Angewandte Botanik. 250 Georg Lakon, Über d ie Bezahnung der Kiele der Vorspelze be i Lolium perenne L . und L . multiflorum Lmk. Von Priv.-Dozent Dr. Georg Lakon (Hohenheim-Stuttgart). (Mit 4 Textfiguren.) Die Scheinfrüchte des englischen Raigrases (Lolium perenne L.) lassen sich bekanntlich von denen des italienischen Raigrases (Lolium multiflorum Lmk.; Lolium italicum A . Br.) im allgemeinen durch das Fehlen der Granne unterscheiden. Dieses Merkmal ist indessen nur in den Fällen, bei welchen es sich um die Identität einer bekanntermaßen unvermischten Probe handelt, durchaus zuverlässig. Auch kann über die Zugehörigkeit begrannter Früchte zu L . multiflorum kein Zweifel bestehen. Anders bei grannenlosen Früchten, die man in schwankender Anzahl unter typischen, begrannten Früchten des italienischen Raigrases findet! Solche Scheinfrüchte können sowohl dem englischen, wie auch der grannenlosen Form des italienischen Raigrases angehören. Die Feststellung der Identität solcher Raigrasfrüchte is t schwierig und läßt sich nur durch die Bezahnung der Kiele der Vorspelze durchführen. Auf dieses Merkmal hat meinesWissens zum ersten Male Alexander Braun hingewiesen. In einer Abhandlung über das italienische Raigras) schreibt er bezüglich der Hauptcharaktere dieser Art im Vergleich zu den anderen verwandten Arten: Die Vorspelze der Blüte „zeigt a n ihren beiden Kielen stärkere, unter sich getrenntere Wimpern als die anderen Lolche; bei L . perenne sind sie viel gedrängter und feiner; bei L . temulentum kann man sie an den beiden scharfen Leisten kaum unterscheiden, si e sind wie verschmolzen“. Eingehender hat sich später Wittmack vom Standpunkt der Samenkontrolle mit der Frage der Unter scheidung der beiden Raigräser befaßt. In einem Vortrage führte e r aus*): „Besonders charakteristisch ist aber die borstige Be *) Flora. XVII, 1. (1834), (S. 241–253, 257–269). S. 266. *) Verhandlungen d . botan. Vereins d . Provinz Brandenburg. Jahrg. XVIII, (1876), S . LI–LII. (Vortrag gehalten am 28. Oktober 1876 in der 25. Haupt versammlung des Vereins). - Bezahnung d. Kiele d. Vorspelze bei Lolium perenne L. u. L.multiflorum Lmk. 251 zahnung der oberen Spelze. Diese Spelze is t bei L . perenne an Textur derber, aber kürzer und meist unterbrochener bezahnt a ls bei L . italicum, weshalb schon unter einer guten Lupe L . italicum stärker gezähnt erscheint. Noch deutlicher wird dies unterm Mikroskop. Die Borstenzähnchen der oberen Spelze a m reifen Samen messen bei L . perenne an der längsten (äußeren) Seite 74–171 u meist ca. 85–100 u ; bei L . italieum dagegen 114–208 u , meist ca. 114–150 u , a n der inneren Seite. bei ersterem meist 43–57, bei letzterem meist 67–71. Da die Dicke a n der Basis bei beiden gleich ist, so erscheinen daher die Zähn chen bei L . italicum schlanker, und gewöhnlich stehen sie auch dichter. – Bei Lolium temulentum sind sie noch kürzer als bei L . perenne (57–85 u an der äußeren Seite) und stark verdickt, hier ist auch das Lumen meist mit einer bräunlichen Masse an gefüllt; bei L . remotum Schrk. (L. arvense Schrd.) sind die Zähn chen am kürzesten (28–57 u) und gleichfalls stark verdickt.“ In den Handbüchern über landwirtschaftliche Samenkunde drücken sich die Autoren nur kurz und keinesfalls eindeutig aus. In Harz Samenkunde!) heißt e s bei L . perenne: obere Spelze kurz mikroskopisch-borstig; bei L . italicum: obere Spelze lang borstig gewimpert. Nach Settegast”) sind die Ränder der Bauchspelze b e i L . italicum „durch stärkere Borstenhaare bewimpert“ als bei L . perenne. Eine bildliche Darstellung des Unterschieds finden wir bei Rostrup”) und bei Stebler*). Die Rostrupsche Zeich nung der Bezahnung des italienischen und englischen Raigrases gebe ich auf Fig. 1 in der Original-Größe wieder. Von der Steblerschen Zeichnung is t ein Teil in zweifacher Vergrößerung auf Fig. 2 reproduziert. Stebler sagt an dieser Stelle unter Hinweis auf seine Figur: „Schon A . Braun führt aus, daß d ie Stachelhaare auf den Kielen der Vorspelze beim italienischen Raigrase dichter stehen, als beim englischen.“ Bei einer tabellari Schen Gegenüberstellung der Unterschiede zwischen englischem und italienischem Raigrase steht aber in demselben Werke") bezüg *) Landwirtschaftliche Samenkunde. 2 . Bd. Berlin 1885, S . 1341–1342. *) Die landwirtsch. Sämereien usw. Leipzig 1892, S . 231. * Aarsberetning fra Dansk frokontrol for 1901–1902 a f O . Rostrup. Kopenhagen 1903, S . 41. *) Stebler und Volkart. Die besten Futterpflanzen. 1. Bd, 4. Aufl., S . 5 9 , Abb. 46. *) S . 47. 17* 252 Georg Lakon, lich der Bezahnung der Kiele der Vorspelze für das englische Raigras: „auf den Nerven fein und dicht gewimpert“; für das italienische Raigras: „auf den Nerven gröber und entfernter gewimpert“. Vergleichen wir die vorstehenden Angaben der verschiedenen Autoren untereinander, so können wir feststellen, daß sie sich A 2 -E-HTFz -z-z Fig. 1. Die Bezahnung der Vorspelze bei L. perenne (oben) und L. multforum (unten) nach Rostrup. (In der Größe des Rostrupschen Originals). zum Teil widersprechen. Die Steblerschen Angaben stehen sogar gegenseitig im Widerspruch. Zunächst is t die oben zitierte Behauptung, daß nach A . Braun die Zähne bei italienischem Rai grase dichter stehen sollen als bei englischem, falsch; A . BraunS– Fig. 2. Die Bezahnung der Vorspelze bei L. perenne (unten) und L . multiflorun (oben) nach Stebler. (Etwa aufs Zweifache des Steblerschen Originals vergrößert). schildert, wie wir bereits oben gesehen haben, den Sachverhalt gerade umgekehrt. Die Steblersche Schilderung stimmt anderer seits mit der von diesem Autor gegebenen Figur überein (vgl. Fig. 2), steht aber (ebenso wie die Figur) in direktem Widerspruch zu den in der oben zitierten tabellarischen Zusammen stellung enthaltenen Angaben. Die Ausführungen von A . Braun, Bezahnung d. Kiele d. Vorspelze bei Lolium perenne L. u. L. multiflorum Lmk. 253 Wittmack, Harz, Settegast") und die Abbildung von Rostrup stimmen, was die Länge der Zähne anbelangt, miteinander über ein, nämlich darin, daß die Zähnchen bei L. multiflorum länger sind als bei L. perenne, während nach der Figur von Stebler d ie Bezahnung des italienischen Raigrases nur feiner aber nicht länger als die des englischen erscheint. Was dagegen die Ent fernung der Zähne voneinander betrifft, so paßt die Angabe Wittmacks, daß die Zähne von L . perenne meist unterbrochener stehen als die von L . multiflorum, wohl auf das Steblersche, aber nicht auf das Rostrupsche Bild, nach welchem letzteren die Zähne des englischen Raigrases gedrängter, die des italienischen mehr unterbrochen stehen. Mit der Zeichnung Rostrups steht andererseits die Beschreibung von A . Braun im Einklang. Die in der Literatur vorhandenen Widersprüche veranlaßten mich, die Frage einer eingehenden Untersuchung zu unterwerfen. Hierbei stellte e s sich bald heraus, daß die Abbildung im Stebler schen Buch den Sachverhalt keinesfalls richtig illustriert, daß sie eher geeignet ist, irrezuführen. Da sich dieses ausgezeichnete Werk mit Recht der größten Verbreitung und Beliebtheit erfreut, S 0 scheint mir eine Richtigstellung im allgemeinen Interesse zu liegen. Andererseits macht die Mannigfaltigkeit der Formen eine genauere Darlegung der Verhältnisse notwendig. - Zu meinen Untersuchungen standen mir außer zahlreichen Samenproben verschiedenen Ursprungs auch mannigfaches frisches und Herbar-Material zur Verfügung. In der überwiegenden Anzahl der Fälle war die Bezahnung der Kiele der Vorspelze für jede Art sehr charakteristisch und je einem bestimmten Typus ent sprechend, doch konnten auch Ausnahmen festgestellt werden, die eine geringere oder beträchtlichere Abweichung vom Typus dar stellen. Die interessantesten Formen habe ich auf Fig. 3 und 4 Vereinigt. Die Form Fig. 3 f stellt die typische Bezahnung von L . perenne dar: Die Zähnchen gehen bei auffallender Gleichmäßigkeit der Form unmittelbar ineinander über ohne Zwischen räume, sie stehen also gedrängt, sind sehr kurz und im Ver hältnis hierzu a n der Basis sehr breit (die Spitze daher Stumpf), und zeigen eine gleichmäßige starke einseitige ') Die von A . Braun und von Settegast für die Borstenhaare des italienischen Raigrases gebrauchte Bezeichnung „stärker“ is t nicht völlig ein deutig: e s müßte eher „länger“ heißen. 254 Georg Lakon, Neigung (nach der Spitze der Spelze hin), wobei die eine (die längere) Flanke leicht konvex, die andere (die kürzere konkav ist (Zahn daher schnabelförmig, von plastischem Aussehen). Die Form stimmt mit der Abbildung von Stebler vollkommen über ein. Auch die Abbildung Rostrups entspricht dieser Form, nur daß hier an zwei Stellen zwei größere Zwischenräume vorhanden sind. Solche Zwischenräume kommen tatsächlich nicht selten bei L. perenne in wechselnder Anzahl und Größe vor. Einen solchen Fall stellt z. B. Fig. 3a dar; die Zähne stehen hier einzeln, durch größere Zwischenräume voneinander getrennt, ihre Form is t nicht die typische: sie sind schlanker, nämlich länger und a n der Basis Fig. 3. Die Bezahnung der Kiele der Vorspelze bei L. perenne nach eigenen Untersuchungen (mit dem Abbeschen Zeichenapparat gezeichnet; auf das 75fache der nat. Größe reduziert). f typische Form. a-e mehr oder weniger vom Typus abweichende Formen. schmäler (daher am Gipfel mehr zugespitzt) als die der typischen Form und weniger schnabelförmig gebogen (von mehr starrem Aussehen). Die Figuren 3b-e stellen Übergänge von der typischen (Fig. 3f) zu der vom Typus extrem abweichenden Form (Fig. 3a) dar. - Abb. 4a stellt die typische Bezahnung von L . multiflorum dar. Die Zähnchen gehen zwar auch hier ohne Zwischenräume ineinander über, sind aber ungleichmäßig gebaut und haben eine von der des englischen Raygrases bedeutend abweichende Form: Die Länge der einzelnen Zähnchen ist im Vergleich zu der Breite der Basis außerordentlich groß (daher die Zähne Bezahnung d. Kiele d. Vorspelze bei Lolium perenne L. u. L.multiflorum Lmk. 255 am Gipfel scharf zugespitzt); die beiden Flanken der Zähne sind geradlinig oder kaum merklich bogenförmig und was ihre Länge anbelangt nur geringfügig voneinander ver schieden, so daß die Zähnchen eine ungleichmäßige, kaum ausgesprochene Neigung nach der Spitze der Spelze hin zeigen. Die Zähnchen bieten also hier in ihrerGesamtheit ein ungleich mäßiges, ausgesprochen starres Aussehen. Der dichtere Stand der Zähne von Fig. 4a im Vergleich zu Fig. 4f is t nicht auf einen mehr lückenlosen Zusammenhang, sondern auf die geringere Breite -z->Z-Z-<