstoffe waren oft besser bekannt, als die Lebensgeschichte ihrer Stamm pflanzen, nicht nur bei tropischen Arten, sondern auch selbst bei der Flora der engsten Heimat. Die Botanik wurde daher meist lediglich als eine Hilfswissenschaft der übrigen Naturwissenschaften betrachtet. Ungeheuere Summen sind vergeudet worden, weil eine botanische Zentrale fehlte, in der alles Wichtige über Nutzpflanzen zusammenkam; unzählige Untersuchungen wurden unnütz wieder holt und ergaben infolge Zersplitterung und unzureichender wissen schaftlicher Mittel der einzelnen Untersuchungsstellen oft schlechte oder ganz falsche Resultate. Die Kosten der Irrtümer trug die Praxis. Angewandte Botanik I. 1 2 Einführung. . In Verbindung mit den reichen Pflanzenschätzen und wissen schaftlichen Materialien des Dahlemer Botanischen Gartens und Museums, mit Unterstützung des Hamburger Instituts für Angewandte Botanik und vertrauend auf die Mitarbeit der vielen im Versuchswesen tätigen Fachgenossen, will die „An gewandte Botanik“ diese Lücken ausfüllen und gemeinsam mit der Vereinigung für Angewandte Botanik, die seit 15 Jahren denselben Zielen zustrebt, der wissenschaftlichen Botanik den Platz unter den der Praxis, der Volkswirtschaft und Technik dienenden Wissen schaften erstreiten, den sie zweifellos im Interesse der gedeihlichen Weiterentwicklung oder Neuentwicklung unserer Volkskraft verdient. Alles was von Pflanzen stammt, muß auch von wissenschaftlich botanischer Seite und nicht allein vom systematischen Standpunkte, sondern besonders vom biologischen untersucht werden! Berlin-Dahlem, Hamburg, Augustenberg i. Baden, den 22. März 1919 P. Graebner, E. Giig, A. Voigt, K. Müller. Arbeitsgebiete der Angewandten Botanik. Pflanzliche Nahrungs- u. Futter- Pflanzenbau; Physiologie der mittel; Nutzpflanzen Genußmittel" Pflanzenzüchtung Arzneimittel Samenkunde Fette - Pflanzenkrankheiten Ätherische Öle, Harze, Gummi Bodenbakteriologie u. ä. Kautschuck und Guttapercha Gärungsorganismen Gerb- u. Farbstoffe Technische Mikroskopie Faserstoffe Verschiedenes Hölzer